20. November
2010

Die Post ist da

von tboley um 17:53 Uhr

Mit der Waffel im Bauch fühlte er sich gleich etwas besser. Erstaunlich, dass er so viel Mut aufgebracht hatte, um sich schnell von diesem Autofahrer zu verabschieden. Der hatte nicht mal verwundert ausgesehen. Vielleicht war das alles nur ein Missverständnis. Keinen Zweifel gab es jedoch daran, dass das heute Morgen auch so gewesen war. Als er auf der Wiese gestanden und Richtung Weide geblickt hatte, war der Mann darunter definitive tot gewesen. Warum der Mann gestorben war, wusste er immer noch nicht. Zumindest hatte er einen Ahnung, woran Rodenkrichen gestorben war. Dieser Name brannte in seinem Kopf, seit dem er das Foto in der Zeitung bei Frau Stollmann gesehen hatte. Ihm fiel die Stange ein, die er in der Han hatte, als sein Bewusstsein einsetzt. An alles was vor diesen Zeitpunkt lag, konnte er sich nicht mehr erinnern. Das Loch in seinem Mantel war für ihn genauso unerklärlich wie die beiden Briefen, von denen er jetzt nur noch einen hatte.

Er blickte auf die die fremde Uhr an seinem Arm. Kurz vor eins. Der Brief gehörte ihm nicht, sein Inhalt ging ihn nichts an. Es wäre so einfach, den Brief einfach weg zu schmeissen. In ihm sträubte sich jedoch alles dagegen. Bekanntlich brachte man Briefe zur Post, damit diese dem Empfänger zugestellt wurde. Nur war in diesem Fall der Empfänger verstorben. Das beste wäre wohl, wenn er den Brief wieder zurück an Schwester Agnes senden würde. Überzeugend war das nicht, zumal es keine Möglichkeit gab, ihr zu erklären, warum der Brief an sie zurückgeschickt wurde. Schließlich war da auch noch die Sache mit dem Porto. Würde er den Brief in einen neuen Umschlag stecken, müsste er ihn nicht nur adressieren, sondern auch eine Briefmarke aufkleben, die er ohne Geld nicht bezahlen konnte. Er zog noch mal den Brief aus der Tasche. Das aufgeklebte Postwertzeichen war nicht entwertet. Überraschend war weniger diese Tatsache, sondern die Art, wie er sie für sich selber formuliert hatte. Wie kam er auf Postwertzeichen? Sagte man nicht einfach Briefmarke dazu? In der Dunkelheit seines Verstandes lag etwas verborgen, was ihm zunehmend Angst machte. Egal wie, der Brief musste erstmal weg. Am besten war es, einfach zu fragen.

“Entschuldigen sie, könnten sie mir sagen, wo die Post ist?” Die angesprochene Frau blieb stehen, schien kurz überlegen, während sie ihre Einkaufstüte abstellte.

“Welche Post meinen sie denn? Wir haben hier zwei Geschäfte, wo sie Briefe und Pakete abgeben können. Wenn sie sich etwas beeilen, hat der Zeitschriftenladen gleich hier um die Ecke”, sie deutet auf die Kreuzung rechts, “noch auf. Ansonsten müssten sie die Bahnhofsstraße runter zum Supermarkt runter laufen.”

“Besten Dank”, verabschiedete er sich und schlug die angedeutete Richtung ein. Die Glocken des Doms klangen zur vollen Stunde, als er vor dem Laden stand. Samstags bis 13 Uhr geöffnet. Damit blieb ihm als Alternative nur noch der Supermarkt. Schon eigenartig, dachte er sich, dass es in Xanten keine richtige Post mehr gab. Unterwegs hatte er Gelegenheit, sich über sein weiteres Vorgehen klar zu werden. Den Brief los zu werden, konnte nur der erste Schritt sei. Was aber würde er dann tun? Wo sollte er hin? Vor allem aber brauchte er dringend Geld. Betteln kam für ihn nicht in Frage. Herausforderungen sind es, die die eigenen Grenzen erkennen lassen und dazu antreiben, darüber hinaus zu gehen. Seine Grenzen war momentan der Eingang zum Supermarkt. Der Schwung, der in bisher gebracht hatte, war verloren. Zwischen Parkplatz und abgestellten Einkaufswagen stehend beobachtete er, wie Menschen rein und raus gingen. Ein sich streitendes Paar mit Kleinkind schob einen vollen Wagen auf den Parkplatz. An ihnen vorbei schob sich ein älter Mann mit Gehilfe in den Supermarkt. Vor dem Eingang saß ein Hund ohne Leine. Brav wartete er auf die Rückkehr. Jemand in Polizeiuniform kam heraus. Aus einer Papiertüte vom Fleischer gab er dem Hund eine Wurst. Etwas misstrauische schaute der Hund noch, wer da am die ganze Zeit stand, dann lief er mit dem Polizisten hinterher. Sie verschwanden in Richtung Marktplatz.

Wenn er es jetzt nicht schaffen würden, den Brief abzugeben, würde er noch bis zum Ladenschluss vor dem Supermarkt stehen. Mit Sicherheit würde dann nicht nur ein Hund misstrauisch werden. Zu seiner Erleichterung befand sich der Postbereich in der nähe der Kassen, so dass er nicht weiter ins Geschäft rein musste. Er stellte sich hinter zwei Frauen, die vor dem Schalter warteten und angeregt diskutierten. Inmitten ihres Gespräches war ihnen entgangen, dass sie bereits längst an der Reihe waren.

“Ich möchte mich ja nicht vordrängeln, aber ich glaube, sie sind dran.” Beide Frauen schauten ihn wie jemanden an, der sie gerade bei etwas wichtigem unterbrochen hatte.
“Also nicht ganz durchbraten und dann zusammen mit dem Gemüse in den Ofen. Für wie lange?”
“Du Erna, ich glaub du bist dran.”
“Bis was dran ist?”
Die andere Frau schob Erna zum Schalter. Was sie wollte, war nicht zu überhören. Sondermarken für ihre Weihnachtspost.
“Haben wir nicht.”
“Wie, sind die schon aus?”
“Nein, haben wir nicht.
“Also bekommen sie erst wieder Sondermarken.”
“Nein, wir haben grundsätzlich keine Sondermarken. Das sind die einzigen Briefmarken, die ich ihnen verkaufen kann.”

“Aber das sind keine Sondermarken!”
“Ich hab es doch gerade gesagt, wir haben keine Sondermarken!” Der Mann klang völlig entnervt.
“Keine richtigen Briefmarken, keine richtige Post mehr und nicht mal richtiges Geld ist das hier!” Die entrüstete Erna wedelte mit einem Hundert Euro Schein herum.
“Komm Erna, dann kaufst du Briefmarken eben am Montag.” Die Frau versuchte, die aufgebrachte Erna zu beruhigen und zog sie Richtung Ausgang. Die drehte sich noch mal zum Schalter um.

“Wenn ich am Montag komme, dann haben sie aber Sondermarken!” Beide Frauen gingen Richtung Ausgang. Jetzt war er an der Reihe.
“Wollen sie auch Sondermarken?” Der Verkäufer hinterm Schalter schien verwirrt zu sein. Aus seiner Tasche holte er den Brief und reichte ihn dem Verkäufer rüber.
“Der ist schon frankiert.” Die Aussage brachte ihn völlig aus dem Konzept. Auf die 55 Cent Marke blickend, gab der Verkäufer auf 100 Euro Wechselgeld heraus. Sein Gegenüber steckte es wortlos ein. Mittlerweile war ihm vieles egal gewesen. Dennoch war es nicht richtig, das Geld einfach einzustecken. Der Mann müsste am Ende des Tages dafür geradestehen. Praktisch gedacht, und das tat er gerade, hatte er jetzt endlich Geld. Neue Möglichkeiten taten sich vor ihm auf. Das Beste wäre jetzt, Xanten zu verlassen. Dazu hätte er aber wissen müssen wohin. Zwischenzeitlich könnte er sich ein Hotelzimmer nehmen. Für eine Nacht würde es reichen. In einem Bett zu liegen, würde ihm bestimmt gut tun. Sein Hände zitterten bei dem Genanken an Schlaf. Ihm tränten die Augen vor Müdigkeit. Bisher war es ihm gar nicht aufgefallen, wie müde er eigentlich war. Auch wenn er sich nicht dran erinnern konnte, ob er letzte Nacht geschlafen hatte oder nicht, sein Körper konnte es. Planlos machte er sich Richtung Dom auf die Suche nach einem Hotel. Irgendwo würde sich schon was finden. Das Geld in der Tasche gab ihm ein gutes Gefühl. Er hatte darauf geachtet, es nicht in die Manteltasche mit dem Loch zu stecken. Im gehen schaute er sich das Loch genauer an. Genau betrachte war es ein langer Riss im Stoff. Mit der rechten Hand hielt er den Riss zu.Er zog seine Hand vom Riss nach rechts weg. So ähnlich musste es passiert sein. Nur das sich die Hand nach schräg unten beweget hatte. Mehr wollte er nicht wissen. Das was er erkannt hatte, war bereits schlimm genug. Am Dom vorbei führten ihn seine Füße weiter Stadtauswärts. Die Salbe schien Wunder vollbracht zu haben, denn seien Füße taten ihm nicht mehr weh. Anderseits war es auch möglich, dass er sich täuschte. Schmerzfrei zu sein bedeutete letztendlich nur die zeitweilige Abwesenheit von Schmerzen, während derer es sich die Ursache im Körper gemütlich machte. So hieß es auch für ihn, dass sein Unvermögen, sich nicht erinnern zu können eben nicht bedeutete, dass nichts passiert war. Bald würde er die Stadtmauer erreicht haben. Er bog ab und lief parallel zu ihr weiter. Vor einem blauen Gebäude blieb er stehen. Ein Schild wies es als Hotel Niebelungen aus. Warum ihm das bekannt vorkam, wusste er nicht. Dort drinnen könnten Antworten auf ihn warten. Oder einfach nur der Schlaf, den er brauchte.

An der Rezeption saß ein etwa 50 Jahre alter Mann und schien ihn etwas zu blättern. Dabei huschte ihm ein Lächeln über das Gesicht. Herr Albrecht erblickte den neuen Gast nicht nur, der plötzlich vor ihm stand, er erkannte ihn auch wieder.
“Guten Tag. Ich hätte gerne ein Zimmer bei ihnen.” Na, ihn mein Zimmer kommst du aber nicht rein, dachte sich Herr Albrecht, der genau wusste, welches Zimmer der junge Mann haben wollte. Vermutlich hatte ihn Rodenkirchen schon mal vorgeschickt, um den Schlüssel seines Zimmer zu holen. Albrecht gab ihm den Schlüssel.

“Sie wissen ja, wo das Zimmer ist.”
Er wusste es nicht. Etwas merkwürdig es schon, dass er einfach so einen Schlüssel bekommen hatte. Vielleicht war er gestern in diesem Hotel abgestiegen. Zumindest das würde sich schneller klären lassen. Mit einem Blick auf den Schlüsselanhänger wusste er, wo das Zimmer lag. An der Tür hing ein Schild, auf das in mehreren Sprachen geschrieben Stand, das der Gast hinter der Tür nicht gestört werden wollte. Er schloss trotzdem die Tür auf. Als er sie öffnete, schlug im kalter Rauch entgegen. Nach dem er die Tür hinter sich geschlossen hatte, ging er als erstes zum Fenster, um frische Luft hereinzulassen. Das Bett sah nicht frisch gemacht aus, aber auch nicht so, als ob jemand darin geschlafen hätte. Vor dem Bett stand ein Koffer. Zudem hatte jemand achtlos eine Zeitschrift auf den Boden geworfen. Später würde er sich um beides kümmern. Sorgfältig faltete er den Mantel und legte ihn über den Stuhl am Fenster. Er setzte sich auf die Bettkannte und zog sich die Stiefel aus. Die Socken behielt er lieber an. Der Länge nach ließ sich dann aufs Bett fallen. Einen Moment nur blieb er so liegen, dann schlüpfe er, ohne sich weiter auszuziehen, unter die Bettdecke. Sofort schlief er ein. Die Schritte auf dem Gang draußen hörte er nicht mehr. Das Zimmermädchen sah das Schild an Nr. 10 und ging weiter. Dann gab es eben keine frischen Handtücher.

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