Worte schmecken

Für mich ist ein gutes Buch wie ein guter Whiskey. Man schmeckt die Wort auf der Zunge, lässt die Sätze langsam schmelzen, bevor man die nächste Seite trinkt.

Ein gutes Buch lese ich wie im Rausch. Genauso fühle ich mich dann, wenn es zu Ende ist. Verkatert, mit den Gedanken noch in der Geschichte hängend, die einen doch nicht so ganz los lässt. In der Fachliteratur wird oft von einem so genannten fiktionalen Traum gesprochen. So schreibt zum Beispiel John Gardner, dass es die Aufgabe des Autors sei, einen „kontinuierlichen und fiktionalen Traum“ herzustellen. Widersprüche, Lücken oder Fehler im Text führen beim Leser dazu, dass er aus diesen Traum herauskatapultiert wird. Der Effekt ist ungefähr so, wie wenn man mitten in einer spannenden Szene im Kino plötzlich das Licht an macht.

Das Jahr war an diesem Morgen erst 30 Tage alt. Sarah gefiel die Zahl. 2011, das klang wie ein Versprechen. Im Nachthemd stand sie unentschlossen in ihrem Schlafzimmer. Wie kalt es wohl war? Sie trat ans Fenster und zog den Vorhang ein Stück zur Seite. Auf den Autodächern konnte sie Raureif sehen. Unentschlossen lag der Freitagseinkauf vor ihr.

Im dem Beispiel oben habe ich versucht, bewusst einen Bruch in der Erzählung zu erzeugen. Wie schwierig dass ist, war mir allerdings vorher nicht klar. Den Abschnitt habe ich mehrfach umgeschrieben und immer wieder vorgelesen. Mal fiel auf, dass ich von Hoffnungen sprach, die sich 2011 erfüllen sollte, wobei Sarah als zu ungeduldig empfunden wurde. Dann war es die Redewendung „sich warm anziehen“ in Bezug auf den Freitagseinkauf, in die was hineininterpretiert wurde, was von mir so nicht beabsichtig war.

Das was ich eigentlich verdeutlichen wollte, wie ein Bruch in einer Erzählung wirkt, ist mir anscheinend misslungen. Vielleicht es es auch so, dass es schwer ist, Fehler bewusst zu machen, selbst dann, wenn man mit ihnen etwas zeigen möchte. Klären wir trotzdem auf, was an dem Text oben (doch nicht offensichtlich) falsch ist.

Ein einfache Frage hilft dabei: Um welches Datum geht es in dem Text? Plötzlich wird der Bruch deutlich. Die Frage, die ich mir jetzt stellen muss ist die, ob ein Bruch in Bezug auf Fakten nur dann spürbar wird, wenn man im Thema ist. Ich denke schon. Einem Arzt werden in einer Geschichte, in der es um medizinische Details geht, die Fehler sofort auffallen. Ebenso sträuben sich bei Polizisten die Haar, wenn sie sich so manchen Krimi durchlesen. Wer sich dagegen nicht auskennt, bleibt in der Geschichte. Was mir überings leider nach wie vor noch sehr gut gelingt, ist den Leser mittels Schreibfehler und Wortleichen aus meinen Texten zu werfen.

Das Aufwachen aus dem fiktionalen Traum erkennt man ganz gut daran, dass man sich die „Moment, müsste das nicht…“ Frage stellt. Dann schmecken die Worte plötzlich wie etwas, was schlecht geworden ist.

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