19. November
2010

Eigenartige Vorahnung

von tboley um 10:25 Uhr

Sie war nur die Nebenfigur im Leben, dass andere führten. Gisela Tellmann seufzte. Hier weiter im Bett zu liegen, schickte ich nicht. Es war auch nicht mal ihr eigenes Bett, von dem sie die Decke zurückschlug. Von draussen drang noch kein Tageslicht in das Hotelzimmer. “Wenn man es genau nimmt”, entmutigte sich Gisela selber, “habe ich in den letzten Jahren nicht mehr in einem eigenen Bett geschlafen.” Mit einem leisen Klicken der Nachtischlampe drang das erste Licht des Tages in ihr Bewusstsein. Auf der Bettkante sitzend schaute sie sich ihre Füße an. Alt waren sie geworden, genau wie sie selber. Sie wackelte mit ihren großen Zehen. So früh am Morgen hatte sie wenigstens die Möglichkeit, sich um sich selber zu kümmern. Ein paar Dehnübungen würden ihr gut tun, auch wenn sie mehr wie eine alte Gewohnheit bei ihr waren.

Das Mobiltelefon neben der Lampe zeigte keine neuen Nachrichten an. Im Nachthemd stellte sie Gisela vors Bett und streckte sich. Bis Montag müsste sie sich nicht um das große Kind kümmern. Ihr Bruder war so schrecklich unselbstständig. Hätte er niemanden, der für ihm kochen, putzen und die Wäsche machen würde. Gisela hielt inne. Nein, der Gedanke wäre jetzt ungerecht. Ach wollte sie glauben, dass es da mehr gab, weshalb ihr Bruder Pfarrer geworden war. Vorgesehen hatten die Eltern jedenfalls nicht. Gisela und ihr Bruder stammten aus einer Familie von Leistungssportlern. Ihr Bruder war mehr als nur ein passabler Turner gewesen. Bevor er seinen Entschluss, das Sportstudium nicht aufzunehmen, dem Eltern mitteilte, hatte er lange mit ihr darüber gesprochen. Wie immer bei den geschwisterlichen Lagebesprechungen hatte sie in ihrem Zimmer auf dem Boden gesessen und die ganze Nacht durch diskutiert. Der einzige Glaube in ihrem Elternhaus war der gewesen, dass man nur durch eigene Leistung Gold erreichen konnte. Dem Bruder war das als Lebensinhalt zu wenig. Seine Suche nach Sinn spüren hatte sie ihm halb im Scherz vorgeschlagen, Theologie zu studieren. Das er das ernsthaft machen würde hatte sie damals nicht geglaubt. Erstrecht nicht, dass ihr Bruder am Ende katholischer Pfarrer sein würde. Für Gisela bestand kurz von Abitur kein Zweifel daran, dass sie mir dem rudern weiter machen würde. Ihr Trainer hielt sie nicht nur für begabt, sie war es auch.

Gisela ging ins Bad. Während sie sich auszog, ließ sie schon mal das Wasser der Dusche laufen. Ein Handtuch lag für die Füße auf dem Boden, das andere zum abtrocknen hing auf einer beheizbaren Stange. Als Haushälterin, die sie nur noch war, sah Gisela sofort die Flecken im Handtuch. Wenigstens war das Wasser schön heiß. So würde sie das kalte Wasser am Schluss umso belebender wirken. Während sie sich anschließend die Haare föhnte, dachte sie an den vorliegenden Tag. Höhepunkt war auf jeden Fall das Frühstück gleich. Danach hatte sie vor, nochmal mit den beiden Kindern ihrer Tante zu telefonieren. Bisher hatte sie weder Johan noch Regina erreicht. Gisela beschlich das Gefühl, dass beide nicht erreicht werden wollten. Was ihre Mutter anging, hatten sie sich bereits früher gegen empfundene Einmischungen verwehrt. Unabhängig davon, ob sie einen von beiden erreichen würde, stand als nächstes der Besuch bei Tante Luise an. Gisela blickte in den Spiegel, kniff die Augen zusammen und massierte sich mir Daumen und Zeigefinger die Nasenwurzel. Für einen Moment entspannte sie sich etwas. Zumindest, bis sie die Augen wieder aufmacht. Anstelle eines fröhlichen Gesichtes blickte ihr eine Version ihrer selbst entgegen, die Gisela so garnicht gefiel. Schnell wandte sie sich ab. Auf dem Stuhl lagen die Sachen von gestern. Das meiste davon könnte sie noch anziehen. Sich besonders schick zu machen war weder nötig noch entsprach es ihrem Wesen.

Bevor sie dem Zimmerschlüssel vom Schloss abzog, zupfte Gisela noch mal ihre Bluse zurecht. Vorerst würde das so reichen, aber nachher müsste sie auf jeden Fall noch eine Strickjacke unter dem Mantel tragen. Draußen auf dem Flur war es still. Nicht mal ein Reinigungswagen störte das vor ihr liegende Bild der Ruhe. Idyllisch war es allerdings nicht. Eher wirkte alles wie bei einer Feuerschutzübung in der Schule, wo niemand mehr im Gebäude war. Nur Gisela hatte man vergessen. Natürlich war das Unfug. Um diese Uhrzeit schliefen die wenigen Hotelgäste im November bestimmt noch. Zwei Stockwerke tiefer lag der Frühstücksraum. Ganz bewusst nahm Gisela die Treppe, zählte jede Stufe nach unten. So hatte sie es als Kind immer gemacht. Spannender noch war es, sich die Anzahl der Stufen zu merken und rückwärts zu zählen.

Ein Vorteil, auf diese Weise die Treppe herunter zu gehen war, dass man dabei auf das schaute, was sich den Füßen in den Weg stellte. Gisela verpasst dadurch ebensowenig eine der 32 Stufen noch den halbvollen Putzeimer, über den ein weniger aufmerksamer Mensch gestolpert wäre. Von einer zum Eimer passenden Reinigungskraft war nichts zu sehen. Neugierig konnte Gisela der Versuchung nicht widerstehen und steckte einen Finger ins Wasser. Nichtmal lauwarm. Was ihr daran am wenigsten gefiel, war ihr Aufgehen in der Rolle als Haushälterin. Die Gisela, die sie früher mal sein wollte, hätte sich nicht dafür interessiert, mit was für einem Wasser irgendwo geputzt wurde. Die Gisela, die sie geworden war, trocknete ihren Finger an der Hose und nahm die letzten Stufen zum Frühstücksraum auf einmal. Wie erwartet, war sie die erste. Kein Gedrängel am Büffet, kein Warten darauf, dass irgendwas, was ausgegangen war, wieder nachgefüllt wurde. Ein Frau in blauem Kittel wischte gerade die letzten Meter vorm Eingang. Gisela mischte sich ein Müsli mit frischem Orangensaft. Zwei Scheibe n Brot, etwas Käse und Wurst und ein hoffentlich hart gekochtes Ei. Kaum saß sie an einem Tisch am Fenster, kam bereits die Besitzerin des Hotels mit zwei Kannen in der Hand.

“Guten Morgen Fra Tellmann. Möchten sie lieberKaffee oder Tee?” Angesichts der gruseligen Vorstellung, das sich der fertige Tee bereits in einer der Kannen befinden würde, war die Entscheidung nicht schwer.

“Morgen Frau Behrens. Kaffee , bitte.” Heiß und erstaunlich genießbar war dieser, wie Gisela nach einem ersten Schluck feststellte. Während sie noch an den Resten des Müslis, machte sie sich mit einem Messer am Ei zu schaffen. Mit einem sauberen Schlag wurde es geköpft. Zähflüssiges Eigelb lief über die Schale. Gisela war sich darüber klar, das dies bestimmt nicht die letzte Enttäuschung sein würde. Angewidert schob sie das Ei zu Seite. Entweder hart oder gar nicht. Weitere Gäste betraten in Form einer niederländischen Reisegruppe, wie kaum zu überhören war, den Frühstücksraum. Mit dem letzten Bissen im Mund flüchtete Gisela auf ihr Zimmer. Sie hatte nichts gegen die Nachbarn, aber gerade heute wollte sie nicht an etwas bestimmtes erinnert werden. Zu spät, stellte sie fest. In dem sie daran gedacht hatte, woran sie nicht denken wollte, hatte sie automatisch daran gedacht. Sie strich sich über den Bauch. Ein unerfülltes Versprechen ließ sie schwermütig werden. Zurück auf ihrem Zimmer presste sie die Handflächen gegeneinander, atmete mehrmals tief durch. Langsam wurde es wieder besser. Frische Luft für einen klaren Kopf oder doch lieber im warmen Zimmer telefonieren? Gisela entschied sich für letzteres und wählte die ersten von drei Nummern, deren Inhaber sie heute anrufen wollte. Ihr Bruder ging nicht ans Telefon. Sah ihm ähnlich. Die meiste Zeit wirkte er sowieso, als ob er mit seinem Mobiltelefon überfordert war. Sie würde es später noch mal versuchen. Der nächste Anruf galt ihrem Neffen. Immerhin ging jetzt zumindest der Anrufbeantworter an. Gisela hinterließ eine Nachricht mit der Bitte um Rückruf. Dagegen ging Regina beim zweiten Mal sofort ans Telefon.

“Ja bitte?”, bellte sie in den Hörer.

“Hallo Regina, hier ist Tante Gisela. Ich wollte mit dir über deine Mutter reden.” Aufgelegt. Das war typisch für sie, dachte Gisela. Regina wusste ganz genau, worum es ging. Sie würde sich jetzt genau zurecht legen, was sie Gisela sagen wollte und in ein paar Stunden selber noch mal anrufen. Sich auf eine Stelle in der Bibel besinnend, schaltete Gisela ihr Telefon aus. Stumm lag es im Zimmer, als Gisela bereits im Mantel die Tür hinter sich abschloss. Diesmal nahm sie den Aufzug nach unten.

Für die Strecke nach Elten nahm sie sich ein Taxi. Dem Gebäude des Martin-Stifts sah man seine über 150 Jahre deutlich an. Am Empfang war es so kalt, dass niemand hier auf die Idee gekommen wäre, seinen Mantel mit jemanden zu teilen. Das sich Tante Luise hier nicht wohl fühlte, konnte sich Gisela gut vorstellen. Sie ließ sich die Zimmernummer geben. Nummer 74 lag fast am Ende eines fast lichtlosen Ganges. Jemand mit einer Portion bösen Humors hatte die Wände mit einem gelben Streifen verzieren lassen. Dies hier war die Sonnenblumen-Etage. Dabei roch es hier nicht nach Sonnenblumen, sondern nach Urin und verängstigten alten Menschen. Wie hier war, fand seine einzige Beschäftigung darin, auf dem Erlösung versprechenden Tod zu warten. Gisela beschlich eine eigenartige Vorahnung, die sie zögern ließ. Würde sie hinter dieser Tür noch ihre Tante vorfinden oder nur noch einen Schatten? Sie klopf an die Tür. Statt einer schwachen Stimme, vernahm sie ein kräftiges Herein. Regina kam ganz nach ihrer Mutter, sagte sich Gisela, als sie die Tür öffnete und eintrat.

Im Schein einer Lampe saß Tante Luise vollständig angezogen am Fenster und laß Zeitung. Nicht eines der regionalen Blätter, denn das wäre unter ihrer Würde gewesen, für die es in diesem Zimmer wirklich erstaunlich wenig Platz gab. Als sie sich am Telefon bei Gisela über die Unterbringung beschwert hatte, hielt Gisela das noch für eine Übertreibung. Jetzt war sie wirklich geschockt.

“Gisela, die wollen mich tot sehen.” Tante Luise legte die Zeitung beiseite. Mit klarem Blick, in dem eine gehörige Portion Zorn lag, schaute sie Gisela an. Fieberhaft ging die ihre zur Verfügung stehenden Optionen durch.

“Wie schnell haben wird das nötigste für die zusammen gepackt?” Von ihrem Bruder wusste Gisela, dass im Seniorenheim zur Abendsonne noch genügen Platz war. Dort ein Zimmer zu bekommen, sollte nicht schwer sein. Tante Luise zeigte auf zwei Koffer, die vor ihrem Bett standen. Bei beiden wölbte sich der Deckel schon nach oben. Ofensichtlich waren sie schon vor Giselas Eintreffen gepackt worden. So schwer, wie sie aussahen, würde Gisela ordentlich zu schleppen haben. Tante Lusie erhob sich aus ihrem Sessel, faltete die Zeitung und ging zu den Koffern. Mit einem Klack zog sie aus jedem Koffer einen Griff heraus. Rollerkoffer, wie Gisela erkannte. Tante Luise hatte das alles lange im voraus geplant, so wie es aussah.

“Können wir jetzt gehen?”. Der fragende Blick von Tante Luise machte Gisela klar, dass der der Aufenthalt in Emmerich deutlich kürzer war als ursprünglich geplant. Ihr Bruder würde Augen machen, wenn sie schon am frühen Samstag Mittag in Begleitung von Tante Luise zu Hause wäre.

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Schweigen im Walde zu „Eigenartige Vorahnung”
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