Texte und Kritik

Schreiben ist nie etwas, was in einem kritikfreien Raum entsteht. Selbst Texte, die im stillen Kämmerlein entstehen und dieses nie verlassen, müssen sich der Kritik stellen. Wer schreibt, kann nicht anders, als seinen eigenen Text zu lesen.

Durch das Lesen jedoch ergeben sich automatisch die Fragen an den eigene Text. Ist er wirklich gut? Passt das hier an diese Stelle? Gibt es nicht ein anderes Wort dafür? Die Antworten auf solche Fragen sind erstmal nicht das Wichtigste, sondern der Umgang des Autors damit. Entweder führt der Prozess der inneren Kritik dazu, dass der Text besser wird (manchmal auch schlechter) oder aber er wird vom Autor verstoßen, im extremen Fall komplett gelöscht. Das ist der denkbar schlechteste Umgang mit dem Geschriebenen, denn so nimmt man sich selber die Chance, aus seinen (vermeintlichen) Fehlern zu lernen. Besser wird man nur, wenn man die Möglichkeit hat, auch zurück schauen zu können. So sieht man selber die Entwicklung in seinen Texten.

Neben der inneren, sich automatisch vollziehen Kritik gibt es noch weitere Formen, die dann auftreten, wenn der Text der Öffentlichkeit ausgesetzt wird. Das kann entweder ein kleiner Kreis von Personen sein oder aber ein breites Publikum. Drei Formen der Reaktion sind dabei möglich. Zustimmung, Ablehnung und Ignoranz. Dabei ist die Ignoranz das Schlimmste von dem, was einem Autor passieren kann. Weder Lob noch Tadel, weder konstruktive noch destruktive Kritik können so verheerend sein wie das ausbleiben einer Äußerung.

Jeder Text trägt in sich die Frage, „Sag, wie findest du mich?” Die Antwort darauf ergibt sich beim Leser, sobald er sich mit dem Text befasst. An ihm liegt es, ob er seine Antwort mitteilt und auf welche Weise er dies tut. Schweigt der Leser, nimmt er sich selbst die Chance, in eine Diskussion einzusteigen. Das muss nicht zwangsläufig eine Diskussion mit dem Autor selber sein, sondern kann auch in ein Gespräch über den Text mit anderen Lesern münden. Selbst wenn man den Text nutzt und selber aktiv wird, ist dies kein Schweigen, sonder ein adäquater Umgang mit dem Text.

Lesen heißt borgen, daraus erfinden abtragen.
(Georg Christoph Lichtenberg)

Wer nur liest, ist wie jemand, der sich ständig Dinge borgt, ohne sie jemals zurück zu geben. Er macht seine Umwelt dadurch ein Stück ärmer, schadet letztendlich sich selber.

Als Autor freue ich mich auch über destruktive Kritik, denn sie zeigt mir, dass sich derjenige mit meinem Text auseinander gesetzt hat. Wobei Kritik selbstverständlich nicht darin besteht, lediglich zu sagen, dass einem etwas nicht gefallen hat. Gleichermaßen verhält es sich allerdings auch mit dem Lob, welches nicht von einer Begründung begleitet wird. „Es gefällt mir” ist zwar süßer Honig, aber der allein macht nicht satt.

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