Rodenkirchen ging runter zum Empfang. Dort saß Hilde, die Tochter des Hotelbesitzers. Entweder war sie das oder Herr Albrecht duzte seine Angestellten. Zu den Zeiten, wenn Rodenkirchen nach einem Zimmer für Nacht nachfragte, war Herr Albrecht normalerweise nicht mehr im Hotel. Rodenkirchen hatte in bisher auch immer nur morgens beim verlassen des Hotels gesehen. Als Rodenkirchen die Anmeldeunterlagen über den Tresen gereicht hatte, war Herr Albrecht aus seinem Büro gekommen, hatte zur am Empfang gesagt “Hilde, ich mach das schon” und ihr den Schlüssel fürs Zimmer abgenommen. Albrecht hatte dann vorgegeben, Rodenkirchen sein Zimmer zu zeigen. Auf halben weg war er stehen geblieben. Rodenkirchen erhielt von ihm einen Zettel zusammen mit einer kurzen Beschreibung, wer ihn abgegeben hatte. Für Rodenkichen klang das immer noch vielversprechend, auch wenn die Nachricht recht kurz war. Wenig originell stand auf dem Zettel “Muss sie unbedingt sprechen. 20 Uhr, Gotisches Haus. J.” Dank der Beschreibung von Herrn Albrecht würde er diesen J. auch erkennen.
“Einen schönen Abend, Herr Professor Dr. Rodenkirchen.” Ebenso honigsüß wie falsch klang die Stimme von Hilde, als ihr den Zimmerschlüssel gab. Wortlos wandte Rodenkrichen sich im. Das er immer wieder in diesem Hotel abstieg, war weder der Gewohnheit noch seiner Bequemlichkeit geschuldet. Für ihn war der Name ausschlaggebend. Hotel Niebelungen bezog sich auf einen Mythos ohne historische Substanz. Als Wissenschaftler übte das einen gewissen Reiz auf ihn aus. Zudem klang es ganz gut, wenn er sagte, wo er nachts wohnte. Unter den Studenten an der Grabungsstelle kursierten die unterschiedlichsten Interpretation, welcher Figur Rodenkirchen entsprechen würde. War er jetzt Siegfried von Xanten oder Hagen von Tronje? Wenn er an das Spiel dachte, was er begonnen hatte, wohl eher Kriemhilde. Bei dem Gedanken musst er innerlich grinsen.
Draussen vor dem Hotel setzte er sich seine Baskenmütze aus. Wer ihn nicht kannte, würde ihn für einen Künstler halten. In gewisser Weise war das ja. Das Wetter war vielversprechend ungemütlich, so dass Rodenkirchen den Mantelkragen hochschlug. Bis zum Gotischen Haus war es ein Stück zu laufen.
“Bleiben sie zur Abendandacht?” Der so angesprochene Jänsch schreckte hoch. Zuletzt hatte er sich auf eine Bank in der Krypta gesetzt, um die aus der Spätantike stammenden Reste hinter de Altar zu bestaunen. Das schummerige Licht musste wohl dazu geführt haben, dass er eingeschlafen war.
“Nein, Entschuldigung, ich war nur ins Gebet versunken.” Immerhin eine schlagfertige Antwort, dachte Jänsch, bevor er aufstand um die Krypta zu verlassen. Wie spät es wohl war? Am Ausgang wurde auf die Abendandacht um 19:00 Uhr hingewiesen. Besucher wurden in Rücksichtnahme auf die Gläubigen gebeten, in dieser Zeit nicht zu fotografieren oder durch das Mittelschiff zu laufen. Bis zum Treffen mit Rodenkrichen blieb Jänsch noch eine halbe Stunde. Am besten wäre es wohl gewesen, schon zum Gotischen Haus zu gehen, aber so einfach, wie das klang, war es für ihn nicht. Ohne Geld traute er sich nicht, sich einfach an einen Tisch zu setzen. Zudem bestand die Gefahr, dass er Rodenkirchen verpassen würde, wenn er keinen Tisch im Eingangsbereich fand. Je mehr er darüber nachdachte, desto mehr Unwägbarkeiten fielen ihm in seinem ganzen Plan ein. Mittlerweile war er sich auch nicht mehr sicher, ob er überhaupt einen richtigen Plan hatte oder sich nur einfach treiben ließ. Einen anderen Weg, als es herauszufinden, gab es nicht.
Rodenkirchen ließ sich einen Tisch für zwei Personen in der gotischen Hall geben, der so lag, dass er den Eingangsbereich gut im Blick hatte. Im Gegensatz zum Hotel mochte er diesen Ort wirklich. Das Bauwerk aus dem Jahre 1540 hatte eine Ausstrahlung, der er sich als Historiker nicht entziehen konnte. Das was über die Zeit nicht erhalten geblieben war, war mit enormer Detailversessenheit wieder hergestellt worden. Kunstvolle Nachgestaltung des Originals. Die vorzügliche österreichische Küche war ein weiter Grund, warum er Stammgast im Gotischen Haus geworden war. Nicht nur an den Abenden wie heute, sondern auch die eine oder andere Pause, die er sich zwischen den Grabungen gönnte, hatte er hier verbracht. Als Ort für einen Weihnachtsfeier mit seinen Mitarbeiter wäre das Restaurant eine gute Wahl gewesen. Zu der Zeit wollte Rodenkirchen aber weder in Xanten noch in Deutschland sein. Den entsprechende Flug hatte er sich schon gebucht. Eigenartig, fiel ihm gerade ein, dass das Ticket noch nicht angekommen war. Gleich Montag würde er noch mal im Institut anrufen. Hoffentlich hatte keiner seiner Mitarbeiter dort den Brief entgegen seiner Anweisung geöffnet. Seine Post machte er ausschließlich selber auf. Durch die Bleiglasfenster sah er, dass es draußen angefangen hatte, leicht zu regnen. Durch die Eingangstür trat jemand ohne Regenschirm herein. Das gegelte, nass gewordene Haar machte ihn in Rodenkirchens Augen noch attraktiver, als er sich ihn vorgestellt hatte. Suchend schaute sich der Mann um.
Drüben am Tisch saß Rodenkirchen. Er hatte also die Nachricht bekommen. Oder aber er saß da, weil er immer da saß. Ein leichtes Nicken in seine Richtung zerstreute die Zweifel. Jänsch ging rüber zum Tisch.
“Herr Professor Dr. Rodenkirchen?”
Der so angesprochen stand auf und reichte die Hand über den Tisch. Den Kerl würde er schon richtig wickeln, um ihn heute Nacht auszupacken.
“Nennen sie mich ruhig Geofrey. Mit wem habe ich das Vergnügen?”
“Jarne, Jarne De Groot.” Gar nicht so schlecht improvisiert, dachte Jänsch. Er ergriff Rodenkrichens Hand, der sie aber nicht schüttelte, sondern nur hielt.
“Setzt dich doch bitte Jarne, was möchtest du trinken?”. Jarne also. Wenigstens etwas mehr Mühe hätte sich der Unbekannte schon geben können mit seinem Namen. Mal sehen, dachte sich Rodenkirchen, ob er auch sonst so leicht zu durchschauen ist. Er ließ die Hand los und setzte sich wieder.
“Was möchtest du trinken? Selbstvertständlich lade ich dich zum Essen ein.” Je mehr Rodenkirchen in den Angriff ging, desto unsicher wurde er. Darauf war er einfach nicht gefasst. Vor ihm saß kein verschrobener Wissenschaftler, sondern eine Lebemann und Selbstdarsteller. Hätte er sich nur besser an das Interview in der Zeitung mit Rodenkirchen erinnert, wäre er sicher besser vorbereitet gewesen.
“Ein Wasser bitte”. Bloss vorsichtig sein jetzt, sagte sich Jänsch.
Rodenkirchen winkte den Kellner heran.
“Zwei Genever und zwei Dunkel.” Das dieser Jarne ein Wasser haben wollte, ignorierte er absichtlich.
“Darf ich ihnen auch die Karte bringen.”
Rodenkirchen hob die Hand, um seine Zustimmung zu signalisieren und gleichzeitig gegenüber Jarne Einwände gegen seine Bestellung abzuwehren.
Derartig übergangen suchte Jänsch nach einer Idee, nach etwas, was ihm weiterhelfen könnte. Was war schon die Wahrheit, wenn er eine funktionierende Lüge hatte? Er entschloss sich, das zusammengestürzte Kartenhaus aufzuheben und die Karten neu zu mischen. Neu austeilen und den Stich machen.
An einen ganz anderen Stich dachte Rodenkirchen gerade. Egal wer der Mann am Tisch wirklich war, für Geofrey sah es nach einem interessanten Abend aus, der in eine vielversprechende Nacht übergehen könnte. Es gab größere Risiken, die er bisher auch abseits der Betten eingegangen war.
“Wenn sie meine Geschichte gehört haben Geofrey, werden sie verstehen, warum ich ihnen noch nicht meinen richtigen Namen sagen kann.” Jänsch war sich sicher, das dies eine gute Karte war.
Der Kellner brachte die Getränke und zwei Speisekarten. Rodenkirchen und Jänsch nahmen sich den Genever und prosteten sich zu. Dabei fiel Jänsch auf, dass Rodenkirchen eine Uhr trug, die alles andere als billig zu sein schien.
“Na dann, auf eine spannende Geschichte und einen interessanten Abend”, sagte Rodenkirchen. Er war wirklich gespannt. Jänsch legte seine Arme auf den Tisch. Leicht in Rodenkirchens Richtung gebeugt, begann er.
“Sehen sie Geofrey, es gibt Dinge, die vertraut man einander nicht ohne weiteres an. Nehmen sie zum Beispiel ihre Uhr. Sie würden diese sicher nicht ohne weiteres einem Fremden geben. Schließlich wissen sie nicht, wer er ist und ob er nicht einfach mit ihrer Uhr verschwindet. Genauso ist das mit Informationen. Man vertraut sie jemanden an ohne zu merken, dass man plötzlich um ein Geheimnis ärmer ist.”
Jänsch wurde vom Kellner unterbrochen.
“Haben sie schon gewählt?”
“Geofrey, sie können mir doch sicher was empfehlen.”
“Nehme sie als Vorspeise unbedingt den Tomatensalat mit Bergkäse.”
“Als Hauptspeise würde ich ihnen heute unseren Düsseldorfer Senfbraten empfehlen”, mischte sich der Kellner ein. Sowohl Jänsch als auch Rodenkirchen entschieden sich dafür, dem Vorschlag zu folgen. Während sie auf den Bergkäse warteten, fuhr Jänsch fort.
“Im Auftrag einer meiner Kunden bin ich gerade dabei, einen umfangreichen Nachlass abzuwickeln. Dabei handelt es sich eine Sammlung nicht unbedeutender historischer Gegenstände. Aus gewissen Gründe ist der Kunde auf ein Höchstmaß an Diskretion angewiesen, wie sie sicher verstehen werden Geofrey.”
Rodenkirchen verstand. So wie es sich anhörte, war ein Teil der Gegenstände dieser Sammlung auf nicht ganz legalem Weg in den Besitz der verstorbenen Person gelangt. Für die Erben stellte so etwas ein nicht unerhebliches Problem da. Praktisch, dass es Menschen gab, die sich diskret um solche Fälle kümmern konnte. In der Vergangenheit hatte Rodenkirchen schon mit einigen zu tun gehabt. Für ihn war es ein gute Möglichkeit, seine eigene Sammlung aufzustocken. In diesem Fall fragte er sich allerdings, was der Mann, der sich ihm gerade anvertraute, wollte. Entweder würde er ihm eines der Stücke aus dem Nachlass zum Verkauf anbieten, oder aber Rodenkirchen um ein Gutachten bitten.
Jänsch war froh, dass die Vorspeise gebracht wurde. Dadurch gewann er etwas Zeit, sich den Rest auszudenken. Sollte er Rodenkirchen etwas zum verkaufen anbieten, würde dieser auf jeden Fall das Stück sehen wollen. Ursprünglich war das alles hier ganz anders geplant. Die beiden Briefe, die er dabei hatte, ein Flugticket nach London und ein Schreiben irgendsoeiner Nonne, bewiesen selbst zusammen garnichts. Angesichts der wenigen Möglichkeiten gab es nur einen Weg. Als Jänsch das erkannt, war das der Moment, in dem er beschloss, Rodenkirchen umzubringen.
“Geofrey, sie können sich sicher vorstellen, warum ich hier bin.”
Aufmerksam hörte Rodenkirchen zu, während er das letzte Stücke Käse zusammen mit einer Tomate in seinen Mund schob. Der Kellner stand schon bereit, um neues Bier zu bringen.
“Mein Kunde hat eine kleinen Rarität, bei der er auf deine Hilfe angewiesen ist.” Jänsch wählte das vertraute du ganz bewusst. Offensichtlich schien es Rodenkirchen zu gefallen.
“Was wäre Geofrey, wenn wir auf den Nachtisch hier verzichten für ganz anderen? Du musst mir nur vertrauen, dann vertraue ich dir auch.” Jänsch schaute Rodenkirchen tief in die Augen.
“Reicht das als Vertrauensvorschuss?”, fragte Rodenkirche, als er seine Uhr abmachte und sie herüberreichte.
