Annemarie Becker sah zu, wie die Kugel Vanilleeis langsam auf ihrem lauwarmen Apfelstrudel schmolz. Schwester Agnes schien dagegen der Appetit nicht vergangen zu sein, den sie hatte ihr Stück bereits zu Hälfte auf. Auf der Fahrt zum Gotischen Haus hatte Schwester Agnes Annemarie nicht nur die Geschichte des Nikolaus von Myra erzählt, sondern ihr auch mitgeteilt, dass Professor Dr. Rodenkirchen ihr ein Teilstück des Stabes verkaufen wollte. Angeblich war dies während der Ausgrabungen gefunden worden. Bisher hatte Annemarie das nicht weiter kommentiert. Zu viel ging ihr gleichzeitig durch den Kopf.
“Annemarie, du solltest deinen Strudel nicht kalt werden lassen.” Leichter Tadel klang in der Stimme von Schwester Agnes. Wie gut der Apfel hier war, hatte sie ihr bereits vorgeschwärmt. Nach den treffenden Worten suchend, stocherte Annemarie auf ihrem Teller herum, bevor sie mit einer Erklärung ansetzte.
“Schwester Agens, ich weiss nicht wie ich es sagen soll. Während er Ausgrabungen wurde bisher keine Stange gefunden. Mir ist überhaupt nicht klar, was Rodenkirchen verkaufen wollte, aber wenn schon der Kelch nicht das war, was er sein sollte.” Ein merkwürdiges Gefühl beschlich sie. Hatte Rodenkirchen etwa bewusst Fälschung untergeschoben, um sie und auch das Grabungsteam zu täuschen? Aber warum? Wenn etwas nicht mit rechten Dingen bei einer Ausgrabung vorging, dann wurde eher versucht, Sachen an die Seite zu schaffen. Mittlerweile war ihr ganz schlecht. Schwester Agnes schien das zu merken.
“Annemarie, was ist los?”
“Rodenkirchen hat mich nur benutzt. Das alles muss er geplant haben. Deshalb wurde ich auch so schnell befördert.” Schwester Agnes ließ die Kuchengabel fallen. Der Teller vor ihr war genauso leer wie die Kasse des Klosters. Es gab keinen Grund, an dem, was Annemarie gesagt hatte, zu zweifeln. Die Geschichte mit dem Kelch, der Stab des Nikolaus von Myra, alles ein großer Schwindel. Folglich wäre das Kloster ruiniert gewesen, wenn sie die Stange gekauft hätte. Sie schaute Annemarie an.
“Mir ist jedoch noch nicht klar, warum Rodenkirchen das getan hat.” Ratlos schweigen beide eine Weile vor sich hin. Annemarie sah so schlecht aus, dass Schwester Agnes ihr verordnete, sich erstmal auszuruhen. Sie würde schon alleine mit dem Bus zurück zum Kloster kommen.
“Sobald ich da bin, Annemarie, werde ich Pfarrer Tellmann anrufen. Es wird das beste sein, ihn über alles in Kenntnis zu setzen. Kann ich dich später telefonisch erreichen?” Annemarie gab ihre Telefonnummer.
“Gut. Also, du gehst jetzt sofort zurück in die Pension, versuchst, möglichst etwas zu schlafen. Sobald ich mit Tellmann gesprochen habe, melde ich mich dann bei dir.” Sie umarmten sich zum Abschied.
“Keine Angst, Annemarie, das wird schon wieder.” Beinahe hätte ihr Annemarie geglaubt, dann aber dachte sie an Jan. Was würde er von ihr halten? Würde er sie überhaupt noch mal wiedersehen wollen? Niedergeschlagen machte sie sich zu Fuß auf den Weg zu Pension. In dem Zustand war an Auto fahren nicht zu denken. Unterwegs musste sie mehrmals ihre Brille absetzen, um sie die Tränen aus den Augen zu wischen. Bevor sie die Haustür aufschließen konnte, öffnete Fräulein Günsebeck ihr die Tür.
“Da war jemand von der Polizei für sie da.” Wortlos sackte Annemarie zusammen. Das war einfach zu viel für sie. Gerade noch rechtzeitig fing Günsebeck sie auf. Annemarie zitterte am ganzen Körper. Fräulein Günsebeck stütze sie und bahnte sich mit ihr den Weg in die Küche. Sachte platzierte sie Frau Becker auf einen Stuhl.
“Jetzt setzen sie sich erstmal hin und beruhigen sich. Ist doch noch nicht schlimmes passiert. Kriminalkommisar Küppers wollte lediglich wissen, wo sie sind. Auf seiner Karte stand Mordkommision, aber wie eine Mörderin sehen sie mir nicht aus.” Annemarie horchte auf.
“Krimminalkommisar Küppers?” Wenn es um Fälschungen ging, ermittelte niemand von der Mordkommision.
“Ja, warten sei, hier habe ich die Karte von ihm. Da steht auch seine Telefonnummer drauf. Wäre wohl besser, wenn sie da nachher mal anrufen. Bestimmt ist das nur ein Missverständnis.” Angesichts der letzten vierundzwanzig Stunden und dem Wechselbad der Gefühle, dass Annemarie hinter sich hatte, hielt sie das für unwahrscheinlich. Sie stützte die Ellbogen auf den Küchentisch und verbarg ihr Gesicht in den Händen. Minutenlang saß sie so da. Günsebeck ließ sie in Ruhe.
“Danke, Fräulein Günsebeck.” Als Annemarie sich halbwegs gefasst hat, nahm sie die Karte und ging in ihr Zimmer. Alles sah noch so aus, wie sie es gestern zurück gelassen hatte. Trotzdem war mittlerweile alles anders. Auf dem Bett sitzend nahm sie sich ihr Telefon. Da stand eine Dienstnummer, eine Mobilfunknummer und noch eine Telefonnummer. Hinter der letzten Nummer stand Klammer, dass man sie nur in dringenden Fällen verwenden sollte. Genau dies Nummer wählte Annemarie.
Judith reichte Küppers den Hörer mit einem Blick, der Wände durchdrang. Das er seine Privatnummer auch für dienstliche Zwecke verwendete, gefiel ihr überhaupt nicht.
“Küppers.”
“Guten Tag Herr Küppers, hier ist Annemarie Becker. Ich hoffe ich störe sie nicht nicht.” Nur mit dem Handtuch bekleidet stand Küppers im Flur. Wasser tropf ihm von den Haaren.
“Nein, keinesfalls, sie stören nicht.” Das war glatt gelogen. Er machte eine Handbewegung in Judiths Richtung, die daraufhin wieder nach oben verschwand.
“Fräulein Günsebeck hat mich darüber informiert, dass sie mich sprechen wollten.”
“Ja richtig, es geht um Professor Dr. Rodenkrichen” Annemarie war froh, dass sie momentan keiner sehen konnte. Es ging also doch um die Fälschungen, dachte sie.
“Er ist heute morgen ermordet aufgefunden worden.” Gerne hätte Küppers jetzt Annemarie gesehen, um anhand ihrer Reaktion ablesen zu könne, ob sie weiterhin verdächtig war. Bei dem, was er alles momentan nicht anhatte, war er ganz froh, dass sie nur miteinander telefonierten.
“Äh, was?” Annemarie hatte nicht richtig zugehört. Das was ihr dieser Kriminalkommissar gerade gesagt hatte, verwirrte sie.
“Ich sagte, Herr Rodenkirchen ist ermordet worden.” War das jetzt gut oder schlecht für sie? Würde sie etwa verdächtigt, ihn ermordet zu haben? Vorstellbar war es auf jeden Fall. Annemarie dachte an die Fälschungen, an das Ende ihrer Karriere. Ein Motiv könnte man ihr auf jeden Fall unterstellen. Die nächste frage von Küppers kam daher nicht überraschend für sie.
“Frau Becker, wo hatten sie gesagt waren sie gestern Nacht?” Für diese Zeit hatte sie ein Alibi. Zumindest dann, wenn Jan bestätigen würde, dass sie die Nacht gemeinsam in seinem Bett verbracht hatten. Die Frage war allerdings, wie sie das Herrn Küppers sagen sollte.
“Frau Becker? Sind sie noch dran?”
“Ja. Die letzte Nacht habe ich bei Herrn Küster verbracht.” Küster, Jan Küster. Küppers wusste natürlich wer das war. Judith hatte im öfter von ihm erzählt.
“Kann Herr Küster das bestätigen?”
“Das müssen sie ihn schon selber fragen.”
“Sie können davon ausgehen Frau Becker, das ich das tun werde.”
Annemarie Becker überlegte, ob sie ihm das mit den Fälschungen erzählen sollte oder nicht. Die Frage dabei war, was sie noch zu verlieren hatte. Mehr ging eigentlich nicht mehr. Sie entschied sich für einen Teil der Wahrheit.
“Herr Küppers, ich habe mich heute mit Schwester Agnes aus dem Kloster der Zisterzienserinnen getroffen. Professor Dr. Rodenkirchen wollte ihr ein Fundstück verkaufen, von dem bisher keiner der Mitarbeiter aus dem Grabungsteam, mich eingeschlossen, wusste. Sowohl Schwester Agnes als auch ich sind der Meinung, das es sich bei dem Gegenstand um eine Fälschung handelt.
“Wissen sie eventuell genaueres über diesen Gegenstand?” Küppers war gespannt auf ihre Antwort. Sollte sie den Gegenstand genau beschreiben können, dann wüsste sie auf jeden Fall mehr, als sie nach ihrer eigene Aussage hätte wissen können.
“Da muss ich sie leider enttäuschen, Herr Küppers. Ich kann auf Grund dessen, was mir Schwester Agnes erzählt hat, nur Vermutungen anstellen.”
“Na dann vermuten sie mal Frau Becker.”
“Wenn sie meine Meinung als Wissenschaftlerin hören wollen”, Annemarie war sich bewusst, dass das leicht übertrieben war, “dann muss es sich bei dem Gegenstand um eine Stange aus Metall handeln, denn Herr Rodenkirchen wollte dem Kloster ein Teilstück vom Stab des Nikolauses von Myra verkaufen. Ein solches Teil kann bei dem vermuteten Alter nur aus Metall sein, denn jedes andere Material hätte sich schon längst zersetzt.”
Ganz nebenbei wurde Küppers klar, was die Mordwaffe gewesen sein könnte. Annmarie Becker entlastete das allerdings noch nicht. Ungefähr ergab sich aber langsam ein Bild vom Tathergang. Er musste unbedingt persönlich mit Pfarrer Tellmann sprechen. Bei der Gelegenheit könnte er sich auch mit dem Küster unterhalten. Außerdem brauchte er einen genaueren Todeszeitpunkt.
“Frau Becker, sie haben erstmal sehr weiter geholfen. Alles weiter werden wir dann Monat auf der Polizeiwache klären. Ich hoffe es bereitet ihnen keine zu großen Umstände, dort um 9 Uhr zu erscheinen. Das besser pünktlich sein sollten brauch ich glaube ich nicht extra zu betonen. Machen sie sich noch einen schönen Abend.” Ohne eine Antwort abzuwarten, legte Küppers auf.
“Was für ein Arsch!”, entfuhr es Annemarie. Wütend schmiss sie das Telefon vom Bett. Am besten, sie würde direkt nach dem sich Schwester Agnes gemeldet hatte, zu Jan fahren, bevor dieser Küppers mit ihm gesprochen hatte. Vielleicht könnte sie noch was retten.
Tellmann schaute seine Schwester an, als er das Telefonat mit Schwester Agnes beendet hatte. Dann setzet er sich erstmal hin. Gisela, ich glaube wir brauchen jetzt bei einen Schnaps.
“Wieso brauchen wir beiden eine Schnaps? Ich denke, du hast gestern schon reichlich getrunken und ich möchte ganz bestimmt keinen.”
Er erzählte ihr das, was Schwester Agens ihm gerade anvertraut hatte. Mit jedem weiteren Detail näherte sich ihre Gesichtsfarbe der seinen an. Nach dem ihr Bruder ihr alles berichtet hatte, war sie genauso bleich wir er.
“Du hast recht, wir brauchen tatsächlich beide erstmal einen Schnaps.” Während sie aus seinem Büro ging, um etwas von dem zu holen, was sie gelegentlich zum Marmelade kochen verwendete, klingelte erneut das Telefon. Er ließ es klingen. Mehr schlechte Nachrichten könnte er heute nicht mehr gebrauchen.
Bei dritten klingeln nahm Annemarie Becker ab. Den Sturz schien das Telefon anstandslos überstanden zu haben.
“Hallo Annemarie.”, es war Schwester Agnes. Sie hatte wie vereinbart mit dem Pfarrer gesprochen. Morgen, nach dem Gottesdienst würden er sich mit Schwester Agnes und Annemarie treffen wollen. Annemarie zählte die Stunde bis dahin. Unmöglich, sie könnte die Zeit bis dahin unmöglich alleine hier in diesem Zimmer verbringen. Günsebeck stand vor ihrer Tür und wollte gerade klopfen, als Annemarie an ihr vorbei herausstürmte.
“Fräulein Günsebeck, ich bin noch mal weg.” An der Haustür besann Annmarie sich und drehte sich noch mal um. “Falls jemand nach mir fragt. Ich übernachte bei Herrn Küster. Hoffe ich jedenfalls.”
“Viel Glück!”, rief ihr Fräulein Günsebeck hinterher. Bei all dem, was sie mitbekommen hatte, könnte Frau Becker das sich brauchen.
Nachdem er fertig damit war, sich die Sachen anzuziehen, die Schatz im freundlicherweise geholt hatte, versuchte Küppers zum zweiten Mal Pfarrer Tellmann anzurufen. Diesmal ging ging er dran.er vereinbarte mit Tellmann ein Treffen direkt morgen nach dem Gottesdienst. Das würde Küppers auch die Gelegenheit geben, sich den Rest des Tages um Schatz zu kümmern. Es gab da was gut zu machen.
