10. November
2010

Reliquienhandel

von tboley um 11:17 Uhr

Schiere Verzweiflung erfasste Schwester Agens trotz ihrer bald 89 Jahre immer wieder. In all den Jahren, die sie bisher im Kloster verbracht hatte, war es ihr nicht gelungen, das Stigma abzuschütteln. Dabei waren es keine Wundmale Christi, sondern das Stigma der Unkenntnis. Für jemanden wie sie, der sich Zeit seines Lebens auf der Suche befand, war dieser Zustand fast unerträglich. Das Kloster, dem sie seit ihrer Mündigkeit angehörte, wurde vermutlich im 11. Jahrhundert gegründet. Der genaue Zeitpunkt war immer noch unbekannt, da Urkunden über die Stiftung vermisst wurden. Ein Umstand, der Schwester Agnes schmerzte. Fest stand dagegen, dass das Kloster 800 Jahre später durch die Zisterzienser übernommen wurde. Ebenfalls übernommen wurde vor fast 89 Jahren ein Findelkind, dass in einem Weidenkorb vor St. Mariä in Geldern lag. Die Familie, in die sie gegeben wurde , war geprägt vom Vater, der als Richter bei wechselnden Staatsformen mehr als nur angepasst war. “Die Zeiten ändern sich, dass Recht bleibt”, war sein Leitsatz gewesen. Seine Vorstellung davon, was Recht war, änderte er Zeit seines Lebens nicht. Das Einzige, was er wiederwillig anpassen musste, war das Strafmaß, dass seiner Meinung nach dem zweiten Krieg vom liberalen Gesocks bis zur Wirkungslosigkeit eingeschränkt wurde. Strafe diente seiner Überzeugung nach, der Abschreckung und Buße. Dies Überzeugung war das Einzige, dem Schwester Agnes übernommen hatte. Christliche Liebe bestand für sie auch in der Züchtigung als Ausdruck dieser Liebe.

Mit dieser Familie hatte sie gebrochen, als sie mit achtzehn Jahren mehr als Trotz denn aus Überzeugung zum Katholizismus konvertierte. Vom zutiefst protestantischen Vater kam damals die Feststellung, dass die nicht mehr ihr Kind sei und auch es auch gewesen war. Die Mutter schwieg zustimmen wie immer dazu. Schlimmer als all die Schläge war dieser Ausspruch, der sie wie ein Blitz getroffen hatte. Seit dem hatte sie versucht herauszufinden, wer ihre leiblichen Eltern war. Das Stigma einer unbekannten Herkunft. Ihre Suche nach Gemeinschaft hatte sie kurz nach Kriegsbeginn in dieses Kloster geführt. Umgeben von Zerstörung und Hass fand sie Frieden in der glühenden Liebe zu Gott. Das ans Kloster angegliederte Internat war für sie dabei eine wunderbare Möglichkeit der Jugendbildung und Erziehung im christlichen Sinne, so wie sie ihn verstand.

Schwester Agnes wurde sich bewusst, dass sie wieder abgeschweift war. Das Internat gab es nicht mehr. Finanziell gesehen war das ein herber Verlust fürs Kloster, aber andererseits verstummten mit der Schließung auch Diskussionen über die Erziehungsmethoden im Internat. Zurückgehende Schülerzahlen und unschöne Zeitungsartikel hatten die Äbtissin nach Rücksprache mit dem Bistum dazu gebracht, einen Schlussstrich zu ziehen. Schwester Agnes war froh, dass sie sich nie dazu gerufen befühlt hatte, die Verantwortung für die Gemeinschaft als Äbtissin zu übernehmen. Ihr reichte es, Gott im Hintergrund zu dienen, so lange ihr Gehör geschenkt wurde. Im Laufe der Jahre hatte der Herr viel Äbtissinen zu sich sich gerufen. Ohne Ausnahme hatte Schwester Agnes immer Einfluss auf wichtige Entscheidungen gehabt. Bei der Entscheidung, dass Internat zu schließen, hatte sie aber darauf verzichtet, ihn geltend zu machen. Mehr als jeder anderen Schwester lag ihr zwar das Internat am Herzen, aber ein Festhalten daran hätte die Gemeinschaft zerrissen. Dabei ging es in erster Linie nicht nur um Geld, sondern auch unterschiedliche Ansichten in Bezug auf dir Ausrichtung des Internates. Besonders die jüngeren Schwestern hatten Flausen im Kopf, was die Erziehung der Schüler anging. Schwester Agnes hätte ihnen nur zu gerne widersprochen, wusste aber genau, dass sie damit riskiert hätte, die Schwestern an ein anderes Kloster zu verlieren. Da es um den Nachwuchs nicht besonders gut stand, wäre der Fortbestand des Klosters gefährdet gewesen. Den Verlust ihres einzigen zu Hauses wollte sie auf gar keinen Fall. Einen Umzug hätte sie auch nicht überlebt, so stark war ihre Verbindung zu diesem Ort. Das Internat zu opfern, erschien deshalb als der bessere Weg.

Ihre Gebete für eine Wendung des Schicksals waren aber gehört worden, da war sich Schwester Agnes sicher. In einer halben Stunde erwartete sie eine Mitarbeiterin des derzeitigen Grabungsteams im archäologischen Park. Den Fortschritt der Grabungen hatte sie stets aufmerksam verfolgt, auch wenn ihr das lesen zunehmend schwerer fiel. Vielleicht waren Hinweise auf die Gründung des Klosters gefunden worden. Das würde zumindest diese Unkenntnis beseitigen. Erinnerungen sind Ausgrabungen in der eigenen Vergangenheit. Diesen Satz, den sie als Novizin während einer Tagung über “Die Tradition christlicher Meditation” gehört hatte, bezog sie selbstverständlich auch in umgekehrte Form auf die Ausgrabungen in Xanten.

Auf dem Weg nach Birten konnte Annemarie Becker das, was in den letzten zwei Tagen alles passiert war, immer noch nicht glauben. Als Rodenkirchen sie dazu abkommandierte, sich um Abschnitt F12 zu kümmern, hatte sie das Ende ihrer Karriere deutlich vor Augen gehabt. Bisher waren zwar Funde aufgetaucht, die nicht der Römerzeit zugeordnet werden konnten, aber das war ausschließlich unbedeutende Stück, die sich in keinen geschichtlichen Zusammenhang einordnen ließen. Sie war kurz davor gewesen, alles stehen und liegen zu lassen, heulend davon zu laufen. Genau auf diese Weise endete vor fünf Jahren ihre letzte Beziehung, an die sie sich nur ungern erinnerte. Beruflich trug sie Schicht um Schicht ab, um immer tiefer gelegenes freizulegen. Privat hatte Becker es genau umgekehrt gemacht. Schicht um Schicht begrub sie das, was sie vergessen wollte. Abschnitt F12 stellte sich aber als das genau Gegenteil von dem heraus, was Annemarie befürchtet hatte. Nach mehrstündiger Arbeit, bei dem sie nicht auf Reste von Tierknochen stieß, hatte sie plötzlich einen silbernen Kelch freigelegt, der überhaupt nicht römisch aussah. Gegen die Regel informierte sie in einer Mischung aus Aufregung und Eifer nicht umgehend den Grabungsleiter, sonder entfernte zunächst sorgfältig mit dem Pinsel die Erde aus den Verzierungen der Schale. Neben dem christlichen Motive des Abendmahls war eindeutig auch eine eingravierte Zahl erkennbar gewesen, die darauf schließen ließ, dass, der Kelch aus dem Jahre 1074 stammte. Mit schweißnassen Händen hatte Annemarie den nächsten Fehler begangen und den Kelch vollständig geborgen und gegen das Sonnenlicht zu halten. Das Wappen von Kleve und der Namen auf der Innenseite des Kelches am Rand legten nah, dass der Fund aus Gegend stammte und nicht nachträglich erst seinen Weg in den Brunnen angetreten war. Hinter ihr vernahm sie ein räuspern.

“Es sieht wohl so aus, ob ob man ihnen zu ihrem Fund beglückwünschen sollte”, hatte Rodenkirchen zu ihr gesagt, als sie sich hastig zu im umgedreht und beinah den Kelch fallen gelassen hatte. Sei diesem Satz hatte sich für Annemarie Becker alles verändert. Rodenkirchen selber schien fast wie verwandelt, geradezu nett war er seit dem Fund zu ihr gewesen. Annemarie wäre aber nie auf die Idee gekommen, diese Veränderung in seinem Verhalten zu hinterfragen. Sie genoss es einfach und sah es als das an, was sie auf Grund der Bedeutung des Kelches verdiente. Auf der eiligst einberufenen gemeinsamen Pressekonferenz hatte Rodenkirchen sie sogar als seine persönliche Assistentin und betse Mitarbeiterin bezeichnet. Statt das anschließend wieder im vollen Umfang bei einem Gespräch unter vier Augen zurück zu nehmen, bestätige er noch mal das gesagte. Er schenkte dann noch einen teuer aussehen Champagner ein lobte sie ausdrücklich für ihr professionelles Auftreten vor der Presse. Annmarie Becker selber war bewusst, dass er damit nicht ganz unrecht hatte, denn die Journalisten hatten ihr geradezu aus der Hand gefressen. Begierig hatten sie sich selbst auf die kleinsten Häppchen Information gestürzt. Nach dem zweiten Glas bot ihr Rodenkirchen zwar nicht das Du an, aber etwas, was ihr viel mehr bedeutet. Er gab ihr das Versprechen, nach Abschluss der Grabungen und ihrer Dissertation das Zweitgutachen zu schreiben. Zudem überließ er es Annnemarie, den Kontakt zum Kloster herzustellen. Auch für die sich bereits abzeichnenden Verhandlungen hatte sie frei Hand. Fast wie im siebten Himmel war das für sie.
Becker parkte ihren betagten Volvo auf dem Parkplatz des Klosters. Sie war viel zu früh. Vom Beifahrersitz griff sie sich noch mal den Block mit den Notizen für das bevorstehende Gespräch. Ihre Ansprechperson im Kloster würde eine Schwester Agnes sein. So hieß man nur, wenn man entweder steinalt oder noch sehr jung war. Dieses Agnes hatte ihre Zeit als Novizin bestimmt erst seit kurzem hinter sich gebracht. Das versprach leicht zu werden. Jemanden, der deutlich jünger war als sie selbst würde sie locker im Griff haben. Blieb dann bloss die Frage, wie viel Handlungsvollmacht Schwester Agnes hatte. Becker schaute noch mal kurz in den Rückspiegel, dann griff sie zu dem Koffer, der im Fußraum des Beifahrersitzes stand. Der Kies knirschte und den Sohlen ihrer Schuhe, als sie ausstieg. Was sollte hier auch anderes liegen als Kies, dachte Becker. Auf ihrem Weg zum Kloster hatte sie mehrere Kiesgruben und Baggerlöcher gesehen. Dort wurde innerhalb eines Tages unwiderruflich das zerstört, was Archäologen wie sie für mindestens ein Jahr beschäftigt hätte. Gerade in unmittelbarer Nähe zu den Altrheinarmen war die Gefahr besonders groß.
An der Tür des Büros, das Schwester Agnes seit ihrer Zeit als Geschichtslehrerin in Beschlag genommen hatte, klopfte es. Warten wir mal ab, dachte Schwester Agnes. Wäre eine Mitschwester an der Tür, würde nicht zu zweiten Mal angeklopft werden.

Annemarie stutzte. Hatte sie gerade nicht richtig zugehört und sich in der Tür geirrt? Etwas angespannt unternahm sie einen weiteren Versuch.
Erneut wurde geklopft, diesmal etwas zögerlicher. Schwester Agnes war sich jetzt sicher, dass irh Besuch vor der Tür stand.

“Ja bitte?”

Annemarie Becker öffnete die Tür und trat ein. Sofort sah sie, dass sie sich geirrt hatte. Nicht in der Tür, so viel stand fest, aber in dem, was Schwester Agnes betraf. Vor ihr stand eine hochgewachsen Frau, die sie mit wachen Augen anschaute. Der musternde Blick entging Annemarie nicht. Schwester Agnes war auf definitiv weder jung noch unerfahren.

“Mein Kind, was kann ich für dich tun?” Schwester Agnes hielt diese Form der Anrede eigentlich für völlig unnötig. Nicht nur weil diese Person vor ihr nicht Kind war. Diese streng nach hinten zusammengebunden Haare zusammen mit der wenig vorteilhaften Brille wirkten auch auf einen Menschen, der den weltlichen Dingen abgeschoren hatte, befremdlich.

Annmarie kochte. Wie kam diese Schwester dazu, sie so anzureden? Sie fühlte sich wieder in die Zeit der Demütigungen, zuletzt durch Rodenkirchen, versetzt.

Treffer, dachte Schwester Agnes. Damit wäre ihre Ausgangsposition bei den Verhandlungen auf jeden Fall besser sein. Sie ging zurück hinter ihren Schreibtisch und setzen sich auf den Stuhl mit der hohen Lehne. Ein kleines Stück Luxus hinter den Mauern dieses Klosters. Noch bevor die jungen Frau antworten konnte, wies Schwester Agnes auf einen Stuhl vor ihrem Schreibtisch.
“Setzen sie sich doch bitte, dann brauch ich nicht zu ihnen aufzuschauen. Sie kommen doch bestimmt wegen diesem – was war es doch gleich?” Sie ging davon aus, dass die Frau den Kelch, der vermutlich vom Gründer dem Kloster gestiftet wurde, bereits dabei hatte, um sie zu beeindrucken.
Annemarie Becker entschied sich für einen Frontalangriff. Aus ihrem Koffer holte sie den Kelch und stellte ihn direkt vor Schwester Agnes auf den Schreibtisch. Herausfordernd blickte Annemarie die Ordensschwester an.

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