26. November
2010

Wasser marsch

von tboley um 11:59 Uhr

Allen Befürchtungen zum Trotz gefiel es Tante Luise in der Abendsonne. Ausschlaggebend war schließlich das helle, große Zimmer gewesen. Überhaupt kein Vergleich zum dem, was sie im Martin-Stift gehabt hatte. Gisela Tellmann korrigierte den letzten Gedanken. Tante Luise hatte diese Zimmer noch immer. Gisela würde sich darum kümmern müssen, den Vertrag zu kündigen. Die Möbel mussten von Emmerich auch noch zur Abendsonne transportiert werden. Zum ersten Mal heute war etwas richtig gut gelaufen. Gisela ging gemeinsam mit ihrem Bruder zurück zum Auto. Für die Rückfahrt setzte sich Reinhard ans Steuer.
“Wienemann hat nicht zu viel versprochen.” In dieser Hinsicht würde ihm seine Schwester nicht widersprechen.
“Das kann ich nicht beurteilen Reinhard,ich weiß nur, dass du mir auf der Rückfahrt was erzählen wolltest.” Reinhard schluckte. Er hatte wirklich versprochen, alles auf der Rückfahrt zu erklären.
“Gisela, ich weiß nicht wo ich anfangen soll.”
“Am besten fängst du von vorne an, mit der Sitzung vom Stiftungsrat gestern. Das mit dem Auflauf heute kannst du dann auslassen. Ich habe deinen Blick gesehen, als Tante Luise ihn aufgegessen hat. Du bekommst morgen einen neuen.”
Vor seiner Schwester ließ sich auch nichts verheimlichen. Genau das war der Grund, warum Reinhard Tellmann ihr alles erzählen sollte. Früher oder später würde sie es sonst selber herausfinden.
“Wie du ja weisst, ist die Finanzlage der Stiftung äußerst angespannt. Wir haben daher” Gisela unterbrach ihn.
“Reinhard bitte, erzähl mir keine Sachen, die ich schon weiss. Ich wollte von dir wissen, was passiert ist. Vielleicht wird mir dann auch klar, warum du dich plötzlich mit Herrn Wienemann so gut zu verstehen scheinst. Zudem würde mich interessieren, was dieser Zettel hier in deinem Auto macht.” Sie zeiget ihm das Stück Papier, dass sie auf der Fahrt vom Bahnhof auf dem Rücksitz gefunden hatte.
“Muss sie unbedingt sprechen. 20 Uhr, Gotisches Haus. J.”
Tellmann runzelte die Stirn. Der Zettel war nicht von ihm.
“Der hat bestimmt einem der Anhalter gestern Nacht gehört.”
“Bitte was? Von welchen Anhaltern redest du?”
“Gestern Abend ist es ein bisschen später geworden.” Er war sich dieser Untertreibung bewusst. “Wienemann hat ein paar Kleinigkeiten mitgebracht, du weißt, er hatte ja seinen siebzigsten. Aus dem Stiftungsrat will er sich auch zurückziehen.”
“So, und du hattest von den Kleinigkeiten ein paar zuviel, lieg ich richtig?” So wie ihr Bruder herumdruckste, war es nicht schwer zu erraten, was das für Kleinigkeiten gewesen war. Gisela kannte ihren Bruder gut, hätte ihn aber für nicht so unvernünftig gehalten, nach den Kleinigkeiten, wie er es nannte, noch Auto zu fahren. Da er aber gerade am Steuer saß und den Wagen fuhr, war offensichtlich weder ihm noch dem Auto etwas passiert.
“Gisela, ich bin wirklich vorsichtig gefahren. Angehalten hat mich auch kein Polizist, sondern nur diese beiden Männer, die wohl eine Autopanne gehabt hatten.”
“Die hast du also so einfach dann einsteigen lassen?”
“Sie sahen nicht gefährlich aus.” Tellmann erkannte, dass das keine ausreichende Begründung war. Es gab genügend Menschen, die aussahen wie ordentlich Kirchgänger, in Kellern oder Wäldern aber einer ganz anderen Passion nachging als der, im Kirchenchor zu singen.
“Also einen davon habe ich schon mal in der Zeitung gesehen, bestimmt.”
“Na ich hoffe mal, das war kein Fahndungsfoto.”
“Nein, war es nicht.” Wienemann hatte ihm doch was erzählt, fiel ihm ein. “Das war glaube ich dieser Professor, der im Park die Grabung leitet.” Plötzlich wurde ihm einiges klar, was er gestern Nacht auf Grund seines Zustandes nicht erkannt hatte. Professor Dr. Rodenkirchen war einer der Anhalter gewesen. Der gleiche Rodenkirchen, der Schwester Agnes diese Reliquie verkaufen wollte, wie die bei der Gemeinderatssitzung mitgeteilt hatte.
“Daraus wird wohl erstmal nichts, denn der ist jetzt tot”, murmelte er vor sich hin. Zu spät wurde ihm bewusst, das er nicht alleine im Wagen saß.”
“Wer ist tot?” Gisela verstand die Zusammenhänge gerade nicht. War etwa einer der Anhalter gestorben?
Wiennemann hat mit vorhin am Telefon berichtet, dass heute morgen im Naturschutzgebiet unter einer Weide eine Leiche gefunden wurde. Es soll sich dabei um Herrn Rodenkirchen gehandelt haben.” Den Teil mit der Übernachtung ganz in der Nähe der Leiche ließ er lieber weg. Gisela war schon aufgebracht genug. Küster würde das für sich behalten, schließlich bekam er was dafür, wenn man es so betrachtete.
“Reinhard, was hast du mit dem Toten zu tun gehabt?” Ihre Stimme klang sehr energisch.
“Als er aus dem Wagen ausstieg, war er noch lebendig!”, beeilte sich Reinhard zu ergänzen. Überzeugend klang das nicht, entsprach aber der Wahrheit.
“Und woraus wird jetzt nichts?”
“Dieser Rodenkirchen wollte dem Kloster den Stab des Nikolaus von Myra verkaufen. Zumindest hat Schwester Agnes das während der Gemeinderatssitzung behauptet.”
Da war sie wieder, ihre Vorahnung. Gisela war sichtliche entsetzt über das, was ih Bruder da gerade offenbart hatte.
“Fassen wir das mal zusammen. Der Leiter der Ausgrabungen wollte den Zisterzinserinnen eine Reliquie verkaufen, du hast ihn gestern Abend als Anhalter mitgenommen und heute morgen wird er tot aufgefunden. Herrgott noch einmal Reinhardt, ist dir eigentlich klar, was du mir da gerade erzählt hast?”
“Worauf willst du hinaus?”
“Angesichts der finanziellen Lage der Stiftung könnte man dir ein berechtigtes Interesse unterstellen.” Gisela verzichtet bewusst darauf, von einem Motiv zu sprechen.
Reinhard Tellmann trat voll auf die Bremse.
“Was? Nur weil ich ihn um Auto mitgenommen habe, muss ich ihn dich nicht gleich umgebracht haben. Außerdem war da noch dieser andere Mann bei ihm.”
Sollten sie zur Polizei gehen oder erstmal abwarten? Besser wäre es, die Sache selber in die Hand zu nehmen. Während ihr Bruder wieder Gas gab, dachte Gisela fieberhaft nach. Plötzlich fiel ihr Judith Rintrop ein. Die war nicht nur Mitglied der Gemeinde, sondern lebte seit einigen Monaten mit einem Kriminalpolizisten zusammen, diesem Küppers. Rintrop war lange Zeit auch Mitglied im Gemeinderat gewesen, bis sie einmal zu viel eine Meinung vertreten hatte, die Frau Wiedebruch nicht gefiel. Über Judith würde Gisela versuchen, einen Kontakt zu Küppers herzustellen. Mit viel Glück ließe er sich sogar dazu überreden, bei seinen Weseler Kollegen mal nachzufragen, wie es um den Fall und mögliche Verdächtige bestellt war.
“Reinhardt, diesmal kümmere ich mich darum. Wenn wie zu Hause sind, brauch ich dein Büro zum telefonieren.” Tellmann war so erleichtert, dass sogar bereit war, seiner Schwester das Büro zu überlassen. Zumindest für die Dauer des Telefonates.
Erst als Küpppers den Wagen vor seinem Haus parkte, erinnerte er sich wieder an die Zeitschrift in der Plastiktüte. Die lag noch im Kofferraum. Soweit hätte das Stollmann auch hinbekommen. Morgen war zwar Sonntag, aber es würde sich sicher eine Gelegenheit geben, wo er seinen Schatz für kurze Zeit alleine lassen konnte, um die Tüte zur Wache zu bringen. Fürs Erste schob er aber alle weitere Gedanken an den Fall beiseite. Was er jetzt dringend bräuchte, war ein heißes Bad. Im Hausflur lag auf dem Schuhschrank eine Nachricht für ihn.

“War müde, hab mich hingelegt. Kuss, Judith. P.S.: Essen steht im Kochbuch.” Andere hätten sich über die letzte Bemerkung geärgert, aber gerade diese Seite mochte Küppers an Judith so besonders. Auf diese Weise würde er zumindest ungestört Baden können. Küppers zog sich die Schuhe aus, streifte seine Socken ab und tapste mit bloßen Füssen ins Badezimmer. Die Stolze Armarder aus Tube, Fläschen und Döschen unterm Spiegel gehörte Judith. Dafür hatte er die gesamte Breitseite des Badewannenrandes mit Badezusätzen in Beschlag genommen. Auch die Duftkerzen am Fußende stammten von ihm. Nacheinander schraubte er er jeweils eine Flasche auf, roch daran nur um sie wieder zu verschließen. Einige von den Lotionen und Salzen waren was ganz besonderes. Schließlich entschied sich Küppers für die “Harmonie der Seele”, ein Öl mit Essenzen aus Rose und Lavendel. Bevor etwas von dem Öl in Wanne goss, ließ er lauwarmes Wasser hinein. Die richtig Temperatur war wichtig, fand Küppers. Zu heißes Wasser direkt am Anfang würde die Düfte im Öl abgestanden und gewöhnlich wirken lassen. Nachdem der Boden der Wanne mit Wasser bedeckt war, ließ er das Öl hineingeleiten. Mit kreisenden Bewegungen seiner rechten Hand gegen de Uhrzeigersinn vermischte er es mit dem Wasser. Jetzt konnte er das restliche Wasser reinlassen, daß deutlich heißer sein würde. Sein Hand beweget sich zum Ventil, um die Temperatur einzustellen. Bevor er jedoch dazu kam, klingelt draußen auf dem Flur das Telefon. So schneller konnte, riss Küppers die Badezimmertür auf und stürzte zum Telefon. Schatz mochte es überhaupt nicht, wenn sie auf diese Weise geweckt wurde.

“Küppers.”, Rief er noch etwas außer Atem.

“Hallo Herr Küppers, hier Albrecht. Sie hatten mir doch gesagt, dass ich sie anrufen sollte, falls mir noch was einfällt.” Offensichtlich war ihm wohl was eingefallen. Zu offen war es, denn sonst würde Küppers umsonst mit nackten Füßen auf den kalten Dielen stehen.

“Dieser Mann, der heute im Zimmer von Professor Dr. Rodenkirchen war, der war bereits gestern im Hotel. Er hat mir einen Zettel gegeben mit der Bitte, ihn Herrn Rodenkirchen persönlich zu überreichen.”

“Sie wissen nicht etwa, was auf dem Zettel gestanden hat?”, fragte Küppers, obwohl er die Antwort bereits kannte.

“Aber nein Herr Küppers, Diskretion ist in meinem Haus sehr wichtig, sonst würde wir das vertrauen unserer Gäste verlieren.” Die konnte man auch noch auf ganz andere Weise verlieren, wusste Küppers mittlerweile.
“Ist denn der Zettel beim saubermachen gefunden worden?” Küppers hoffte, das wenn dann zumindest nicht im Zimmer gefunden worden war, denn das hätte bedeutet, er wäre nachlässig gewesen. Wobei es unter den Kollegen üblich war, so was im Zweifel Stollmann in die Schuhe zu schieben.

“Nein, gefunden hat den das Zimmermädchen nicht.”

“Gut, ich meinte besten Dank trotzdem für ihren Anruf Herr Albrecht.”

“Gerne doch Herr Küppers.” Am anderen Ende der Leitung wurde das Telefonat beendet. Küppers ging zurück ins Badezimmer. Gerade als er die Tür geschlossen hatte, klingelt erneut das Telefon. Hatte Albrecht was vergessen zu erzählen?”

“Herr Albrecht?”

“Nein, hier ist Gisela Tellmann. Eigentlich wollte ich Judith sprechen, aber vielleicht ist es ja so auch besser. Es geht um den Toten von heute Morgen.”

“Welchen Toten?” Küppers tat überrascht. Das sich das schon soweit rumgesprochen hatte, erstaunte ihn tatsächlich.

“Den unter der Weide, Professor Dr. Rodenkirchen. Wissen sie etwa nichts davon?”

“Ich weiß noch nicht, ob ich nichts weiß, aber erzählen sie ruhig weiter.” Gisela Tellmann schilderte ihm das, was ihr Bruder ihr erzählt hatte. Für Küppers waren das ausgesprochen interessante Neuigkeiten, die ihm weiter helfen würden.
“Besten Dank Frau Tellmann. Ich werde auf jeden Fall sehen, was sich machen lässt.” Er verriet ihr immer noch nicht, dass eigentlich er für den Fall zuständig war. Noch war es auch nicht ausgeschlossen, dass das ab Montag auch nicht mehr so sein würde.

Der zweite Anlauf ein Bad zu nehmen gelang ihm diesmal. Während er in der Wanne lag, den Duft von Lavendel und Rose zum neuen Album des Charles Lloyd Quartets lauschte, reihte Küppers die neuen Fakten ein. Rodenkirchen war zusammen mit einem zweiten Mann per Anhalter gefahren. Einigermaßen wahrscheinlich war es, dass dieser Mann der J. Auf dem Zettel war, der Rodenkrichen treffen wollte. Träfe dies zu, dann, so folgerte Küppers, so war er auch der Mann aus dem Hotel. Fast hatte er die nächste Schlussfolgerung, als zum dritten Mal das Telefon klingelte. Diesmal würde es etwas länger dauern, bis er dran gehen könnte. Von oben hörte er bereits ein Fluchen, dann Füße, die die Treppe runterkamen.
“Ja bitte? Nein, hier ist Rintrop. Sie wollen Herrn Küppers sprechen? Moment bitte.” Küppers hatte sich soeben ein großes Handtuch umgewickelt, als die Tür aufgerissen wurde.

“Kennst du eine gewisse Annemarie Becker?”, fragte Juidth spitz.

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Schweigen im Walde zu „Wasser marsch”
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