Keine halben Sachen: Plot II

Die beiden ersten Versuche hinsichtlich des Plots haben mir gezeigt, dass mir noch etwas theoretischer Unterbau fehlt. Was genau ist ein Plot? Es gibt ein treffendes Zitat von E. M. Forster dazu:

„The king died and then the queen died“ is a story. „The king died, and then queen died of grief“ is a plot.

Entscheiden daran ist, dass erst „Der König starb und dann starb die Königin vor Gram.“ einen Plot ergibt, während „Der König starb und dann starb die Königin.“ kein Plot ist, sondern nur zwei Ereignisse erzählt werden, die nichts miteinander zu tun haben. In einem Plot stehen die Ereignisse zueinander in Beziehung – Ursache und Wirkung. Der Leser weiß, warum die Königin gestorben ist. Ein Plot ist die Kurzfassung der späteren Handlung. Ein Plot ist quasi die Bauanleitung für die spätere Erzählung.

Vor diesem Hintergrund war der zweite Versuch ein ziemlicher Fehlschlag, da es lediglich Überschriften sind. In einem Roman könnte man daraus vielleicht Kapitelüberschriften machen, aber für eine Kurzgeschichte ist das wenig brauchbar. Also noch mal einen Schritt zurück und auf der Basis des ersten Versuches den nächsten wagen.

Dritter Versuch:
M sitzt auf einem Stuhl und wartet auf die bevorstehende Amputation seines verbliebenen Beines. Dabei denkt er zurück an die Amputation seines ersten Beines. Weil er das zweite Bein nicht auf die gleiche Weise entfernen lassen konnte, hatte er sich jemanden gesucht, der in der Wohnung von M das Abtrennen des Beines vornehmen wird. Damit das Vorhaben gelingt, haben M und sein Helfer eine Reihe von Vorbereitungen getroffen, die M in Gedanken noch mal der Reihe nach durchgeht. Ein Zurück gibt es für M nicht mehr, da es für ihn die einzige Möglichkeit ist, sein verbleibendes Bein loszuwerden. Nur so meint er, sich endlich vollständig zu fühlen. Als Zeichen dafür, dass M und sein Helfer bereit sind für den Eingriff, nicken sie sich zu.

Auf mich macht das erstmal einen deutlich besseren Eindruck als die ersten beiden Versuche. Es wirkt wie die Kurzfassung der Handlung, unterscheidet sich aber in jedem Fall von der Reduktion. Austesten lässt sich ein Plot, in dem man ihn jemanden erzählt. Wenn derjenige erfasst, worum es geht und wie die einzelnen Geschehnisse zusammenhängen, funktioniert der Plot.
Mir stellt sich beim dritten Versuch allerdings die Frage, ob ich mit dieser Fassung weiterarbeiten und daraus die Geschichte entwickeln kann. Ich fände es besser, den dritten Versuch zwar so zu belassen, aber anhand der Überschriften aus dem zweiten Versuch zu zerlegen, damit sich daraus einzelnen Abschnitte ergeben.

Vierter Versuch:
Auf dem Stuhl in der Wohnung
M sitzt auf einem Stuhl und wartet auf die bevorstehende Amputation seines verbliebenen Beines.
Die Amputation des ersten Beines
Dabei denkt er zurück an die Amputation seines ersten Beines.
Der Helfer fürs Grobe
Weil er das zweite Bein nicht auf die gleiche Weise entfernen lassen kann, hat er sich jemanden gesucht, der in der Wohnung von M das Abtrennen des Beines vornehmen wird.
Gut vorbereitet
Damit das Vorhaben gelingt, haben M und sein Helfer eine Reihe von Vorbereitungen getroffen, die M in Gedanken noch mal der Reihe nach durchgeht.
Das Bein muss ab
Ein Zurück gibt es für M nicht mehr, da es für ihn die einzige Möglichkeit ist, sein verbleibendes Bein loszuwerden. Nur so meint er, sich endlich vollständig zu fühlen.
Es geht los
Als Zeichen dafür, dass M und sein Helfer bereit sind für den Eingriff, nicken sie sich zu.

Neben einer Anpassung der Zeitform an zwei Stellen ist vor allem eine Änderung, die auffällt. Im zweiten Versuch waren „Gut vorbereitet“ und „Das Bein muss ab“ noch in umgekehrter Reihenfolge. In der jetzigen Form passt es besser. Der Plot hat demnach bereits eine Veränderung in der Abfolge der einzelnen Stationen bewirkt.

Sprachlich lässt sich mit Sicherheit noch einiges verbessern am vierten Versuch, allerdings macht das aus meiner Sicht keinen Sinn. Der Plot dient für mich nur als Gerüst, das hinterher im fertigen Text nicht mehr zu sehen ist. Mit der jetzigen Fassung meines Plots kann ich erstmal weiterarbeiten.

Die nächsten Schritte werden jetzt darin bestehen, mir inhaltliche Gedanken zu den einzelnen Stationen zu machen und zu prüfen, an welcher Stelle ich noch Recherche betreiben muss – insbesondere trifft das auf die medizinischen Details zu, für das mir schlicht das Hintergrundwissen fehlt. Was davon in den Text reinkommt, ist dabei nicht entscheidend, wichtig ist es vor allem, nichts zu schreiben, was offensichtlich falsch ist. Widersprüche bzw. Fehler würden dazu führen, dass sich der Leser damit beschäftigt und nicht mit dem, was die Kurzgeschichte eigentlich zum Ausdruck bringen soll.

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