Ruhelos am Schreibtisch

Während ich derzeit nur im Zug ein paar ruhige Stunden zu finden scheinen und dabei eine menge Bücher gelesen bekomme, tobt zu Hause am Schreibtisch ein regelrechter Sturm. Nach Abwägung aller Vor- und Nachteile habe ich mich entschieden, meinen Serienmörder anderweitig zu verwenden.

Entgegen dem ursprünglichen Plan, ihn für einen Wettbewerb zum Thema „Rot“ zu verwenden, kommt er jetzt aufs Blutfest. Da da es sich dabei um einen reinen Krimi-Wettbewerb handelt, ist er dort sicher besser aufgehoben. Allerdings führt das zu ein paar Problemen, denn eigentlich wollte ich schon längst mitten in meiner Bioladen-Geschichte sein. Da mir aber jetzt quasi eine Geschichte fehlt (denn bei „Rot“ möchte trotzdem noch teilnehmen), habe mich selber arg unter Termindruck gesetzt.

Ende Mai ist Einsendeschluss. Bis dahin muss die neue Geschichte inklusive Testleser-Feedback und Korrekturren fertig sein. Hinzu kommen noch Idee und Gedanken zum nächsten Roman, die ich zwischendurch festhalten sollte. Da werden die Abende schon mal etwas länger. Zum Glück habe ich für die neue Kurzgeschichte schon eine ziemliche genaue Vorstellung. Szenen und Handlungsverlauf stehen schon fest. Etwas gebremst hat mich diesmal nur die Recherche – nicht weil sie aufwändiger war, sondern weil ich zum Thema sehr unterschiedliche Quelle habe, die sich in der Kernaussage auch widersprechen. So was passiert, wenn man sich ein schwieriges Thema aussucht.

Auch wenn ich jetzt schon weiß, dass ich mit der Geschichte keinen Blumentopf gewinnen kann (das Thema ist vermutlich zu heikel), will ich sie schreiben. Gerade auch wegen der Parallelen zu aktuellen Ereignissen. Damit das etwas deutlich wird, nehme ich zur Veranschaulichung einfach einen Teil dessen, was ich zur Vorbereitung zusammengeschrieben habe (weder stimmt die Erzählperspektive noch passen einzelne Teile genau zusammen, es ist ein nur leicht korrigierter Ausschnitt vom „Freien Schreiben“, der für mich nur zum Warmwerden mit der Geschichte da ist):

„Angeschossen. Da lag ich jetzt auf dem Gleis, aus zahlreichen Wunden blutend. Regen lief mir ins Gesicht und trotzdem konnte ich den Himmel sehen. Vor einer Stunde habe ich noch im Café mit Birgit gesessen. Wir haben uns über die Zukunft unterhalten. Klaus, der Verräter, hatte uns irgendwelche Pläne am Computer gezeigt. Eigentlich wollten wir aussteigen. Wollten wir das wirklich? Klaus meinte, so einfach könnte man sich nicht aus dem Staub machen und die Sache im Stich lassen. Dabei war er es, der uns verkauft hat. Nach dem wir bezahlt hatte, sind wir dann raus, wollten auf den Bahnsteig. Plötzlich ein Geschrei, Handgemenge. Als ich Klaus in die Augen geschaut habe, da wusste ich es. Birgit hat sich dann sofort ergeben. So einfach wollte ich es denen aber nicht machen. Hab mich dann losgerissen, bin weg, durch den Tunnel. Die Bullen hinter mir. Ob ich geschossen habe? Weiß ich nicht. Gezogen hatte ich meine Pistole auf jeden Fall. Dann ist einer der Bullen ganz ruhig geworden, fiel einfach so gegen eine Wand. Die anderen sind dann noch wütender gewesen. Ihr Gebrüll hinter mir habe ich gehört. Dann stand ich am Bahnsteig, in der Falle. Ich drehe mich um zielte mit der Waffe und merke diesen Schmerz im rechten Oberschenkel. Dann mein Bauch. Ganz heiß wird mir. Zwei Männer stürzen auf mich zu, zu spät. Ich falle nach hinten auf das Gleis. Jetzt kann ich den Himmel nicht mehr sehen. Vor mir im Gleisbett stehen die Zwei, einer beugt sich über mich. „Das Schwein hat Michael erschossen“, höre ich ihn sagen. Der Andere hält mir eine Waffe an den Kopf. Dann der Knall, ganz laut direkt an meinem Ohr. Jetzt sind die Schmerzen weg. Sehen kann ich auch nichts mehr, schmecke aber das Blut, in meinem Mund. Meine Hand auf dem Gleis, auch voller Blut. Ich will mir an den Kopf fassen, aber man lässt mich nicht. „Ganz ruhig jetzt.“ „Der bewegt sich immer noch.“ Ich höre andere Stimmen. Jemand drückt mir etwas auf den Mund. „Der kommt schon nicht durch“. Der Regen wird etwas stärker. Mir wird kalt. Meine Beine spüre ich schon nicht mehr. Irgendwann wird es bequemer unter meinem Rücken. Man hebt mich an. Ich höre lautes Motorengeräusch. Erschütterungen. Dann geht es in die Höhe. Immer weiter, immer höher. Dann ist da diese Wärme. Endlich sehe ich wieder was. Aus weiter Ferne nur ein Flüstern, als ob man mich jetzt nicht mehr stören will.“

Wie gesagt, mir ist klar, dass es kein einfaches Thema ist und vor allem ein Fall, bei dem man sehr unterschiedliche Standpunkte vertreten kann. Für mich ist diese Geschichte aber wichtig, weil ich damit eine Richtung einschlage. Krimis ja, aber mir ist auch die gesellschaftliche und politische Aussage wichtig. So gesehen ist der Kurzkrimi, an dem ich jetzt arbeite, eine Vorübung für den Roman, denn der wird einen deutlich politischen Einschlag haben.

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