Krimi-Mühle

„Nein Herr Richter, ich habe das wirklich nicht absichtlich gemacht. Ich bin kein Serien-Kritiker, ich bin unschuldig. Die Autoren haben mich alle provoziert.“ Ein schwaches Schlussplädoye des Angeklagten.
Selbst mit einer besseren Verteidigung wird mir wohl niemand glauben, dass ich wirklich nichts dafür kann. Der dritte Krimi in Serie und schon wieder deutet sich ein Verriss an. Dabei hatte ich so große Hoffnung gehabt, dass „Fliege machen“ von Lucie Flebbe gut ist. Die Kritiken, unter anderem in der Süddeutsche Zeitung, waren sehr positiv und voll des Lobes. Letztendlich bin ich aber selber Schuld, denn ich habe die Zeichen nicht gesehen, aus denen ich hätte erkennen können, was sich da anbahnt.

Auf dem Buchrückseite finden sich lobende Worte von FOCUS Online, dem MDR Hörfunk und 3Sat Kulturzeit:

Da ist es wieder, das neue Krimiwunder.
Lucie Flebbe scheint ein literarisches Naturtalent zu sein.
Jung, geistreich und nicht auf den Kopf gefallen.

Tolle Zitat. Wer genau hinschaut, muss feststellen, das sie sich auf den „Hämatom“ beziehen und nicht auf „Fliege machen“. Seien wir aber nicht ungerecht, so was kann ja mal passieren. Kennt man schließlich von Fußnoten. Mir ist das auch erst aufgefallen, nach dem ich nach den ersten zwanzig Seiten das Buch enttäuscht zu Seite gelegt hatte (keine Angst, ich werde auch diesmal tapfer bis zum Ende durchhalten).

Diese ersten Seiten fingen nicht schlecht an, im Gegenteil. Kein Prolog, ein erstes Kapitel mit einem Einstieg, der neugierig macht:

Vor mir stand ein Schlumpf. Ein kleiner, stinkender Schlumpf, der zu allem Überfluss hicksende Heulgeräusche von sich gab wie ein defekter Feuerwehrmelder.
Mein Name ist Lila, ich bin zwanzig Jahre alt und ich habe definitiv den falschen Job.

Da kann man nicht anders als weiter lesen. Zweite Seiten weiter kommenden dann die ersten Zweifel:

Ich strich mir die schulterlangen, blonden Haar hinter die Ohren und klimperte ihn mit einem himmelblauen Augenaufschlag an.

Stilistisch geht das auch bei den anderen Figuren so weiter:

Das Ticken ihrer bilogischen Uhr war selbst im Getöse der durcheinanderkreischenden Schlumpfgruppe zu hören.

Mal so ein Bild zu verwenden geht in Ordnung, ausschließlich solche Überzeichnungen, ist aber weder lustig noch besonders geschickt. Vor allem fragt man sich als Leser, ob man nicht versehentlich daneben gegriffen hat, denn eigentlich wollte man doch einen Krimi. Das ein Privatdetektiv zusammen mit seiner Assistentin ermittelt, ist vermutlich so originell, dass man so was mittlerweile im Tierheim zum Einschläfern von Hunden verwendet.
Noch ein Beispiel gefällig? Kein Problem:

Der anschmiegsame braune Kaschmir des Pullunders harmonierte perfekt mit dem dicken, welligen Harr des Kommissars und seine schönen, kastanienfarbenen Augen.

Das sind so Momente, wo ich bedaure, mit der Bahn zu fahren und nicht zu fliegen. Bei den allermeisten Fluglinien gibt es nämlich immer noch diese praktischen Beutel für ein gewisses „Bedürfnis“.

Kann sein, dass sich im weiteren Verlauf alles klärt und auch die Protagonistin sich entwickelt, aber so Behauptungen, dass Wohnungslose grundsätzlich erbetteltes Geld in Bier umsetzen, ist schon starker Tobak. Das ist kein Humor mehr, Frau Flebbe.

Abgesehen davon ist es mit der Glaubwürdigkeit zumindest bisher auch so eine Sache. Da hat zum Beispiel der Privatdetektiv einen kopierten Dienstausweis eines befreundeten Polizisten, auf das er sein eigenen Foto „gebastelt“ hat. Das er damit durchkommt, wir so begründet:

Erlauben konnte er sich solche hilfreichen Ermittlungsmethoden erst, seit er über einige säuberlich abgeheftete Fotos der Kripochefin in Strapsen verfügte.

Wer so was an den Haaren herbeizieht, muss sich nicht wundern, wenn bald überall notgedrungen nur noch Perücken getragen werden.

Ich bin, wie erwähnt, gerade erst am Anfang des so genannten Krimialromans. Noch kann sich alles Ändern. Gerade zu Ostern rum ist der Glaube an Wundern bekanntlich besonders stark.

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