29. November
2010

Brunch ohne Mörder

von tboley um 10:44 Uhr

“Darüber sprechen wir noch, Herr Tellmann!” Die Taufe von Michael Langbachs Sohn war ein Desaster gewesen. Zum Glück hatte Tellmann den Schreihals nicht im Taufbecken ertränkt. Angesichts seiner Nervosistät hätte ihn das nicht gewundert. Neben den üblichen Alten, die über jeden Gottesdienst, den sie noch erleben durften, froh waren, waren zahlreiche Personen im Gottesdienst gewesen, die nicht der Gemeinde angehörten. Natürlich die gesamte Verwandtschaft der Familie Langbach. Darüber hinaus waren Krimminalkommisar Küppers, der neben Judith Rintrop gesessen hatte, Schwester Agnes und eine junge Frau, die immer wieder zu Jan Küster herüber geblickt hatte, anwesend gewesen. Allein die Anwesendheit von Küppers hatte Tellmann ziemlich durcheinander gebracht. Trotz seiner Routine waren ihm mehrere Dinge durcheinander geraten. Die Versprecher waren dabei noch harmlos gewesen.
“Machen sie sich nichts daraus Herr Tellmann”, Küppers war als letzter aus der Kirche gekommen und legte ihm eine Hand auf die Schulter, “Es gibt schlimmeres.” Davon war Tellmann überzeugt. Besonders deshalb, weil er an das Treffen gleich dachte. Jan Küster war bereits vorausgegangen, um den Gemeindesaal aufzuschließen. Die junge Frau hatte ihn dabei begleitet. Tellmann hatte allerdings eigen Probleme, um über Küster länger nachzudenken. Er schluckte. “Ich sehe sie dann gleich drüben”. Küppers folgte der kleinen Gruppe, bestehend aus Frau Rintrop, Schwester Agnes und Gisela Tellmann. Pfarrer Tellmann ging zurück in die Sakristei, um sich umzuziehen. Hier hatte er wenigsten noch einen Moment Ruhe. Seine Schwester hatte mit Küster zusammen ein paar Kleinigkeiten organisiert. Brunch nannte sie das. Ihm kamen noch ganz andere Bezeichnungen in den Sinn, als er die Sonate abstreifte. Ein kurzes Stoßgebet noch, dann ging er hinaus.

“Da sind sie ja endlich Herr Tellmann. Dann sind wir wohl jetzt komplett.” Küppers hatte sich gerade ein Mettbrötchen genommen deutet auf den freien Platz neben sich. Letztlich war es egal, wo er saß. Tellmann folgte der Einladung. Er blickte in die Runde. Bis auf Küppers, der gute Laune zu haben schien, sahen alle genauso aus, wie Tellmann sich gerade selber fühlte. Wie es Juith Rintrop ging, konnte er nicht sehen, da sie ihm gerade den Rücken zugewandt hatte und bei der Kaffeekanne stand. Küppers räusperte sich. Für seine gute Laune gab es Gründe. “Sie werden sich vermutlich nicht fragen, warum sie heute hier sind. Jeder von ihnen hat mindestens eine guten Grund.” Mit Ausnahme von Judith und Frau Tellmann vielleicht, ging ihm durch den Kopf. Aber das waren schließlich nur unwichtige Details. “Wen ihnen allen mittlerweile bekannt ist, wurde Professor Dr. Rodenkirchen, Leiter der Archäologischen Grabungen im APX, gestern Morgen tot unter einer Weide aufgefunden. Wir gehen davon aus, dass er mit einer Stange aus Metall erschlagen wurde. Das interessante daran ist, dass wir Reste von Salpetersäure an den Metallsplittern in seiner Wunde gefunden haben. Heute Morgen hat mich ein Kollege aus Wuppertal angerufen, von dem ich einen Tipp bekommen habe, der ziemlich gut ins restliche Bild passt. Aber dazu komme ich später noch.” Küppers blickte in die angespannten Gesichter. Die letzten Stunden vor dem Gottesdienst waren sehr arbeitsintensiv gewesen für ihm. Ein wenig wollte er sich jetzt dafür entschädigen, in dem er seinen Monolog in die Länge zog. Schade nur, dass Stollmann nicht anwesend war. “Soweit wir wissen, gibt es vermeintlich nur zwei Personen, die Herrn Rodenkirchen zuletzt lebend gesehen haben. Der Mörder und sie, Herr Tellmann. Laut ihrer Aussage ist der Ermordete bei ihnen als Anhalter mitgefahren. Auf Grund der Tatsache, in welchem Zustand wird den Wagen von Herrn Rodenkirchen gefunden haben, gehen wir davon aus, dass ihre Aussage in diesem Punkt tatsächlich der Wahrheit entspricht. Der Zettel, den ihre Schwester”, er blickte Gisela Tellmann an, “in ihrem Auto gefunden hatte, gab uns ein kleines Rätsel auf. Wer ist wohl dieser mysteriöse J. Gewesen, der im Hotel Niebelungen die Nachricht für Herrn Rodenkirchen hinterlassen hat? Fragen sie sich das nicht auch, Herr Jan Küster?”. Küppers betonte den Vornamen besonders. Alle schauten Küster an, der verblüfft aussah. “Keine Angst Herr Küster, sie sind nicht dieser J., denn auch wenn die Beschreibung von Herrn Albrecht, dem Hotelbesitzer, äußerst dürftig war, so passt sie auf keine Fall auf sie.” Küppers trank einen Schluck Kaffe. Kein Vergleich zu der Melange, die er heute Morgen mit Judith im Gotischen Haus getrunken hatte. Mit dem Frühstück hatte er zwei Dinge gleichzeitig erledigt. Judith ausführen und jemanden vom Personal zu befragen. Ihm war es sogar gelungen dass so zu bewerkstelligen, dass sein Schatz davon nichts mitbekommen hatte. Von Herrn Albrecht hatte er noch den Hinweis bekommen, wo Rodenkirchen häufiger zum essen gegangen war. In Bezug auf den Toten konnte ihm die Frau im Gotischen Haus zwar nicht weiterhelfen, aber sie beschwerte sie ausgiebig über eine Gast von gestern bei ihm. Fast hätte Küppers das als Lappalie abgetan, denn es konnte schon mal passieren, das Leuten das Essen nicht schmeckte, kam schließlich bei ihm zu Hause auch häufiger vor. Als die Bedienung ihm jedoch den Gast jedoch näher beschrieb, war ihm bewusst geworden, dass es sich bei der Person um den Radfahrer gehandelt hatte. Jeder Fahrradfahrer, dem er auf dem Markt die Waffel spendiert hatte. Auf dem Markt hatte er noch keinen Koffer dabei gehabt. Angesichts der Tatsache, dass der fremde Gast in Rodenkirchens Zimmer den Koffer des Toten mitgenommen hatte, war das nicht unwichtig gewesen. Küppers ging daher davon aus, dass dieser J. identisch war mit dem Fahrradfahrer und dem Mann im Gotischen Haus. Laut Aussage eines anderen Mitarbeiters im Gotischen Haus hatte der Mann auch am Freitag Abend mit Herrn Rodenkirchen zusammen dort gegessen. Damit war Küster als Täter ausgeschieden, ebenso wie alle anderen Anwesenden. “Wir wissen mittlerweile ziemlich genau”, fuhr Küppers fort, “was Herr Rodenkirchen gestern Abende gemacht hat. Er war mit einer uns noch unbekannten Person im Gotischen Haus essen. Danach sind die beiden mit dem Wagen nach Ginderich gefahren, wo sie aber nie ankamen. Das Auto wurde gestern in einem Graben gefunden. Im Kofferraum des Wagens befanden sich zwei Paar Schuhe in unterschiedlichen Größen.” Es war ein absoluter Glücksfall gewesen, dass in dem größeren paar noch das Verkaufsettikett gelebt hatte. Der Besitzer des Geschäftes in Emmerich war zwar ziemlich ungehalten, als Küppers in am frühen Sonntag Morgen aus dem Bett geklingelt hatte, half ihm aber trotzdem weiter. “Somit können wir davon ausgehen, dass sie wirklich zwei Personen gestern Nacht mitgenommen haben, Herr Tellmann.” Wirklich erleichtert war dieser allerdings noch nicht, fand Küppers. Recht so. Jetzt kam er zum Höhepunkt “Sie alle wissen vom Kauf eines Kelches an das Kloster der Zisterzinnserinnen, nehme ich an. Schließlich hat das auch ganz offiziell in der Zeitung gestanden und war auch mit der Museumsleitung abgesprochen gewesen. Ebenfalls gehe ich davon aus, dass sie wissen, dass dem Kloster noch ein weiterer Gegenstand verkauft werden sollte. Allerdings diesmal nicht ganz so offiziell. Wir können mittlerweile davon ausgehen, dass es sich bei dem angebliche Stück vom Stab des Nikolaus um eine Fälschung gehandelt hätte.” Vor dem Gottesdienst hatte sich Schwester Agnes ihm anvertraut. Alles passte ins Bild. “Mit dieser Stange wurde Professor Dr. Rodenkirchen erschlagen.” Jedenfalls war das seine Annahme, nach dem, was der Kollege aus Wuppertal über die Herstellung von Fälschungen erzählt hatte. Die Salpetersäure war der Schlüssel dabei. “Bedauerlicherweise ist die Tatwaffe noch nicht gefunden worden. Jeder von ihnen”, sein Mobiltelefon unterbrach ihn. Küppers drückte den Anruf weg. Nicht jetzt. “Sowohl Schwester Agnes als auch Frau Becker und auch sie Herr Tellmann haben ein Motiv. Hätte Professor Dr. Rodenkirchen dem Kloster tatsächlich die Stange verkauft, wäre nicht nur das Kloster finanziell ruiniert gewesen, sondern auch ihre Gemeinde, Herr Tellmann. Und Frau Becker, von ihrer Karriere reden wir erst gar nicht. Leider hat jeder von ihnen ein Alibi, was mir die Sache nicht besonders leicht macht.” Jan Küster hatte nicht nur die Geschichte von Annemarie Becker bestätigt, sondern auch noch ein paar andere Dinge anvertraut, die er vorerst für sich behalten würde. Vor würde in Bezug auf eine Sache Pfarrer Tellmann erst nach Nikolaus fragen.” Erneut klingelte sein Telefon. “Wenn sie mich bitte eben entschuldigen würden.” Noch bevor er zur Tür hinaus, brach hinter ihm eine heftige Diskussion aus. Das war zu erwarten gewesen. Für Küppers stand fest, dass dieser J. Als Einziger als Täter in Frage kam. Bisher hatten sie allerdings noch nicht gefunden. Dafür wurde auf der Wache heute Morgen der Verlust eines Taxis samt Fahrer gemeldet.

“Küppers.” Er klemmte sich das Telefon zwischen Kinn und Schulter, um beide Hände frei zu haben.
“Guten Morgen Herr Küppers, hier Stollmann.” Nicht schon wieder, ging Küppers durch den Kopf. “Wir haben das Taxi gefunden, Herr Küppers. Die Taucher sind schon im Wasser.” “Im Wasser?” “Ja, der Wagen ist an der Rheinfähre ins Wasser gefahren.” “Ich bin unterwegs, Stollmann.” Küppers ging noch mal zurück zu den anderen. “Genießen sie alle noch ihr erstes oder zweites Frühstück, ich muss dann mal los. Judith, ich hol dich nachher ab.” Gespannt machte er sich auf den Weg zum Anleger. Als er eintraf, wurde das Taxi gerade aus dem Wasser gezogen. “Und, Stollmann, wissen wir schon was?” “Im Auto sind zwei Leichen.” Später stellte sich heraus, dass Küppers eine davon kannte.
“Weit bist du nicht gekommen, J.” Küppers sah sich die Leiche an. Aus dem Kofferraum des Wagens wurde ein Koffer geborgen. Soweit die nassen Dokumente noch zu lesen waren, wiesen sie darauf hin, dass sie Professor Dr. Rodenkirchen gehört hatten, so wie der ganze Koffer.

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