12. November
2010

Kassensturz

von tboley um 10:21 Uhr

Mit der Hilfe von Küsters hatte Pfarrer Tellmann es noch rechtzeitig zur Gemeinderatssitzung geschafft und dabei nicht so gewirkt, als ob er gerade es dem Wald gekommen wäre. Tatsächlich kam er nur von Rande eines kleinen Waldes. Küster hatte es sogar noch fertig gebracht, für ausreichend Kaffe zu sorgen. Mechanisch rührte Tellmann die Milch in seinem Kaffee um und schob sich gerade den zweiten Keks in den Mund. Sein Magen ließ sich davon nicht beruhigen. Knurrend meldete er sich zu Wort. Zum Glück ging das im Trubel der allgemeinen Begrüßung unter. Die letzten Mitglieder des Gemeinderates waren eingetroffen, so daß sie mit der Sitzung beginnen konnten.

Kerstin Wiedebruch eröffnet mit der offiziellen Begrüßung der Anwesenden. Ebenfalls von ihr begrüßt wurde Schwester Agnes, die als Gast an der heutigen Sitzung teilnahm. Danach knüpfte sie mit einer Lesung aus Lukas 19,11-27 die Verbindung zu einem Teil der heutigen Tagesordnung. Das Gleichnis von den anvertrauten Geldern. Tellmann war sich sicher, im Buch Genesis ein Fehler steckte. Es hatte noch Mann, Frau und Schlange gegeben. Die Schlange war lediglich eine Metapher gewesen. Wer da hat, dem wird gegeben werden. Jedem, der da hat, wird gegeben werden; von dem aber, der nicht hat, von dem wird selbst, was er hat, weggenommen werden. Wie alle Anwesenden, die von der gute Beziehung Wiedebruchs zum Bischof von Münster wussten, überhörte auch Tellmann nicht den drohenden Unterton.

Im zweiten Punkt der Tagesordnung ging es um das Protokoll der letzten Sitzung. Für das Protokoll war Holger Riet, Besitzer der örtlichen Bäckerei und Leiter des Männerchors, zuständig gewesen. Gerade eben verteilt er die noch warmen Kopien. Obwohl das einigen Unmut hervorrief, wurde das Protokoll in der vorliegenden Form genehmigt. Tellmann war erleichtert. Es hatte schon Sitzungen gegeben, bei denen über mehrere Stunden hinweg über das Protokoll diskutiert wurde. Einer der Hauptgründe dafür, Michael Langbach, Rektor der einzügigen Grundschule in Ginderich, hatte sich für heute entschuldigen lassen. Als nächstes stand die Adventsdekoration auf der Tagesordnung. Birgit Meura berichtete gerade vom Meinungsbild dazu innerhalb der Gemeinde. Überwiegend positiv waren die Rückmeldung nach dem Erfolg der Aktion im letzten Jahr gewesen. Während sie referierte, verlor sie sich in Einzelheiten, die den Abwesend entweder bekannt waren oder sie nicht interessiert. Einer davon war Tellmann. In Gedanken vertief schaute er aus dem Fenster.

Die Stimme von Frau Meura wurde zu einem Rauschen im Hintergrund. Trotz seiner Befürchtungen hatte es von Küster keine weiteren Vorwürfe gegeben, als Tellmann endlich am Pfarrhaus eingetroffen war. Obwohl er von seiner Erkältung noch angeschlagen war, wirkte Küster wie ausgewechselt. Um ein Gespräch unter vierAugen in der Sitzungspause hatte er dennoch gebeten. Tellmann wusste, worauf das hinauslaufen würde. Wichtiger war es heute aber, sich Gedanken über die nächste Predigt zu machen. Wegen der anstehenden Taufe würde die Kirche auf jeden Fall spürbar voller sein. Von den Eltern war sich ein besonderer Gottesdienst erbeten worden. Einer, der in Erinnerung bleibt, hatte der Vater des Kindes, der nicht anwesende Langbach gesagt. Dafür, dass die Taufe in Erinnerung bleibt, könnte Tellmann schon sorgen, wenn er in der Predigt das anklingen ließ, was sich das halbe Dorf hinter vorgehaltener Hand erzählt. Gerade als er sich die Wirkung einer solchen Predigt in Gedanken ausmalte, klopft eine Stimme an sein Bewusstsein.
“Herr Pfarrer, was halten sie denn davon?” Birgit Meura schaute in auffordernd an.

Der angesprochen goss sich erstmal noch einen Kaffee aus der auf dem Tisch stehenden Thermoskannen ein. Jetzt bloß nichts falsches sagen, dachte Tellmann und langte nach der Milch.

“Das sollte man von allen Seiten betrachten, bevor wohlmöglich voreilige eine falsche Entscheidung getroffen wird”, entgegnete er beim umrühren des Kaffees

Meura nickte zufrieden. Offensichtlich hatte er die richtige Antwort gefunden. Erleichtert schweifte Tellmanns Blick auf der Suche nach dem Teller mit den Keksen in die Runde. Von den Teilnehmern wurde das als Aufforderung zu einer lebhaften Diskussion aufgefasst. Zufrieden lehnte sich Tellmann mit dem erbeuten Teller zurück. Selbst die Kekse mit Schokolade waren noch vorhanden. Ein Zustand, den er gedachte umgehend zu ändern.

Jan Küster sah rüber zu Tellmann und bekam ein leicht schlechtes Gewissen. Der Arme hatte noch nichts anständiges gegessen. Jetzt verging er sich an den Keksen. Wenigstens schienen sie ihm zu schmecken. Küster hoffte, das das Frühstück von Annemarie besser sein würde. Er hatte ihr extra Brötchen und ein Schokocroissant besorgt. Wenn sie nach dem wach werden in die Küche ging, würde sie auch das gemalte Herz mit der Nachricht für sie finden. Beim Aufstehen war im schon klar gewesen, dass er sich in Annemarie verliebt hatte. Sie sah bezaubern aus, wie sie da so in seinem Bett schlief, den einen Fuß unter der der halb zur Seite gerutschten Bettdecke hervorschauend. Vorgestern hatte er ihre Nachricht auf dem Anrufbeantworter gehabt. Er hatte gleich gewusst, dass es ihr um den gestohlenen Kelch ging. So weit Küster wusste, war sie stellvertretende Grabungsleiterin. Da gab es mit Sicherheit ein Interesse, Missverständnisse in Bezug auf die Herkunft des Kelches. Was alles wirklich dahinter steckte, hatte er erst von Annemarie selber erfahren. Als er ihr dann gesagt hatte, wo der Kelch ursprünglich her stammt, hatte war sie heulend zusammen gebrochen. Er konnte da einfach nicht anders, als diese zerbrechliche Person in den Arm zu nehmen. Nach einem mehr schweigenden Spaziergang hatten sie nach dem Abendessen, das er für sie gekocht hatte, lange in der Küche gesessen und geredet. Dabei waren immer mehr Gemeinsamkeiten zum Vorschein. Irgendwann hatten sich dann ihre Hände mehr zufällig berührt. Sie hatten sich dann tief in die Augen geblickt und geküsst. Ganz ohne romantisches Kerzenlicht Musik. Das wäre auch nicht nötig gewesen, denn dieser Moment hatte ganz für sich gesprochen. Jetzt saß er hier in der Gemeinderatssitzung, die er über sich ergehen lassen musste. Dabei dachte er ständig an Annemarie. Hoffentlich würde sie nachher noch da sein.

Der vierte Tagesordnungspunkt drehte sich um die positive Entwicklung bei den diesjährigen Wallfahrten. Diese kamen nicht nur der Kirche zu Gute, sondern belebten auch den Einzelhandel in Ginderich, wie Frau Wiedebruch betonte. Küster wusste genau, dass sie damit ihren auf Andenken und christliche Handwerkskunst spezialisierten Laden meinte. Die Pilgerer kauften bei, auch wenn auf den ersten Blick zu erkennen war, das die Figuren eine weite Reise aus dem Ausland hinter sich hatten. Nur einmal hatte sich eine tief religiöse Pilgerin bei Wiedebruch darüber empört. Ihr hatte Wiedebruch entgegnet, dass auf diese Wiese schließlich die Christen in China und anderswo unterstützt werden, was doch auch sicher in ihrem Sinne sei. Wortlos hatte die Frau daraufhin das Geschäft verlassen. Küster wusste, dass nach diesem Rückblick auf das sich dem Ende neigende Jahr als nächste ein sehr unangenehmes Thema behandelt werden würde. Ein Thema, das den Grund dafür darstellte, das sowohl Schwester Agnes als auch er heute anwesend waren. Der Finanzplan für die kommenden zwölf Monate. Trotz der zunehmende Einnahmen von St. Mariä Himmelfahrt war die Haushaltslage kritisch. Für den dringend benötigten Außenanstrich der Kirche würde erneut der Förderverein einspringen müssen. Grund dafür waren erheblich Mehrausgaben für andere Liegenschaften auf dem Gebiet der Gemeinde. Für die Mehrausgaben beim Umbau des Seniorenheim Abendsonne trug keiner der heute Anwesenden die Verantwortung. Das war alleinige Sache des Stiftungsrates. Küster war bewusst, das das wohl auch der Grund für den Zustand von Tellmann war.

Schwester Agnes wusste auch, was als nächste kommen würde. Ohne Grund hatte man sie nicht zu dieser Sitzung eingeladen. Wobei eingeladen auch das falsche Wort war. Man hatte ihr am Telefon unmissverständlich klar gemacht, dass ihre Anwesenheit erwartet wurde. Michael Langbach hatte nie zu ihren Lieblingsschülern gehört. Das er überhaupt auf dem Internat war, hatte er nur seinem Vater zu verdanken. Als Gemeinderatsvorsitzender hatte er es verstanden, seinen Einfluss geltend zu machen. St. Mariä Himmelfahrt war als Wahlfahrtsort einfach zu wichtig, als das der damalige Bischof nicht darum bemüht gewesen wäre, den kleinen Michael den Besuch des Internats zu ermöglichen. Es hatte vieler liebevoller Ermahnungen bedurft, um aus Langbach einen anständigen Schüler zu machen.Dauern hing er zusammen mit diesem auswärtigen Schüler aus Emmerich. Ständig hatten die beiden ihren Unterricht gestört. Keine Geschichtsstunde, bei der nicht einer von beiden etwas von dem, was Schwester Agnes den Schülern beizubringen versuchte, hinterfragt hatte. Das der Kelch möglicherweise nicht das zu sein schien, was er vorgab, hatte Schwester Agnes von Annemarie Becker erfahren. Der schien die Sache wesentlich näher zu gehen als ihr selber. Aber es gab noch Ass im Ärmel. Schwester Agnes hasste zwar Kartenspiele und alles, was damit zu tun hatte, aber in diesem Fall passte der Ausdruck nur zu gut. Sie strafte ihr Kreuz. Es schien loszugehen. Frau Wiedebruch kam auf die Anschaffungen des Klosters zu sprechen. Für einen erheblichen Teil davon war Schwester Agnes verantwortlich gewesen.

“Ich möchte an dieser Stelle noch mal in aller Deutlichkeit darauf hinweisen, dass wir als gemeinde finanziell wesentlich besser dastehen würden, wenn diese nicht nur meiner Meinung nach unnötigen Anschaffungen in Kloster nicht erfolgt wäre. Mir ist es auch ein Rätsel, wie es überhaupt in Erwägung gezogen werden konnte, ohne Rücksprache mit dem Gemeinderat Gegenstände von zweifelhafter Herkunft zu erwerben. Zumal ein überaus geschätztes Mitglied unserer Gemeinde bereits öffentlich seine Meinung kund getan hatte.”

Sie wusste also von Küsters Leserbrief, dachte Schwester Agnes. Jetzt kam es ganz darauf an, was er sagen würde. Jan Küster spürt sein Herz wie wild rasen. Er dachte an Annemarie und schwieg.

“Herr Küster, möchte sie uns nicht irgendetwas sagen, vielleicht etwas,was Schwester Agnes helfen könnte zu verstehen?”

Jetzt hatte sie eindeutig ihre Befugnisse als Vorsitzende des Gemeinderats überschritten. Christlich war das, was sie hier veranstaltete, schon lange nicht mehr. Schwester Agnes ging zum Gegenangriff über.

“Meine Tocher, wenn ich vielleicht selber etwas sagen dürfte. Zwar bin ich schon alt, aber kann durchaus noch für mich selber sprechen.” Die angesprochene schauet Schwester Agnes böse an, die aber diesem Blick standhielt. Schwester Agnes verschränkte die Finger, stand auf richtet ihr Wort an alle Anwesenden.

“In aller mir auferlegten Bescheidenheit möchte ich dieses Gremium darauf hinweisen, dass es dem Kloster lediglich in beratender Funktion zu Seite steht. Trotz der finanziellen Zuwendungen, die wir als Ausdruck der christlichen Nächstenliebe verstehen, sind wir Ordensschwester selbstverständlich unabhängig.”
Kerstin Wiedebruch war kurz davor zu platzen, was Tellmann erfreut zur Kenntnis nahm. Schwester Agnes hatte noch ganz schön Biss. Sie war aber noch nicht fertig mit ihrer Ansprache.

“Zudem möchte ich ihnen allen Mitteilen, das dem Kloster eine bedeutende Reliquie angeboten wurde. Ein Teilstück vom Stab des Niokolaus von Myra.”

Unruhe kam auf. Einzelne Mitglieder des Gemeinderats standen auf. Niemand schien zu wissen, ob er klatschen oder empört sein sollte.

“Selbstverständlich werden wir uns diesmal nicht auf wissenschaftlich unhaltbare Mutmaßungen verlassen.” Dieser Satz hatte Schwester Agnes schon bei der Vorbereitung ihrer Ansprache sehr leid getan. Arme Annemarie, aber notwendige Opfer gab es schon immer und würde es auch weiterhin geben.

“Bei dieser Reliquie haben wir bereits ein Gutachten von Professor Dr. Rodenkrichen erstellen lassen, der die Echtheit des Stückes zweifelsfrei bestätigt hat. Auch ein zweites Gutachten ist bereits angefordert worden und sollte uns Anfang der kommenden Woche vorliegen. Die verehrte Äbtissin geht davon aus, dass die Reliquie die Bedeutung unseres Kloster weit über die Region hinaus erheblich beeinflussen wird. Ich bin mir sicher, nein ich weiss, dass sie der Äbtissin zustimmen werden.”

Das Läuten der Glocken beendete diese Schulstunde. Nach einem Blick in die Gesichter konnte Schwester Agnes mehr als zufrieden sein. Die Kosten für den Ankauf würde nie wieder thematisiert werden.

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Schweigen im Walde zu „Kassensturz”
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