Auf der Bettkante des Hotelbetts sitzend, hielt er eines dieser Magazine in der Hand. Zu diesem Zeitpunkt wusste Gofrey Rodenkirchen noch nicht, dass es sein letzter Abend sein würde. Das er überhaupt wieder im Hotel übernachten musste, hatte Rodenkirchen seiner vererbten Nachtblindheit zu verdanken. Bei den Ausgrabung wurde es immer später als eigentlich eingeplant, gerade aber, wenn die Tage kürzer wurden, war Rodenkirchen dann in der misslichen Lage, nicht mehr mit dem Auto nach Hause fahren zu können. Selbst wenn er nicht über Rees und die B8, sondern auf der linken Rheinseite die weniger befahren Landstraßen nahm, war das Risiko einfach zu groß. Das was er hier tat, war im Grunde würdelos. Er warf das Magazin auf den Boden. Dieser Artikel über Wissenschafts-Tourismus musste er sich nun wirklich nicht antun. Hobby-Archäologen konnte er noch nie ausstehen. Das ausgerechnet ehemalige Kollegen von ihm in Österreich Amateuren die Gelegenheit gaben, bei Grabungen mitzuarbeiten, hielt er für gefährlichen Unfug. Archäologie war nichts, was man ohne Vorkenntnisse betreiben sollte. Selbstverständlich hielt Rodenkirche das Studium der Archäologie für die Vorraussetzung, überhaupt nur in die Nähe eines Grabungsfeldes zu kommen. Auch bei dem Projekt was er aktuell in Xanten betreutet, duldete er selbst für einfache Arbeiten am Ausgrabungsort nur Studenten, die schon mindestens drei Semester bei der Sache waren. Viel zu oft trampelten Laien auf Fundstücken herum, die sie in ihrer Unkenntnis übersahen, oder gingen viel zu hastig vor und zerstörten dabei wichtige Spuren unwiderruflich. Besonders schlimm fand Gofrey diese selbsternannten Historiker, die sich für Experten der lokalen Geschichte hielten, ohne jemals einen Hörsaal von innen gesehen zu haben.
Rodenkirchen zupfte sich an seinem grauen Ziegenbart und steckte sich eine Zigarette in den Mund. Kurz hielt er inne, zuckte dann doch nur mit den Schultern, während er die Kappe seine Feuerzeugs zurück klappte. In mechanischer Gewohnheit rieb der linke Daumen ab Zündrad. Das das Zimmer, in dem er auf dem Bett saß, ein Nichtraucherzimmer war, störte Geofrey nicht, als er die Zigarette anzündete. Er konnte wohl kaum was dafür, dass es nur noch Nichtraucherzimmer gab. Wenn das Dummchen an der Rezeption ihm eins gab, war sie es, die Schuld hatte, nicht er. Genüsslich sog er den Rauch in seine Lungen, legte den Kopf in den Nacken und blies den Rauch gegen die Decke. Bisher verlief die Ausgrabung verdammt gut. Normalerweise hätte er nie ein Projekt so nah an seinem Heimatort angenommen, aber diesmal lohnte sich das Risiko besonders. Bereits im Studium, als er seine Neigung für schnelle Autos und schöne Männer entdeckte, fand er einen Weg, auf einfache Art und Weise Geld zu machen. Es war so einfach. Abseits der Museen gab es viele private Sammler, die betrogen werden wollte. Das Gefühl, etwas historisches gar antike zu besitzen, war ihnen so wichtig, dass sie darüber oft jegliche Vorsichtsmaßnahmen vergaßen. Jedenfalls die, die sich Rodenkirchen als Kunden aussuchte.
Kerzenleuchter, Masken, Schwerter und Schnitzereien waren leicht als Replikate zu bekommen. Über die Jahre hatte Rodenkirchen ein Netz von Quellen aufgebaut, über die er laufend frische Ware bekam. Um die Beseitigung des Neuen bei der Ware kümmert er sich immer selber. In den meisten Fällen reichte es aus, metallene Gegenstände, die er bevorzugte, mit Salpetersäure zu bedampfen, um eine Korrosionsschicht zu erzeugen. Schwieriger waren Keramik- und Tonschalen, die auch noch von kritischeren Käufern nachgefragt wurden. Rodenkirchen bediente diese Kunden nur deshalb mit, weil für Tongefäße und Keramikschalen gut gezahlt wurde. Mit der richtigen Geschichte konnte man den Leuten nahezu alles verkaufen. Sobald einmal ihr Interesse geweckt war und er dieses Glitzern in den Augen sah, wusste Rodenkirchen, dass er wieder kurz davor war, seinen wertlosen Plunder gegen gutes Geld zu tauschen. Für die Töpferware hatte sich Geofrey aber was besonders ausgedacht, mit dem sich auch der Lumineszenztest hinsichtlich des Alters austricksen ließ. Zwar hatte er sich dafür fast zwei Jahre mit dem Töpferei auseinander setzen müssen, aber das Ergebnis war wirklich eindrucksvoll. Während er nach Vorlage einen Gegenstand fertigte, mischte er unter die das jeweilige Material, dass nachher auf seiner Töpferscheibe landete, gemahlenen Ton oder Keramik von echten Fundstücken. Bei seiner regulären Arbeit viel genug davon ab, was unbemerkt verschwinden konnte. Niemand kümmerte sich um wertlose kleinere und kleinste Scherben, die Rodenkirchen mit Hilfe seines Verfahrens veredelte.
Die Leichtigkeit, mit der er seine Kunden immer wieder betrügen konnte, bestätigte ihn nur ihn seiner Verachtung für die selbsternannten Experten. Von dem Geld, was er durch seine Nebentätigkeit verdiente, konnte er mehr als gut leben. Man musste nur die Balance halten und nicht zu extravagant sein, denn sonst würde der Lebensstiel gewisse Fragen hinsichtlich der Finanzierung aufwerfen. Sicher, als Archäologe bekam er so einiges, aber eben nicht das, was er seiner Meinung nach wirklich verdient hätte. Abgesehen davon waren sowohl die Autos als auch die Männer kostspielig. Schnelle Wagen, das Fabrikat war ihm nicht so wichtig. Oldtimer mussten es nicht auch nicht unbedingt sein. Es kam ihm tatsächlich nur auf die Geschwindigkeit an, als Ausgleich zu seinem Beruf, wo die gebotene Sorgfalt dazu führte, dass man langsam vorging.
Bei den Männern bevorzugte Geofrey den südländischen Typ, mit dunklen, längeren Haaren und einem markanten Gesicht. So was brauchte er heute Abend unbedingt, dachte er, während er die Reste der Zigarette auf dem Metallfuß der Nachtischlampe ausdrückte. Ein billiges Stück, wahrscheinlich aus Shanghai, wie er vermutet. Aber selbst daraus ließe sich was machen, wenn man wollte. Momentan hätte er aber für so was keine Zeit gehabt, denn das aktuelle Projekt nahm ihn voll in Anspruch. Weniger die Grabungen, dass war nur Routine. Es war der Grund, warum er sich dafür entschieden hatte, ausgerechnet in Xanten zu arbeiten. Ihm hatte sich eine einmalige Gelegenheit geboten, die er einfach ergreifen musste. Kurz vor Xanten lag das von das Zisterzienser-Kloster und das von den Schwester des Ordens betrieben Internat. Genau das Internat, auf das ihn seine Eltern geschickt hatten, als er im Alter von acht Jahren mit “diesem Firlefanz” anfing, wie sein Vater Geofreys Interesse für Geschichte bezeichnete. Sein Vater kannte nur eine Blickrichtung. Stets vorwärts, niemals rückwärts. Mit der Vergangenheit wollte er sich nie beschäftigen. Schon gar nicht mit der eigenen Familiengeschichte.
Für Geofrey, der damals noch Gottfried hieß, einen Namen, der er zutiefst hasste, war das Internat die Hölle. Seine Mitschüler waren dabei nie das Problem. Die konnte man auf die eine oder andere Weise zufrieden stellen. Kein Muttersöhnchen, hätte sich Rodenkirchen auch nie um eine Prügelei gedrückt. Das es nie zu einer kam, lag am strengen Regiment der Schwestern. Leben und lernen in enger Gemeinschaft. Besonders für die erdrückende Enge sorgten die Schwestern. Nach außen hin sprach man von einem christlichen Umfeld, das sich in besondere Weise auf die Schüler auswirkte. Worin diese besondere Weise bestand, merkten die Schüler, die schon für das kleinste Vergehen hart bestraft wurden. Die Internatsordnung war die Schnur, nach dem sich die Schüler möglichst freiwillig zu richten hatten. Präzise war darin nicht nur der Tagesablauf sondern auch das Verhalten der Schüler geregelt. So hieß es, dass die Schwestern nicht nur stets höflich zu grüßen seien, sondern die Schüler wurden auch dazu angehalten, ihnen die Türen zu öffnen und den Vortritt zu lassen. Verboten war es, die Hände in die Tasche zu stecken oder auf der Toilette mit Mitschülern zu sprechen. Wer mit einem Kartenspiel erwischt wurde, bekam den Zorn der Oberin zu spüren.
Je nach Vergehen bestand die Strafe, die nie Strafe, sondern Buße war, aus Arrest, Schlägen auf unterschiedliche Körperteilen oder beten “auf der Stange”. Letzteres war besonders grausam, den die Schüler mussten hingekniet vor ihrer versammelten Klasse beten. Dabei berührten die Knie nicht den Boden, sondern drückten auf eine Metallstange, die auf zwei Holzklötzen lag. Die Härte dieser Strafe konnte von den Schwestern durch die Länge des Gebetes, was laut zu sprechen war, bestimmt werden.
In der Hölle wurde um kurz vor 6 aufgestanden, um noch ohne Frühstück die Laudes zu absolvieren. Nach waschen und Frühstück, für dessen reibungslosen Ablauf die älteren Schüler verantwortlich waren, gab es die Instruktionen für den jeweiligen Tag. Noch vor Unterrichtsbeginn lag die Terz. Abgesehen von einer kurzen Pause, bei der bei jedem Wind und Wetter sportliche Ertüchtigung anstand, ging der Unterricht bis kurz vor 12. Dann gab es das Mittagsgebt und Mittagessen. Bevor der Unterricht um halb drei fortgesetzt wurde, stand eine strikt einzuhaltende Ruhezeit an. Nach dem einstündigen Nachmittagsunterricht hatten die Schüler Zeit für die Hausaufgaben oder andere Aktivitäten, die alle bis zur Vesper um halb sechs beendet sein mussten. Wer zu spät kam, wurde nach der Vesper bestraft. Neben der normalen Strafe fiel für Delinquenten das Abendessen aus. Abends gab es Lesungen aus zumeist biblischen Texten oder Büchern der religösen Erbauungsliteratur. An dem Komplet mussten die Schüler nicht teilnehmen, dafür begann die Nachtruhe bereits um halb zehn. Vor dem zu Bett gehen wurde ein Nachtgebet erwartet. Nur an den Wochenenden sah der Ablauf etwas anders. Davon hatte Geofry jedoch nie etwas mitbekommen, da er von Samstag früh bis Sonntag Nachmittag zu Hause sein durfte. Die Wochenendler mussten allerdings pünktlich zur Vesper wieder im Internat sein. Wer keine Bescheinigung seines Pfarrers hatte, musste nach dem Abendessen am Sonntag zur Beichte. Da nie jemand die geforderte Bescheinigung vorlegen konnte, da es schlicht keine Beichtbescheinigung gab, war niemand davon befreit.
Georfry öffnete wieder die Augen, die er fest geschlossen hatte, als die Erinnerungen wieder an ihm vorbeizogen. Für kurze Zeit hatte er sich wieder wie damals gefühlt. Die von ihm empfunden Grausamkeit der Ordensschwester hatte sein Leben stark geprägt. Seinen Glauben hatte er nach dem vierten Mal auf der Stange verloren. Einen genauso großen Bogen, wie er um Kirchen machte, schlug er auch bei Frauen ein. Nicht jeder war eine Nonne, aber er fühlte sich bei Männern einfach auf der sicheren Seite. Wie damals, als die Jungen in der Klasse aufeinander angewiesen waren und zusammen hielten, um die Zeit im Internat zu überstehen.
Wäre Rodenkirchen religiös, würde er das alles wie damals beichten. Das, und vor allem das andere. Das was seine Rache sein würde an den verhassten Zisterzienserinen. Ein Teil seines Planes hatte er bereits in die Tat umgesetzt. Als Leiter der Ausgrabungen war es ihm ein Leichtes, Kontakt zum Kloster herzustellen. Besonders dann, wen es um Reliquien ging, die gefunden wurde. Soweit, wie er sich in den vergangen Jahren auch äußerlich verändert hatte, war er sicher, nicht als der Schüler von damals erkannt zu werden. Die Gefahr war auch deshalb gering, weil bis auf Schwester Agnes keine der Nonne aus seiner Internatszeit mehr am Leben war.
Zu seinem Plan gehörte es, dem Kloster mehre religiöse Fundstücke zu überlassen, die angeblich bei der Ausgrabung gefunden worden waren. Da die Funde allesamt auf eine Zeit lange nach den Römer, um dies es bei der Grabung eigentlich ging, datiert wurden, bestand seitens des römisch-germanischen Museums keine Bedenken, die Stücke den Zisterzienserinen anzubieten. Gegen einen finanziellen Ausgleich wechselten die Gegenstände den Besitzer. Entgegen den Gewohnheiten von Geofry sogar ganz offiziell, den das war unbedingt nötigt für das, was später folgen sollte. Verdienen tat er daran wie sonst auch nicht, sondern er opferte dafür einen nicht geringen Teil seines Vermögens und seiner privaten Sammlung, denn damit sein Plan gelinge konnte, war es äußerst wichtig, dass keine Fälschungen entdeckt wurden. Es war schon ein hohes Risiko, die Gegenstände so zu platzieren, dass sie am nächsten oder übernächsten Tag gefunden wurden. Extra um dafür die Möglichkeit zu haben, sie unauffällig an die Grabungsstelle zu bringen, blieb er öfter Abends länger. Niemand schöpfte Verdacht, wenn er dann auch noch bis zum Einbruch der Dämmerung vor Ort war.
Die Echtheit der Fundstücke und Reliquien, zumindest in Bezug auf ihr Alter, war deshalb so wichtig, weil er so keinen Raum für Zweifel ließ. Nur das gab ihm die Möglichkeit, das letzte, wertvollste Fundstück dem Kloster anzubieten. Diesmal allerdings würde es sich um eine Fälschung handeln, denn den Stab des Niokolaus von Myra gab es nicht. Darauf kam es allerdings nicht an. Entscheidend war nur der Glaube dran, dass die Stange ein Stück diese Stab gewesen war. Die Stange stellte so was wie sein Meisterwerk auf dem Gebiet der Fälschung da. All seine Erfahrung und sein Wissen waren in ihre Herstellung geflossen. Sie war der Höhepunkt und das Ende seines Schaffens und sie würde auch das Ende seiner Kariere bedeuten, wenn der Schwindel auffliegen würde. Daran, dass die Fälschung nach dem aufflog, bestand kein Zweifel. Rodenkirchen hatte extra dafür gesorgt, dass es passierte, denn auch das gehörte zum Plan. Danach würde er als Wissenschaftler ruiniert sein, aber ebenso das Kloster, dass er auf diese Weise in den finanziellen Abgrund gestoßen hätte.
Für seinen Lebensabend hatte er bereits vorgesorgt. Als Archäologe wäre er erledigt, aber es gab noch so viele andere Dinge, die das Leben schön machte. Auf jeden Fall hätte er viel mehr Zeit für schöne Männer, die er sich in sein Haus im Tessin einladen würde. Rodenkirche schaute auf seine Breguet Classique. Es war Zeit für ein Abendessen.
