Katastrophen Porno

Katastrophen Porno

Revolution in Tunesien, Bürgerkrieg in Libyen und ein Machtwechsel in Ägypten. Während viele heute morgen noch dabei waren, die Meldungen der letzten Tage zu verdauen, folgte die nächste Meldung.

Ein schweres schweren Erdbeben und ein darauf folgender Tsunami hat heute morgen in Japan eine enorme Zerstörung angerichtet. Es wird sogar vom schlimmsten Beben in der japanischen Geschichte gesprochen. In relativer Sicherheit hier zu Lande gilt natürlich allen Betroffenen tiefes Mitgefühl. Ein Mitgefühl, dass ehrlich gemeint ist und sich nicht aus der Angst speist, es könnte doch noch zu einer Kernschmelze im japanischen Atomkraftwerk Fukushima kommen, mit Folgen die einen wohlmöglich selber treffen könnten. Das es in diversen sozialen Netzwerken heute brodelte zum Thema Japan, kann ich verstehen. Was sich mir aber verschließt, ist der Sinn von Live-Tickern. oder gar einem Live-Videostream aus Japan. Natürlich, auch ich möchte wissen was passiert ist. Daher bin ich froh, dass wir Journalisten haben, welche die Flut (man verzeihe mir den in diesem Zusammenhang etwas unpassenden Begriff) an Informationen aufbereiten, auswerten und einschätzen können. Was aber soll ein Live-Ticker? Welchen Nutzen hat er für mich?

Mir kommt das wie ein Katastrophen Porno vor, an dem sich die nicht betroffenen Menschen ergötzen. Etwas Elend im Fernsehen, dann fällt das Bügeln der Hemden leichter. Den Betroffene Menschen in Japan hilft das jedenfalls nicht. Wer Angehörige, Freunde, Bekannte hat, bei dem mag das anders aussehen. Er ist mittelbar selber betroffen, will wissen, ob es den Menschen, die ihm nahestehn, gut geht. Was ist aber mit dem Rest von uns? Warum schauen wir auf die Bilder, die Videos aus Japan? Geilt uns das auf? Fühlen wir uns besser dadurch?

Das die Welt ein Dorf ist, ist nur ein Spruch. Tatsächlich kenne ich persönlich nicht mal einen in Deutschland lebenden Japaner. Viele von uns gehen an den Obdachlosen morgens der eigenen Stadt vorbei. Wo ist da unser Mitleid? Der Mensch ist ein sehr zynisches Lebewesen. Kaum hat sich die Erde etwas beruhigt, liest man Schlagzeilen wie diese: „Beben in Japan – Kurssturz an Tokios Aktienmärkten“ oder diese: „Milliardenschaden: Beben in Japan belastet deutsche Versicherer“ (beide SPON). Vielleicht geht es beim Live-Ticker überhaupt nicht um Menschenleben, sondern um Börsenwerte und Versicherungspolicen. Einen kurzen Moment zumindest sollte man darüber nachdenken.

Ich für meinen Teil werde heute Abend ein Teelicht ins Fenster stellen. Für die Toten, die Opfer, die Lebenden. Vielleicht sieht es keiner. Bis Japan wird der Schein er Flamme nicht reichen. Mir ist diese Geste dennoch wichtig. Ich hoffe, dass die Menschen in Japan von den angekündigten Tsunamis heute Nacht verschont bleiben.

One Reply to “Katastrophen Porno”

  1. Die Idee mit dem Teelicht hat mir gefallen. Leider habe ich sie zu spät gelesen und bin selbst nicht darauf gekommen. Meine Anteilnahme äußert sich anders. Aber egal.

    Die Berichte von den Börsen haben mich auch zutiefst angeekelt. Ist mir doch sch*** egal, ob die Versicherungen jetzt Miese machen. Meistens drücken sie sich sowieso vor den Zahlungen. Und dass deren Aktien fallen, kann ich auch nicht wirklich bedauern. Das ist doch ihr Risiko, oder? Sicher sind sogar die Versicherer versichert… Nur die, die alles verloren haben, die gucken nachher wahrscheinlich wieder in die Röhre und ein dummer Aufsichtsratsvorsitzender brüstet sich in der Jahreshauptversammlung damit, dass die Verluste gar nicht so groß waren. Igitt!!!

    Die Live-Ticker finde ich ansonsten in Ordnung. Ich will wissen, was da passiert. Ich habe Angst vor den globalen Auswirkungen auf Luft, Wasser, Lebensmittel. Natürlich, und da bin ich nicht allein.

    Solveig

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über Thomas Boley

Geboren wurde ich im Jahre des Herren 1971 in Wesel am Niederrhein – die Kommentare an dieser Stelle bezüglich des Bürgermeisters bitte verkneifen! Mein Verhältnis zu dieser Stadt würde wohl den Umfang dieser Seite sprengen. Nur soviel sei gesagt: Es ist durchaus durchwachsen, worin es sich aber nicht von meinem Verhältnis zu Bielefeld unterscheidet. Nach dem üblichen Werdegang (Kindergarten, Schule, Abitur, Zivildienst) und den üblichen jugendlichen Irrungen und Wirrungen verschlug es mich zum Studium nach Bielefeld verschlagen. 18 Jahre später ging es dann zurück an den Rhein, in die Domstadt Köln. mehr erfahren