Nur für einen Moment stand er unschlüssig vor dem Hotel Nibelungen. Er hatte einen Koffer, Geld und eine Adresse. Sogar an seinen Namen konnte er sich wieder erinnern. Gottfried Rodenkirchen. Schließlich stand dieser auf einigen der Papiere im Koffer. Zeit, nach Hause zu fahren, dachte er sich. An ein Auto konnte er sich nicht erinnern. Also kämen nur Zug oder Taxi in Frage. Vorher musste er aber unbedingt noch was essen, so hungrig wie er war. Scheinbar war es länger her. Am Ende der Straße sah er einen Mann. Den könnte man sicher fragen, wo es hier ein gutes Restaurant gab. Die Uniform, die der Mann trug, sah vertrauenserweckend aus.
“Entschuldigen sie, könnten sie mir sagen, wo man hier etwas anständiges zu essen bekommt?”
Stollmann überlegt. “Also da gibt es viele Möglichkeiten. Mal sehen.” So viele fielen ihm allerdings nicht ein, denn meistens aß er zu Hause. “Wenn sie österreichische Küche mögen, wäre das Gotische Haus etwas für sie. Wenn sie hier gerade aus gehen und dann an der übernächsten Straße links abbiegen, aber nicht an der mit dem Einbahnstraßenschild.” Stollmann unterbrach sich. Der Fremde sah etwas verwirrt aus. Sicher hätte es seiner Mutter gefallen, wenn er ihm helfen würde. “Kommen sie mit, ich bring sie eben dorthin, ist nicht weit von hier.” Bis Küppers am Hotel war, würde es vermutlich noch etwas dauern. Gemeinsam gingen sie Richtung Xantener Innenstadt. Der Mann schien auch Pferde zu mögen, denn er trug Reiterstiefel. Stollmann erzählte ihm daher unterwegs etwas darüber, wie man Pferde am besten striegelte. Der Fremde hörte aufmerksam zu, also schien es ihn wohl auch zu interessieren.
“So da wären wir. Dort drüben ist das Gotische Haus.” “Besten Dank.” Der Mann, der sich für Rodenkirchen hielt, verabschiedete sich von Stollmann. Zusammen mit seinem Koffer ging er hinein in das Restaurant. Um diese Zeit waren nicht mehr so viele Plätze frei. Rechts am Fenster standen gerade ein jüngere Frau mit Brille und eine Ordensschwester auf. Warum die sich umarmten, interessierte ihn nicht, der frei werdende Tisch dagegen schien vielversprechend zu sein. Fast wäre er auf dem Weg dorthin mit der Frau zusammen gestoßen, die kurz stehen geblieben war und auf seinen Koffer blickte. Sie schüttelte nur kurz mit dem Kopf und ging weiter. Die Farbe des Koffers gefiel sicher nicht jedem. “Moment, ich räume sofort ab.” Die Bedienung war kurz nach dem er sich gesetzt hatte am Tisch. Den Koffer stellt dieser Rodenkirchen ans Fenster, so dass er ihn im Blick hatte. Vor Dieben war man nirgendwo sicher. Der Ort hier kam ihm bekannt vor. Möglich, dass er hier schon mal war. Man brachte ihm die Speisekarte. “Darf ich ihnen schon mal etwas zu trinken bringen?” “Einen großen Milchkaffee, bitte.” So was trank man hier bestimmt. Die hausgemachten Käsespätzle mit Gebirgsjägersalamistreifen und Tomatensalat hörten sich gut an. Während er auf das Essen wartet, trank er ins großen Schlücken den Kaffee. Unabhängig davon, wie sehr er sich auch anstrengte, der Kaffee schmeckte nach nichts. Da hätte er auch gleich ein Wasser bestellen können. Hoffentlich wäre das Essen nicht genauso eine Enttäuschung. Tatsächlich war es eine noch größere Enttäuschung. So was konnte man nicht essen. Mehr als die Hälfte bekam er beim besten Willen einfach nicht runter. Folglich wurde auch mit der Frage konfrontiert, die jeder Gast in seiner Situation zu hören bekam.
“Hat es ihnen nicht geschmeckt?”, fragte die Bedienung. Trinkgeld würde sie, so wie es aussah, von diesem gast wohl nicht bekommen. “Um ehrlich zu sein, ja, es hat mir nicht geschmeckt. Diese Spätzle”, er zeige auf seinen Teller, “sind fade und langweilig im Geschmack.” “Das tut mir aber leid.” “Davon wird das Essen auch nicht besser.” “Selbstverständlich geht das aufs Haus. Darf ich ihnen noch was anderes bringen?” Letzte Chance, den Gast noch glücklich zu machen. “Danke, bei beim besten Willen nicht.” Der Mann, der sich für Rodenkirchen hielt, griff zu seinem Koffer und stand auf. Ohne sich zu verabschieden, ging er zu Tür. Wie angewurzelt stand die Bedienung fast eine Minute am Tisch. Diesen Gast würde sie so schnell nicht vergessen. Wieder stand er mit seinem Koffer draussen, hinter ihm lag eine Tür und etwas, das er bald vergessen haben würde. Emmerich. Wahrscheinlich war es zu weit, um dort hinzulaufen. Selbst wenn es nicht ganz so weit würde, würde ihm der Koffer bald hinderlich werden. Das Beste wäre wohl jetzt der Bahnhof. Dort sollte er hingehen. Schwierig war allerdings, dass er nicht wusste, wo der Bahnhof lag. Norden? Süden? Welches Süden? Zwischen all den Menschen, die unterwegs waren, konnte er sich nicht entscheiden, welchen von ihnen er ansprechen sollte. Links. Er ging einfach links herum und zog den Koffer hinter sich her. Irgendwann würde schon ein Schild kommen. Jedoch, es kam kein Schild. Plötzlich stand er vor einem großen, alt aussehenden Gebäude. Als er hochblickte, konnte er zwei spitze Türme sehen. Das war nicht der Bahnhof. Er ging ein stück zurück zu dem großen Platz, den er überquerte hatte. Dort stand eine Bank, auf die er sich erstmal setzte. Bestimmt wüsste er gleich wieder, so sagte er sich, wohin er laufen musste, um zum Bahnhof zu kommen. Auf dem Platz lagen Reste von Gemüse. An einer anderen Bank hob ein Hund sein Bein. Es roch nach nichts. Der gesamte Platz, einfach alles roch nach nichts. Rodenkirchen oder was auch immer er war, atmete tief durch die Nase ein. Nichts. Einfach nichts. Kein Geruch. Dementsprechend gab es dann auch keine Gerüche, Düfte oder was auch immer. Er schloss kurz die Augen,überlegte, ob es wirklich so war. Ohne das er es gemerkte hatte, war es kalt und dunkel geworden, als ihn Stimmen um ihn herum zurückholten. “Mama schau mal ein Penner!” “Pscht, bis du ruhig!”. Der Koffer. War bei ihm. Der Mann auf der Bank stand von dieser auf, nahm den Koffer, setzte einen Fuß vor den anderen. Über den Asphalt gezogen beklagte sich der Koffer mit einem traurigen Brummen der Räder. Immer noch nach Emmerich, sein Ziel stand fest. Der Bahnhof war ihm dennoch mittlerweile egal. Er durchsuchte seine Taschen. Dort war ausreichend Geld, so meinte er, für eines dieser Autos mit dem Schilder auf ihren Dächern. Zunächst schlendert er beiläufig an den wartenden Autos vorbei, drehte sich dann wieder um und steuerte auf das erste Auto zu. Ein Taxi. Ja genau, das war ein Taxi. Jetzt war er sich wieder sicher, dass er damit nach Hause kommen würde. Der Mann am Steuer saß leicht nach vorne gebeugt und schien in ein Buch vertieft zu sein. Das Licht einer Klemmlampe schien auf die Seiten und reflektierte sich in seiner Brille.
Mathias blickte hoch. Es sah so aus, als ob er diesmal nicht weiterlesen könnte. Endlich, ein Kunde. Wenn er sich denn entschloss, mit ihm zu fahren. Es war nicht seine Schuld, dass er sich in der Gegend nicht auskannte. Überhaupt, es war auch nicht seine Schuld, dass er als studentischer Mitarbeiter bei den Grabungen kein Geld bekam. Verdient hätte er es. Wobei er es nicht nur verdient hätte, er brauchte es auch. Dringend. Sein Blick fiel voller Sehnsucht auf das Bild am Armaturenbrett, dass eine hübsche Frau mit einem Baby auf dem Arm zeigte. Von draußen wurde an die Scheibe der Beifahrertür geklopft. Er ließ die Scheibe runter. “Sind sie noch frei?” Für das Taxi war die Frage eindeutig zu beantworten. “Ja, wohin soll es denn gehen?” “Emmerich.” Das hörte sich nach Geld an. Der Fremde sah in seiner Kleidung auch so aus, als ob er davon reichlich hatte. Er stieg aus und ging um das Taxi herum, als er den Koffer erblickte. “Kann ich ihnen beim Koffer helfen? Den packen wir am besten in den Kofferraum.” Der Fremde nickte. Er überließ dem Taxifahrer den Koffer. Aus ihm hatte er im Restaurant eine Zettel mit der Adresse herausgenommen und eingesteckt. Bevor er einstieg, holte er ihn noch mal aus der Manteltasche. Akazienweg 74. Bevor der Fahrer einstieg, hatte er den Zettel sorgfältig gefaltet wieder zurückgesteckt.
“Emmerich also. Welche Straße?” “Akazienweg 74. Sie kennen den Weg?” “Natürlich.” Mathias hatte nicht die geringste Ahnung, wusste lediglich, wie er ungefähr fahren musste. Er Würde sich darauf verlassen, dass es wie bei den wenigen Fahrten, die er bisher erfolgreich zu ende gebracht hatte, mit dem Tank-Trick klappen würde. Jeder würde verstehen, dass man auch mal ein Taxi auftanken musste. Besonders dann, wenn man bis nach Emmerich fuhr. Etwas mehr als eine halbe Stunde würden sie unterwegs sein. Er ließ den Motor an, wendete den Wagen. Aus Xanten raus war nicht schwer. Man musste lediglich dem Verlauf der Poststraße folgen. Wie dann aber weiter? Sie endete an einer Kreuzung. Emmerich lag auf jeden Fall auf der anderen Rheinseite. Unverhofft viel es ihm wieder ein. Links runter, die Geldener Straße entlang. Dort war doch war doch eine Brücke über den Rhein. Auf der anderen Seite müsste er dann nur links rum fahren und dem Verlauf der Landstraße folgen. So würden sie automatisch nach Emmerich kommen. Im Stadtbereich könnte er dann an der erstbesten Tankstelle halten und nach dem tanken unauffällig nach dem Weg fragen. “Musik?” “Lieber nicht.” Der Mann, der sich für Rodenkirchen hielt, brauchte Ruhe zum nachdenken. Sehr gesprächig war der Mann neben ihm nicht, aber das war Mathias egal. Solange das Geld am Ende stimmte, könnte er ruhig weiter schweigen. Tief in ihm wurde etwas wach. Unruhe erfasste ihn. War das wirklich die richtige Richtung, in der dieser Taxifahrer fuhr. Diese Strecke kannte er nicht, wusste entsprechend auch nicht, ob sie richtig war oder nicht. Aber der Wagen fuhr spürbar zu langsam. Weit und breit war kein anderes Auto mehr zu sehen, die letze Ansiedlung hatten sie gerade hinter sich gelassen. Rechts und links von der Straße war es finster.”Sie wir auch wirklich sicher? Sie fahren so vorsichtig.” “Natürlich sind wir richtig, sie können mir vertrauen!” Zur Bekräftigung seiner Worte trat Mathias ordentlich aufs Gas. Wenn der Fremde schneller gefahren werden wollte, bitte, könnte er haben. Weder das Warnschild noch die zur Seite geschobene Absperrung hielten ihn auf. Einhundertstundenkilometer zeigte der Tacho, bevor das Auto die Straße unter sich verlor. Das Wasser des Rheins war kalt zu dieser Jahreszeit. Selbst wenn die Insassen die Türen aufbekommen hätten, wäre die Strömung zu stark für sie gewesen. Nach wenigen Minuten war an der Oberfläche nichts mehr zu sehen. Spurlos verschwanden zwei Leben aus dieser Welt.
