25. November
2010

Fussarbeit

von tboley um 10:36 Uhr

Nachdem er Stollmann auf dem Parkplatz angewiesen hatten, zum Hotel Nibelungen zu fahren, machte sich Küppers auf dem Weg zur Pension, wo Frau Becker wohnen sollte. Viel schien sie nicht gerade zu verdienen, bei der Adresse. Unterwegs ärgert er sich über das Verhalten von Stollmann. Natürlich hatte Küppers den Hund im Wagen nicht übersehen, ging aber davon aus, dass Stollmann das Tier abliefern würde, bevor er im Hotel auftauchen würde. “Verdammt!”. Wie Küppers gerade erkannte, war das Problem daran, dass er nicht wusste, wann Stollmann im Hotel sein würde. Das Wort “sofort” hatte Küppers nicht benutzte. So wie Stollmann üblicherweise handelte, würde er jetzt zuerst der Anweisung nachgehen, die er zuerst bekommen hatte, was in dem Fall hieße, er würde den Hund wegbringen und dann zum Hotel fahren. Folglich ergänzte Küppers seine eigene Aufgabenliste um einen weiteren Punkt. Nach der Pension würde er auch noch schnell im Hotel vorbeischauen. Möglich, dass dort noch was vom Toten zu finden war. Persönliche Gegenstände, vielleicht sogar ein Koffer.

Geräusche auf dem Flur hatte ihn geweckt. Er war eindeutig nicht der einzige Gast im Hotel. Wobei er sich nicht wie ein Gast, sondern wie ein Eindringling fühlte. Das war hier nicht sein Zimmer. Es war auch nicht sein Koffer, der vorm Bett stand. Gerade das war es, was ihn endgültig wach werden ließ. Wenn das nicht sein Koffer war, gehörte er bestimmt – er kam nicht auf den Namen. Vielleicht war es ja doch sein Koffer. Es war einer dieser mit Reisverschlüssen, die man leicht aufbekam, auch wenn sie einem nicht gehörten. Er stand auf drehte den Koffer um und öffnete ihn. Kleidung, der er heraus nehmen konnte um zu prüfen, ob sie seiner Größe entsprach, gab es auf jeden Fall nicht in dem Koffer. Lediglich unpersönliche Herrenkosmetik, ein Reisefön und ein sauberes Handtuch befanden sich im Koffer. So wie die Handtücher im Bad des Zimmers aussahen, war es wohl auch nötig, sich sein eigenes mitzunehmen. Neben einem Bündel Unterlagen über irgendeine Grabung enthielt das Deckelfach auch einen Schlüsselbund. Auf einem Umschlag mit Lageplänen war eine Anschrift in Emmerich notiert. Dazu könnte der Schlüssel passen. Er packte alles wieder in den Koffer und zog sich die Stiefel an, der er vor seinem Bett fand. Über einem Stuhl hing ein Mantel, den er am sich nahm. In einer seiner Taschen befand sich Geld. Ob das für Eibe Fahrt nach Emmerich reichen würde, müsste sich zeigen. Die Uhr seinem Arm kam ihm bekannt vor. Zeit zu gehen, dachte er sich. Mit dem Koffer in der Hand verließ er das Zimmer. Über das Schild “Bitte nicht stören” wunderte er sich nicht. Das hatte er doch sicher selber aufgehängt, weil er sich wegen der Kopfschmerzen hinlegen wollte. Viel geholfen hatte es nicht. Unten am Empfang saß ein Igel. Jedenfalls sah rundliche Mann mit Bürstenhaarschnitt so aus. Igel. Das war wirklich treffend.

Herr Albrecht prüfte gerade die Bestellliste für die Minibar auf drei frei gewordenen Zimmern, als ihn ein Kichern in seiner Konzentration störte. Da war wieder dieser junge Mann, dem er den Zimmerschlüssel eines anderen Gastes gegeben hatte. Als er den Mann anblickte, hörte dieser sofort auf zu grinsen. Er hatte einen Koffer in der Hand und war im Begriff zu gehen. Albrecht kniff seine Augen zusammen und räusperte sich.
“Haben sie nicht etwas vergessen?” Der Mann gab ihm den Zimmerschlüssel, den er in der Hand hatte.
“Ich nehme mal an, die Rechnung wird Professor Dr. Rodenkirchen zahlen?” Auch wenn er nicht wusste, wer dieser Rodenkirchen war, antwortete er dem Igel.
“Selbstverständlich.” Auch ohne den Ton der völligen Überzeugung in der Stimme des Mannes hätte er ihm geglaubt. Schließlich war Rodenkirchen Stammgast im Hotel.
Kaum eine Minute später, nach dem er an dem Haus mit der Nummer 74 geklingelt hatte, stand Fräulein Günsebeck, Besitzerin der Pension Günsebeck, vor Küppers in der Tür. Ihre fetzige, mit grau durchzogenen Haare waren sicher nicht der einzige Grund, warum sie bisher noch keinen Mann abbekommen hatte. Angesichts dieses Umstandes war die Frage von Küppers schon fast gehässig.
“Sind sie alleine?” Eigentlich wollte er fragen, ob Annemarie Becker hier wohnte und ob sie da war. Mit einer schlagfertigen Antwort hatte Küppers nicht gerechnet.
“So alleine, wie man in meinem Alter nur sein kann.”
“Anders gefragt, wohnt eine Frau Annemarie Becker bei ihnen?”
“Wenn das so wäre, wen hätte das zu interessieren?” So würde er nicht weiter kommen. Küppers zeigte ihr seinen Dienstausweis.
“Ich bin ja keine Expertin, aber macht man so was nicht, bevor man die erste Frage stellt? Und ja, Frau Becker wohnt hier.
“Ist sie zu Hause?”
“Wenn sie hier wohnt, dann ist sie wohl kaum zu Hause. Falls sie aber wissen wollten, ob sie sich derzeit in dem von ihr angemieteten Zimmer befindet,” An dieser Stelle machte sie eine Pause, um den Gesichtsausdruck von Küppers auszukosten. “wäre ein schlichtes Nein die passende Antwort.” Diesmal überlegte sich Küppers genau, wie er die nächste Frage zu formulieren hatte.
“Wissen sie, wo Frau Becker sich derzeit aufhält?”
“Nein. Aber ich gehe mal davon aus, dass ihnen das als Antwort nicht ausreicht. Nun gut. Sie ist gestern Morgen aus der Pension gegangen, hat sich ein paar Kosmetika nebenan gekauft und ist dann mit ihrem Wagen verschwunden. Seit den ist sie hier nicht mehr aufgetaucht.” Frau Günsebeck war anzumerken, dass sie noch etwas besseres vorhatte, als Küppers weiter zu quälen.
“Haben sie noch weitere Fragen, oder war es das jetzt erstmal?”
“Danke Frau Günsebeck, das war tatsächlich alles.”
“Dann hoffen wir mal für uns beide, dass sie recht haben.”
Erstmal. Küppers hatte dieses Wort vergessen.
“Ja richtig, Frau Günsebeck, vielen Dank und einen schönen Tag noch.” Wortlos lies Günsebeck die Tür zufallen. Küppers stand noch einen kurzen Moment davor, bevor er sich zum Hotel aufmachte.

An der Rezeption erwischte er noch Herrn Albrecht, der gerade dabei war, mit seiner Tochter die Übergabe zu machen.
“Um die Nachbestellungen habe ich mich schon gekümmert, Hilde. Du müsstest nur noch mal das Mädchen in Zimmer 10 schicken. Sie soll mal schauen, ob da noch alles in Ordnung ist. Einer der Gäste hat uns gerade verlassen.”
“Einer der Gäste? Ich hatte das Zimmer nur an Herrn Rodenkirchen vermietet.” In ihrer Stimme lag leichteVerwunderung. Für Küppers war enthielt das, was er mitbekommen hatte, bereits einiges an Informationen. Rodenkirchen war demnach wirklich Gast im Hotel gewesen. Ihm hatte man das Zimmer mit der Nummer 10 gegeben. Wesentlich wichtiger war aber, das er dort zumindest zeitweise nicht alleine gewesen war.

“Einen guten Tag zusammen, zufällig interessiere ich mich auch für Zimmer 10.”
“Hallo Herr Küppers!”. Hilde zwinkerte Küpper zu, auch wenn diese sich leider nur für gleichalte Frauen interessierte, wie sie wusste.

“Guten Tag Herr Küppers, was können wir für sie tun?”, beeilte sich Herr Albrecht zu sagen. Herr Albrecht war jemand, mit dem man nicht gute Nachricht schlechte Nachricht spielen musste. Küppers wusste auch, dass er nicht ohne triftigen Grund das Zimmer von Rodenkirchen in Augenschein nehmen durfte. Er versuchte es daher diplomatisch.

“Die Sache ist die Herr Albrecht”, fing Küppers an, als hinter ihm Stollmann hereinplatze.

“Herr Küppers, sie sind doch schon vor mir da. Haben sie sich schon das Zimmer des Toten angesehen?”

“Welcher Tote?”, fragten Herr Albrecht und Hilde gleichzeitig.

Bevor Küppers ihn bremsen konnte, war Stollmann bereits dabei, das mit dem Toten auf seine Weise zu erklären.

“Na der unter der Weide, dieser Rodenkrichen. Herr Küppers hat gemeint, er wäre hier Gast gewesen.” Besonders stolz war Stollmann auf das letzte Wort. Diesmal hatte er alles richtig gesagt. Küppers war das aber ganz anderer Meinung. Wenn er heute Stollmann noch länger ertragen müsste, würde es wohl noch einen Toten geben. Zumindest wäre sich dann die Sache mit den Pensionsansprüchen geregelt. Dem Schatz würde es wohl kaum gefall. Küppers konnte sich auch nicht vorstellen, dass sie ihm im Gefängnis besuchen würde. Er verwarf die absurde Idee, Stollmann auf den Hinterkopf zu schlagen, schluckte seine Wut herunter und legte seine Hand auf Stollmanns Schulter.

“Komm, lass mal gut sein Stollmann, ich erkläre es den beiden.” Für seine Fassung der Ereignisse brauchte er etwas länger als Stollmann.

Während sie zu viert unterwegs zu Zimmer Nummer 10 waren, versuchte Herr Albrecht den jungen Mann zu beschreiben. Aufgrund dessen, wie er den Mann beschrieb, bekam Küppers nur einen wagen Eindruck. Herrn Albrecht schien das auch bewusst zu sein. Sie stoppten vor der Tür von Nummer 10. Hilde schloss auf. Sowohl sie als ihr Vater warteten an der Tür, während Stollmann und Küppers dabei waren, ins Zimmer zu gehen.

“Tut mir leid Herr Küppers, ich hab es halt mehr mit Zahlen. Wenn ich den Mann vor mir hätte, wüsste ich genau, das er es ist. Moment, eine Sache fällt mir noch ein. Als er ankam, hatte er den Koffer noch nicht dabei, denn er beim verlassen des Hotels mit sich führte.”

Küppers war daraufhin nicht überrascht, dass im Zimmer bis auf eine ausgelesen Zeitschrift keine Sache mehr waren, die nicht dem Hotel gehörten. Rechtzeitig bevor Stollmann die Zeitschrift anfassen konnte, hatte er ein Handtuch drüber geworfen.

“Nicht anfassen, Stollmann.” Zusammen mit dem Handtuch ob er die Zeitschrift auf, nahm die leere Plastiktüte aus dem Papierkorb und ließ die Zeitschrift in die Tüte gleiten. Nachher würde er es selber auf die Wache bringen. Ohne weitere Spuren waren sie hier fertig im Zimmer. Hilde ließ sich entschuldigen, da sie noch was mit dem Zimmermädchen wegen de Reinigung zu besprechen hatte.

“Herr Albrecht, wir sind hier schon fertig. Haben sie eigentlich die Anschrift von Herrn Rodenkirchen?”

“Ganz bestimmt, die steht schließlich auf den Rechnungen drauf.” Und die haben was mit Zahlen zu tun, dachte Küppers bei sich. An der Rezeption ließ er sich von Herrn Albrecht die Kopie der letzten Rechnungen geben. Darauf befand sich nicht die Privatadresse des Toten, sondern die seines Institues in Emmerich. Aufschlussreich war auch die Anzahl der Rechnungen. Rodenkirchen hatte in den letzten Monaten nicht selten im Hotel übernachtet. Gerade das Fehlen eines bestimmten Musters machte Küppers stutzig. Auf ihn wirkte es so, als ob jemand sehr bemüht darum war, kein Muster in den Übernachtungen zu hinterlassen.
“Herr Albrecht, sie haben mir damit sehr weitergeholfen.” Ob dem tatsächlich so war und Küppers mit seinem Bauchgefühl richtig lag, würde sich zeigen.

“Gerne doch Herr Küppers.” Albrecht war sichtlich erfreut darüber, mit seinen Rechnungen geholfen zu haben.

“Falls ihnen noch was einfällt, rufen sie mich an.” Er gab Albrecht eine seiner Karten.
Halb war Küppers schon zu Tür hinaus, als ihm Stollmann einfiel. Wo war der denn schon wieder? Küppers ging zurück ins Hotel. Stollmann stand vor Zimmer 10 und schaute zu, wie das Bett gemacht wurde.

“Feierabend für heute Stollmann!” Küppers würde selber auch nach Hause fahren. Zum beruhigen seiner Nerven und vor allem zum nachdenken braucht er jetzt dringend ein Bad. Beim Schatz hatte er auch noch was gut zu machen, fiel ihm ein.

! Anmerkungen, Anregungen oder Kritik? Kommentar unten hinterlassen.
Schweigen im Walde zu „Fussarbeit”
Einen Kommentar hinterlassenkommentieren

Kleine Kommentarhilfe: Die lustigen Köpfe (Gravatare) links neben den Kommentaren gibt es im Austausch für eine eMail-Adresse bei Gravatar.com. Ein paar dieser merkwürdigen HTML-Formatierungen dürften wohl möglich sein, aber bei reichlicher Verwendung externern Links landet der Kommentar in der Moderation.