Bewusstseinsstrom

Mit der Kurzgeschichte „Keine halben Sache“ komme ich trotz guter Vorsätze derzeit nicht voran. Möglich, dass ich mir da selber im Weg stehe. Anfang der Woche drängte sich mir dann eine Gesichte auf, die ich erstmal vorziehen werde.

Im Unterschied zur anderen Geschichte werde ich dabei diesmal nicht den Entstehungsprozess dokumentieren. Die fertige Geschichte gibt es daher frühsten nach der ersten Überarbeitung. Statt dessen werde ich einzelne erzähltechnische Aspekte beleuchten, die ich in der Kurzgeschichte verwenden.
Auf Grund der Thematik meiner geplante Geschichte stand für relativ früh fest, dass ich diese nur aus der Ich-Perspektive erzählen kann. Diese einschränkte Perspektive hat den Vorteil, dass ich nichts schreiben muss (kann), was über den Erfahrungshorizont der Figur hinausgeht. Der Autor hält sich aus der Geschichte heraus. Eine sehr radikale Möglich dafür ist der so genannte Bewusstseinsstrom (stream of consciousness). Mit ihm lässt sich das Innenleben einer Figur sehr gut wiedergeben. Innerhalb der Kurzgeschichte wird dies an den Stellen zum Einsatz kommen, wo die Figur schläft und träumt. Die unterbewusste Art, mit der wir träumen, lässt sich so gut darstellen.

Was aber ist der Bewusstseinsstrom genau? Mit ihm wird versucht, die ungeordneten Gedanken- und Gefühlswelt einer Figur nachzuahmen. Die etwas ausführlichere Definition von Wikipedia ist zwar hilfreich, es fehlt aber ein Beispiel zur Verdeutlichung. Dieses findet sich in „Ulysses“ von James Joyce. Hören wir mal den Gedanken der Molly Bloom zu:

es geht doch nichts über so einen Kuß lang und heiß geht einem runter bis in die Seele ja lähmt einen fast und dann kann ich diese ganze Beichterei auf den Tod nicht ausstehen wie ich immer zu Pater Corrigan gegangen bin er hat mich angefaßt Pater na wenn schon was ist denn dabei und er gleich wo und ich wie ein richtiges Doofchen als Antwort am Kanalufer
Quelle: James Joyce, Ulysses

Sofort wird deutlich, was mit verkürzter Syntax und dem Wegfall von Satzzeichen gemeint ist. Auch fällt auf, das Verben des Sagens wie „sagte“, „fragte“ etc., die so genannten verba dicendi, ebenso fehlen wie Wahrnehmungsverben (verbum sentiendi), also „hören“, „sehen“ etc. Die Zeitform für einen Gedankenstrom kann sowohl das Präsens als auch das Präteritum sein.

Soviel zur Theorie. Kommen wir nun zur Praxis. Nehmen wir an, wir wollen den Traum einer Figur als Bewusstseinsstrom (wie in meinem Fall) darstellen. In dem Traum läuft die Figur durch einen Wald, sie fühlt sich verfolgt, bekommt es mit der Angst zu tun:

ich in den Wald immer tiefer das Geräusch hinter mir weiterlaufen diese angst mein herz pocht bis zum hals doch so dunkel hier sieht kaum die Hand vor Augen ist immer noch hinter mir muss schneller laufen

Ob das Beispiel gelungen ist oder nicht, lassen wir mal dahingestellt. Die Technik jedenfalls sollte jetzt deutlich sein. Meiner Meinung nach eignet sie sich vor allem für kürzere Passagen. Ein ganze Kapitel, gar einen ganzen Roman möchte ich so nicht lesen. Nicht ohne Grund wurden Satzzeichen und Absätze erfunden. Kleine Anmerkung zum Schluss: Der Effekt des Gedankenstroms lässt sich noch etwas verstärken, wenn man auf Großschreibung völlig verzichtet. Zusätzlich können einzelne Wörter besonders betont werden, in dem man sie vollständig in Großbuchstaben schreibt.

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