Ein Art Danke

Was hieß das schon, aus Mangel an Beweisen. Der Fotograf Edward Plich war freigesprochen worden. Franziska starte auf das Bild in der Zeitung. Für sie war es unbegreiflich, wie man so einen laufenlassen konnte, nach all dem, was er auch ihr angetan hatte.

Geworben hatte er immer mit der gleichen Anzeige. Fotograf sucht Modells. Wie andere auch hatte sie geglaubt, dass sie von ihm kostenlose Fotos für ihre Setcard bekommen würde. So hatte er es Franziska auch beim ersten Gespräch zugesichert. Die Gegenleistung dafür aber – Franziska würgte. Diese Gefühl, sich nicht nur völlig entblöst zu haben für angeblich künstlerische Aktaufnahmen. Dabei waren sie nur ein Vorspiel gewesen, etwas, womit sich Plich aufgeilte. Als er mit ihr fertig war und sich seine Hose hochzog, war sie aus seinem Studio rausgeschlichen wie ein geprügelter Hund. Tagelang hatte sie sich in ihrer kleinen Wohnung eingeschlossen, die Seminare an der Uni verpasst. Die Lust, noch weiter zu studieren, hatte sie genauso wie ihr Lebensmut verlassen. In ihrer dunkelsten Stunde gab Michael ihr Halt, den sie brauchte. Holte sie wieder zurück ins Leben. Mit seinen 37 Jahren, davon 15 als Rettungssanitäter, hatte er schon vieles gesehen. Er holte sie zurück, nachdem Spaziergänger sie im Wald gefunden hatten. Pilzsammler, an solche Zufälle dachte man nicht, wenn man mit allem abgeschlossen hatte. Michael bemühte sich um ihr Leben, sah in ihr nicht das Objekt ungehemmter Begierde.

Seine ruhige Art. Der Ring an seiner Hand, das Foto seines Sohnes und seiner Frau. Sein Sohn, der immer fünf Jahre alt bleiben würde. Mutter und Sohn waren auf dem Weg zum Kindergarten gewesen, als der Wagen sie mitten auf dem Zebrastreifen erwischte. Sie hatten nicht leiden müssen, erzählte Michael Jessica. Das es so war, wusste er genau. Ihn hatte man zum Unfallort geschickt, nicht wissend, wer da überfahren worden war. Der Fahrer des Wagens wurde nie ausfindig gemacht. Bis jetzt. Franziska hatte sich bei Michael bedanken wollen. Das Einzige, was sie ihm geben konnte, lehne er ab. Nicht schroff, aber bestimmt, mit einem Ausdruck von unendlicher Traurigkeit in den Augen. Der Mensch, der so vielen anderen das Leben rettet, konnte sich selber nicht retten. Aber Franziska gab nicht auf, ahnte, auf welche Weise sie ihm helfen konnte.

Die Uni ließ sie sausen, hielt sich mit einem Job als Reinigungskraft über Wasser. Als Teil einer Putzkolonne kam sie in viele Büros. Für die meisten Menschen waren die Reinigungskräfte unsichtbar. Nichts, was man wahrnahm. Sie gehörten zu den Selbstverständlichkeiten, derer man sich nur bewusst wurde, wenn sie nicht funktionierten. Wenn ein Papierkorb ungeleert, ein Flur ungewischt blieb. Franziska war selten krank, mühte sich selbst noch mit Erkältung zur Arbeit. Dabei hatte sie einen anständigen Chef, der ordentlich zahlte, sich um seinen Mitarbeiter kümmerte und sie auch sozialversicherte. Franziska arbeitete, weil sie hoffte. Drauf, eines Tages auf den Fehler zu stoßen. Jeder machte welche. Ein Rest Lippenstift auf dem Kragen. Haare im Waschbecken. Oder die Rechnung für einen Leihwagen im Büro eines Autovermieters.

Franziska hielt es für keinen Zufall, das Plich sich für zwei Wochen einen Wagen geliehen hatte. Genau an dem Tag, nach dem Michael Frau und Kind verloren hatte. Sie erinnerte sich auch an den Wagen, den er gefahren hatte. Ein Modell, was auf das die Beschreibung der Zeugen passen konnte. Sie war sich sicher, wer den Wagen gefahren hatte. Sie legte die Zeitung beiseite, klebte den Brief an Michael zu. Nach der Post machte sie sich auf dem Weg zum Fotostudio. Ein Gang, der ihr schwer viel, aber sie tat es für Michael. Sie wusste, dass Plich nach dem Prozess zurück ins Studio fahren würde. Er hatte darüber eine Loftwohnung. So was hielt man nicht selber sauber, dafür hatte man eine Putzfrau. Eine, die sich neben ihrer regulären Arbeit in der Reinigungsfirma noch etwas schwarz dazu verdiente. Franziska war so an die Schlüssel zum Studio und der Wohnung gekommen. Hatte ihn der Kollegin einfach gestohlen. Aber sie würde ihn nicht mehr brauchen. Nicht, wenn Franziska mit Plich fertig war.

Edward Plich schloss gut gelaunt die Tür auf. Was konnte man ihm schon beweisen. Im Grunde waren die Dinger doch alle selber Schuld. Er ging die Treppe hoch und stieß den Putzeimer um, der sich auf ihn ergoss. Fluchend trat er den Eimer die Stufen herunter. Wieso stellte jemand den Eimer aufs Treppengeländer und den Schrubber dagegen? Darüber musste man doch stolpern. Zwei Stufen weiter roch er an seiner Kleidung. Das war kein Putzwasser sondern – über ihm ging die Tür auf.

Trotz des Kopftuchs und des blauen Kittels erkannte er die Frau. Sie hatte etwas in der Hand. Ein metallisches Geräusch von einem aufschnappendem Deckel, dann rieb ihr Daumen am Zündrad. Plich sah die Flamme, sah, wie sie das Feuerzeug warf. Dann brannte er. Schrie. Stolperte über die Treppe, fiel ins restliche Benzin. Der LKW-Fahrer konnte nicht mehr ausweichen, als Plich, immer noch schreiend und brennend, auf die Straße lief.

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