Ursprünglich waren die Grabungen in Insula 43 innerhalb der nächsten Jahre nicht mehr vorgesehen. Die Luftbildaufnahmen des am oberen Rand liegendes Quartiers der Siedlung waren wenig vielversprechend. Durch den Fund mehrere Tontafeln in unterschiedlichen Quartieren und auch im Tempelbereich änderte sich die Sachlage jedoch gegen Ende des letztes Jahres. Bereits im Dezember konnte die geophysikalische Untersuchungen mittels Bodenradar abgeschlossen werden. Bedingt durch die Witterungsverhältnisse und die Weihnachtsferien setzte die weitere Erkundung zunächst aus. Nach dem bereit im im Februar nicht mehr mit einem erneuten Wintereinbruch zu rechnen war, wurde daher die Grabung in Insula 43 mittels Sondierungen vorbereitet. Nach der Entfernung der Grasschicht zeigte sich bereits, das tatsächlich eine kleine Sensation zu erwarten war.
Zu diesem Zeitpunkt wurde Gottfried Rodenkirchen, ein Experte auf dem Gebiet der provinzialrömischen Archäologie, Grabungsleiter. Im Archäologischen Park Xanten freute man sich darüber besonders. Nicht nur, weil man einen weltweit anerkannten Fachmann für das Projekt gewinnen konnte, sondern gerade auch, weil Rodenkirchen jemand war, der aus der Region stammte. Gottfried Rodenkirchen ließ keinen Zweifel daran, dass er seine Kompetenz dafür einsetzen würde, die Bedeutung des APX als Forschungsstandort von internationalem Rang zu unterstreichen. Rodenkirchen eilte der Ruf voraus, zwar etwas exzentrisch zu sein, aber auch, sich bei Grabungen nie in den Vordergrund zu drängen. Was spektakuläre Funde anging, wusste man von ihm, dass er sich nie in den Vordergrund drängte und immer die Leistung des Teams betonte. Dabei war es etwas, was Rodenkirchen zunehmen schwerer fiel. Als Tarnung seiner Nebengeschäfte aber war es bisher immer perfekt.
Für die Durchführung der Grabungen wurde Rodenkirchen fast freie Hand gelassen. Er stellte sich ein Team aus dreizig Mitarbeitern zusammen. Der überwiegende Teil von ihnen waren Studenten der Archäologie oder verwandter Fachgebiete. Annemarie Becker war die einzige Frau im Team. Als promovierende Geschichtswissenschaftlerin hasste sie es, von Rodenkirchen wie eine Studentin im ersten Semester behandelt zu werden. Für sie war es ganz offensichtlich, dass er ein Problem mit Frauen hatte. Von den Grabungen versprach sie sich Erkenntnisse, die ihre Arbeit endlich zum Abschluss führen könnten. Ein spektakulärer Fund wäre genau das, was sie brauchte. Genau genommen war die Grabung ihre letzte Chance. Es musste einfach einen bedeutenden Fund geben. Daher ließ sie es auch zähneknirschend fürs Kaffee kochen und andere fachfremde Tätigkeiten zuständig zu sein.
Rodenkirchen wusste, wie es um ihre Promotion stand. Genau aus diesem Grund hatte er Becker trotz ihres Namens für das Team ausgewählt. Ihre Verzweiflung und ihr Wille, an einen großen Fund zu glauben, würden sein Vorhaben leichter machen. Becker noch weiter zu brechen, war der zweite Grund für ihre Demütigungen durch Rodenkirchen. Auch jemand wie er kam jedoch nicht umhin, im Stillen ihre fachliche Eignung anzuerkennen. Becker hatte zwar bisher immer Pech gehabt, aber sie beherrschte ihr Fachgebiet. Besonders gut war sie bei den Aufzeichnungen an der Grabungsstätte. Jemand vom Fach war klar, dass das, was ausgegraben wird, damit unumgänglich zerstört ist. Ein Grund mehr für Geofry, der gegen Laien-Archäologen sprach. Diese waren zumeist nur an spektakulären Funden interessiert und nicht an der Dokumentation des Fundortes in all seinen Details. Wo er nur konnte, hatte Rodenkirchen bisher immer dafür gesorgt, diese selbsternannten “Experten” der Lächerlichkeit preiszugeben.
Für die Forschung waren die Grabungen auf dem Gelände der einstigen Römerstadt Colonia Ulpia Traiana besonders interessant, da man nur wenige Zentimeter des Bondes abtragen musste, um auf die ersten Überreste zu stoßen. Rodenkirchen hatte in wochenlanger Arbeit die Erde vorsichtig mit dem Spaten abstechen lassen. Mit Schubkarren wurde diese dann zu den Rüttelsieben gebracht und auf Kleinfunde durchsucht. Früher hätte Gofrey noch unauffällig das eine oder andere Stück für seine Zwecke dabei entwendet, aber das war künftig nicht mehr nötig. Bereits in der ersten freigelegten Schicht stießen Rodenkirchen und sein Team auf die Überreste von Wohnräumen und Werkstätten. Wie auf Grund der Tontafeln gehofft wurde, kamen auch Schlackestücke und Schmelzreste zum Vorschein. Im Bereich von Insula 43 hatte sich nach ersten Erkenntnissen tatsächlich die Werkstatt eines römischen Bronzegießers befunden.
Von den Ausmaßen des Autriums und in der damaligen Zeit bereits als Luxus geltenden Fußbodenheizung schließend ging Rodenkirchen davon aus, dass das Geschäft des Handwerkers mehr als erträglich lief. Sehr wahrscheinlich wurden in seiner Werkstatt auch Kultgegenstände für die Tempel gegossen. Die erste Sensation war dann auch der Fund einer kleinen Bronzestatuette der Siegesgöttin Viktoria. Von ihr war lediglich der rechte Arm abgebrochen. Der erhobene linke Arm mit Siegeskranz wies zwar leichte Risse auf, war aber ansonsten vollständig erhalten. Die Oberfläche auf der Rückseite der beiden Flügel war vollständig abgenutzt, so dass sich dass ursprüngliche Muster nichtmal erahnen ließ. Rodenkirchen konnte die Figur eindeutig dem Dolichenus-Kult zuordnen, der besonders in der Spätphase unter den stationierten römischen Soldaten entlang des Rheines viele Anhänger hatte. Wie alle anderen Fundstücke wurde auch dieses systematisch konserviert und bis zur eigentlichen Interpretation der Ergebnisse sorgsam aufbewahrt. Bei einem Stück von solcher Bedeutung wurde es allerdings vorab an seiner Fundstelle fotografiert und sorgsam in den Grabungsplan eingetragen. Eine Aufgabe, für die nach Geofreys Meinung Frau Becker besonders gut geeignet war.
Zweieinhalb Monate lang blieb die Bronzestatuette das einzig erwähnenswerte Ereignis. Das öffentliche Interesse an den Grabungen nahm spürbar ab. Genau das war das ideale Fundament für das, was das Team in der dritten Schicht fast schon außerhalb von Insula 43 fand. Rodenkirchen wusste, dass sich die Presse darauf stürzen würde. So war es immer bei seinen Grabungen gewesen. Die Kunst, einen stetigen Strom von Fördermitteln zu erhalten bestand darin, im richtigen Moment für Aufmerksamkeit zu sorgen. Der Unterschied zu sonst bestand nur darin, dass es Rodenkirchen diesmal ausschließlich um die Aufmerksamkeit ging. Die metertiefen Brunnenschächte, auf die sie gestoßen waren, stellten eine wahre Schatzkammer da. Nach dem ein Brunnenschacht in der römischen Zeit erschöpft war, wurde in der Regel dazu genutzt, die Abfälle des täglichen Lebens zu entsorgen. Die Lage der Brunnenschächte hatte mit großer Wahrscheinlichkeit dazu geführt, dass in ihnen auch Abfälle aus der Gießerei entsorgt wurden. Niemanden überraschte daher der Fund einer Münzgussform. Das diese aus dem Fundus von Rodenkirchens Privatsammlung stammte, ahnte niemand. Zahlreiche Anfragen gingen nach dem Fund ein. Für Pressekontakt stellte Geofrey Annemarie Becker ab, die angesichts dieser Aufgabe erwartungsgemäß aufblühte. Sie war ganz in ihrem Element und konnte Reportern sehr bildlich die Verwendung der Gussform schildern. Gelegentlich schoss sie dabei über das Ziel hinaus und konstruierte Zusammenhänge, wo es keine gab. Nur eine Koryphäe wie Rodenkirchen wäre ihre Fehler aufgefallen. Der eher ungefährliche Testlauf war so bald erfolgreich abgeschlossen, so dass Gofrey zur nächsten Phase übergehen konnte.
Geplant war, Schritt für Schritt Gestände zu finden, die nicht aus der Römerzeit stammten, sondern überwiegende aus dem frühen Mittelalter. Ohne weiteres würde niemand das nachvollziehen können und die Funde somit auch nicht für glaubhaft halten. Daher hatte Geofrey an eine Erklärung erfunden, die unmöglich für eine Lüge gehalten werden konnte. Die Brunnenschächte kamen ihm dabei zu Hilfe. Es musste lediglich jemand herausfinden, dass einigen dieser Schächten auch noch nach in späteren Jahrhunderten genutzt wurden. Wer dieser jemand sein würde, wusste Geofry auch schon ziemlich genau.
Von Anfang an fand Annemarie Becker die Theorie von Rodenkirchen, sehr überzeugend. Von seinem ganzen bisherigen Verhalten her war sie zwar sicher, dass er ihr nur in der ausgelassen Stimmung der Sommerfeier davon erzählt hatte. Zudem wirkte er am nächsten Morgen auch sichtlich zerknirscht, aber einmal Ausgesprochenes konnte selbst ein Professor Doktor Rodenkirchen nicht zurücknehmen. Grob gesagt handelte die Quellen-Theorie davon, dass nicht alle Brunnen während der römischen Zeit erschöpft waren. Mindestens ein Brunnen wurde über die Zeit der Siedlung hinaus noch genutzt, bis die darunter liegende Quelle auf Grund der Rhein-Verschiebung versigte. Von den Römer abgeschaut hatten sich die damaligen Bevölkerung die Unart, ihren Abfall ebenfalls in alte Brunnenschächte zu entsorgen. Annemarie ging daher nicht unbegründet davon aus, dass sie im weiteren Verlauf der Grabungen noch auf Gegenstände aus der nachrömischen Zeit stoßen würden. Für das römisch-germanische Museum wären solche Fundstücke weniger relevant, aber Annemarie wusste, dass es nicht weit von Xanten ein Kloster der Zisterzienserinnen gab, die bereits über eine kleine Sammlung aus der Zeit ihrer Klostergründung verfügten. Es wäre sicher nicht schwer, die Ordensschwestern zu begeistern. Für Annemarie stand so ziemlich alles auf dem Spiel. Mit mittelalterlichen Funden wäre ihre Doktorarbeit gerettet. Würde es eine Arrangement mit den Nonnen geben, wäre sie nicht nur wissenschaftlich abgesichert, sondern auch noch finanziell, denn es war davon auszugehen, dass das Kloster für einen wissenschaftliche Erschließung der Funde eine Stelle schaffen würden. Bei der Sache gab es lediglich ein Problem. Rodenkirchen würde versuchen, die Lorbeeren für sich zu beanspruchen. Einzig die Tatsache, dass sie für ihn die Pressearbeit nach dem Fund der Gussform machen durfte, ließ sie hoffen. Ihre Nerven waren aufs äußerste angespannt.
Der August kam und ging in die September über, ohne das es Anzeichen für die von Annemarie erhoffen Funden gab. Mit Beginn des Herbstes war sie kurz davor, alles aufzugeben und sich ihr Scheitern einzugestehen. Sie hatte sich bereits mit ihrem Schicksal abgefunden. In ihrer Vorstellung sah sich in der Stadtbücherei irgendeiner Kleinstadt Bücher einsortieren. Eine graue Maus, die keiner beachten würden. Der Gedanke daran trieb ihr die Tränen in die Augen, so das sie kurz ihre Brille abnehmen musste. Daher erkannte sie auch nicht sofort Rodenkirchen, der auf sie zukam.
Seine Nervosität versuchte Rodenkirchen so gut es eben ging zu verbergen. Heute war der Tag, an dem Becker die mittelalterliche Gegenstände finden sollte, die er in der Nacht zuvor platziert hatte. Nur wenn ihm dieser Schachzug gelang, würde er den letzten Schritt gehen können. Wie in den letzten Wochen auch lag Becker auf einem der Schaumstoffkissen in Abschnitt E9 und legte mit Schaber und Pinsel Fragmente frei. So liegend sah er nur ihre streng nach hinten gebundenen blonden Harre. An ihrem Schniefen erkannte Geofrey, dass Becker kurz davor war, die Nerven vollständig zu verlieren. Zeit dafür, dass ganze auf die Spitze zu treiben.
“Fräulein Becker, ich würde es begrüßen, wenn sie ihre Aufmerksamkeit dem Abschnitt F12 widmen würden.” Noch so eine Gemeinheit. Geofrey hatte von einem studentischen Mitarbeiter erfahren, dass Becker keinen Freund, geschweige denn einen Mann hatte.
Annemarie Becker lief rot an und war kurz davor, loszuheulen. Rodenkirchen war ein gemeines Schwein. Nicht nur, weil er sie mit Fräulein angeredet hatte und auf diese Weise Salz in ihre Wunde streute, sondern auch, weil er sie ganz offensichtlich in den am wenigsten versprechenden Abschnitt abschieben wollte. Mit weichen Knien stand sie auf. Ein leichtes Zittern ging durch ihre ganzen Körper, als sie ihm unter größter Anstrengung antwortete.
“Professor Doktor Rodenkirchen, selbstverständlich werde ich mich umgehend darum kümmern.” Ihr blieb auch nichts anderes übrig, wusste Rodenkirchen.
