Gerade als er wieder von der Uhr hochblickte, fuhr ein Wagen an ihm vorbei. Im taubenblauen Polo saß , wie unschwer an der Uniform zu erkennen war, ein Polizist. Für einen kurzen Moment hatte er den Eindruck, dass sein Herz vor Schreck stehen bleiben würde. Dann war das Auto an ihm vorbei gefahren, ohne jedoch wie er befürchtet hatte, anzuhalten. Vielleicht würde der Polizist zuerst zu Kirche fahren, um mit dem Küster zu sprechen. Wenn das so wäre, blieb ihm noch etwas Zeit. Was ihm nicht weiterhalf, war die Tatsache, dass er sich immer noch auf freier Fläche befand. Nicht mal Bäume oder Sträucher am Straßenrand gab es, hinter denen er sich hätte verstecken können. Nur zwei Metallstangen standen rechts und links an der Straße, zwischen denen ein Banner gespannt war und Autofahrer dazu ermahnte, im Ort aus Rücksicht auf die Schulkinder langsamer zu fahren.
Die meisten würde wohl er einen Unfall bauen, wenn sie nach oben schauten, um den Text zu lesen, dachte er. Aber er war ja auch kein Autofahrer, fiel ihm ein. Beunruhigend, dass er den Eindruck hatte, dies würde sich nicht nur auf seine derzeitige Situation beziehen. Wenn er auch sonst kein Autofahrer war, hätte er entsprechend kein Auto. Damit war es ausgeschlossen, dass sich im Kofferraum seines Autos Straßenschuhe befinden würden, so wie er geglaubt hatte. Mit Sicherheit war es nicht sein Autoschlüssel, den er auf dem Wagendach zurück gelassen hatte. Fremde Stiefel, fremdes Auto, fremde Schlüssel und dann noch die Zigaretten, die ihm, wie er sich eingestand, gar nicht schmeckten. Scheinbar gab es ein Leben vor der Sache heute Morgen, an dass er sich nicht erinnern konnte. Etwas hatte ihn verändert. Möglicherweise hatte er sich auch verändert. Was er nicht wusste, warum es so war. Die Welt um ihn herum drehte sich weiter, machte ihn schwindelig. Unbedingt einen klaren Kopf bekommen musste er jetzt. Er strich seine Harre nach hinten zu seinem Zopf zusammen und zog daran. Je mehr versuchte nachzudenken, desto verworrener wurde alles. Das Einzige, was er ganz klar sah, war die Notwendigkeit, weg zu kommen, diesen Ort zu verlassen. So schnell das möglich war. Mit den Stiefeln, die er anhatten, würde ihm das nicht gelingen. Irgendwoher müsste er etwas passendes bekommen.
Sicher war der Polizist an der Kirche. Alles weitere wollte er sich nicht vorstellen. Immer weiter wuchs die Angst in ihm. Erst jetzt wurde ihm bewusst, das er die ganze Zeit weiter gelaufen war. Er drehte sich um. Das Banner über der Straße war kaum mehr zu lesen aus dieser Distanz. Als er wieder nach vorne schaute, sah er ein einiger Entfernung auf der linken Seite eine Gutshof liegen. Daneben waren, unschwer Stallungen zu erkennen. Verschandelt wurde das Bild durch zwei große Hallen. Vor dem Gutshof befanden sich Pferdekoppeln. Welchem Zweck der Gutshof jetzt erfüllte, war eindeutig. Ein Reiterhof bedeutete nicht nur Pferde, sondern auch Reiter und vor allem Reitstiefel. Etwas in seiner Größe ließe sich bestimmt unbemerkt ausleihen. Spannender jedoch als sein Stiefel-Problem war die Frage, was der Gutshof früher einmal gewesen war. Geschichte, dass hatte er schon in der Kirche geahnt, schien ihn zu interessieren. Nicht nur dass, er konnte bei allem, was er nicht wusste, sogar Wissen abrufen und Dinge einordnen. Er bog von der Straße ab und schlug den Weg zum Hof ein. Beim näher kommen viel ihm daher auf, dass der Gutshof von der Bauweise her etwa im 12 Jahrhundert errichten worden sein musste. Form und die Ausrichtung ließen einen Wehrbau vermuten. Zugewachsen Senken, die um den Gutshof und einen Teil der Stallungen verlief, könnten im Mittelalter ein Grabensystem gewesen sein.
Immer die Pferde auf der Weide im Blick, die ihm Respekt einflößten, ging er direkt auf den Haupteingang zu. Jeden Moment hätte er entdeckt werden können, aber das spielt für in in diesem Moment keine Rolle. Dort am Eingangstor gab es etwas, dass seine gesamt Aufmerksamkeit magnetisch anzog. Im Torbogen eingelassen war ein Wappenstein mit der Inschrift “Jahr 1817 von G. Stollmann”. Dadrüber waren drei Fische und eine Ähre. Kein echtes Wappen, sondern eine Anspielung auf die früher Bedeutung des Gutshofes. Nicht unwahrscheinlich, dass es in der Gegend eine Abtei oder ein Kloster gab, zu dem der Gutshof gehört hatte. Welche unterschiedliche Besitzer der Hof über die Jahrhundert gesehen hatte und wozu er alles diente, bevor er er profaner Reiterhof wurde, wäre sicher spannend zu erfahren. Zeit war dafür nicht. Er konnte froh sein, dass er immer noch unentdeckt geblieben war. Unmittelbar hinter dem Torbogen erstreckte sich der Reiterhof bis zum Gutshaus selber, das an der Nordseite den Abschluss der Ablage bildete. Die zum Gutshof gehörenden Wirtschaftsgebäude wiesen Beschilderungen wie “Pony Praxis” auf und wiesen darauf hin, dass sie allesamt zum Reitbetrieb gehörten. Bisher hatte noch keiner Notiz von ihm genommen und das sollte auch so bleiben, auch wenn es auf Grund der Betriebsamkeit auf dem Hof nicht einfach werden würde. Vorsichtig schlich er sich an die Außenseite einer Halle heran, die direkt an einen Turnierplatz grenzte. Hinter einem Pferdeanhänger versteckt ließ er seinen Blick schweifen, um das weitere Vorgehen zu planen. Reiterhalle, Turnierplatz und Stallungen befanden sich auf der linken Seite , während die Wirtschaftsgebäude rechts lagen. Vor dem Gutshaus selber befand sich ein Parkplatz, auf dem sich nur zwei Autos befanden. Um so mehr Fahrräder standen dafür in einem separaten Bereich und auch vor den Stallungen. Entweder waren die Reiterinnen besonders sportlich, oder aber noch in einem Alter, wo sie keinen Führerschein hatten. Das es fast ausschließlich Reiterinnen sein mussten, meinte er an den Fahrrädern zu erkennen. Wenn er richtig lag, würde es unter diesen Umständen schwer werden mit den Stiefel, denn er hielt es für nicht sehr Wahrscheinlich, dass ihm Damenstiefel passen würden.
In einem Moment, wo gerade niemand auf dem Hof war, wechselte er von seiner derzeitigen Position auf die rechte Seite zu den Wirtschaftsgebäuden. Obwohl er sich unbeobachtet fühlte, wurde er genau beobachtet. Frau Stollmann hatte ihn aus dem Küchenfenster die ganze Zeit fest im Blick. Während sie an ihrem Milchkaffee nippte, fragte sie sich, ob das wieder einer dieser Sittenstrolche war, die den Mädchen hinterher spionierten in der Hoffnung, um ihnen beim Umkleiden zu gucken zu können. In der Regel war es nicht nötig zu intervenieren, denn die meisten zogen dann wieder enttäuscht von dannen, wenn sie feststellten, dass das einzige, was die Mädchen und Frauen hier auszogen, ihre Reitstiefel und der Helm waren. Auf letzteren legte Frau Stollmann besonderen Wert. Ohne Helm durfte hier niemand auf den Rücken eines Pferdes oder Ponys. Jetzt war er nicht mehr zu sehen. Hinter den Wirtschaftsgebäuden konnte er unbeobachtet laufen. Fragte sich nur, wo er hin wollte. Etwas später stand er an der vorderen Ecke und schaute rüber zum Gutshaus. Vielmehr eigentlich nicht wirklich auf das Gutshaus selber, sondern auf die Fahrräder davor. Langsam dämmerte es Frau Stollmann, worauf der junge Mann, den sie jetzt besser erkennen konnte, es eigentlich abgesehen hatte. Wobei er nicht wie ein Fahrraddieb aussah. Die nicht ungepflegten halblangen Haare, eine markante Nase, die sie stark an die eigene erinnerte und sorgsam ausgewählte Kleidung passten nicht in das Bild eines Diebes. Sie stellte sich vor, dass er ein Student sei, der sich verlaufen hatte. Diesen Gedanken ließ sie kurz weiter treiben. Gerne hätte sie einen Sohn, der eine akademische Laufbahn eingeschlagen hatte. Ihr selber war die Möglichkeit eines Studiums verwehrt worden. Nicht weil ihre Eltern das nicht gewollt hatten, im Gegenteil sie hatten alles versucht. Iris Pittenburg, wie sie vor ihrer Hochzeit hieß, war einfach zu faul zum lernen gewesen. Dafür war reiten immer schon ihre große Leidenschaft gewesen. Sie war mehr draußen, als dass sie sich mit langweiligen Büchern beschäftigt hätte. Hausaufgaben konnte man auch abschreiben. Praktischerweise verliebte sie sich in den Sohn von Stollmann, dem der Reiterhof gehörte, auf dem sie täglich ein und aus ging. Nach all den Jahren war ihr klar geworden, dass die Liebe zu klein war, um dauerhaft Bestand zu haben. Große Trauer hatte sie auch nicht verspürt, als ihr Mann im letzten Jahr verstarb. Statt immer noch selber zu reiten, verbrachte sie viel Zeit mit Wanderungen am Rhein entlang und hatte das Lesen für sich entdeckt. Die ausführliche Lektüre der Zeitung war zu einem Ritual bei ihr geworden. Immer noch aufgeschlagen lag die Zeitung auf dem Küchentisch, auf dem sie jetzt die halbvolle Kaffeeschale absetze. Der Student, wie sie ihn in Gedanken nannte, starrte immer noch auf die Fahrräder. Etwas an ihm war verstörend. Ein Detail, dass nicht zu ihm zu passen schien. Plötzlich sah sie das, was sie die ganze Zeit anschrie. Gelbe Gummistiefel. Der Student schien sich nicht sehr wohl darin zu fühlen. Immer wieder rieb er mit der Ferse des einen Stiefels an der Oberseite des anderen. Als sie wieder hoch schaute, trafen sich ihre Blicke.
Derartig ertappt schoss ihm das Blut in den Kopf. Er war gesehen worden. Eine Frau, die er auf Ende sechzig schätze, stand im Morgenmantel gekleidet an einem der unteren Fenster des Gutshauses und blickte ihm direkt in die Augen. Wie gebannt sah er sie an. Sie hatte fülliges weißes Haar, nach hinten zusammen gebunden. Für ihr Alter war ihr Gesicht auffällig glatt. Gesunde Landluft, schätze er und viel Sport. Reitsport, wäre naheliegend. Wache blaue Augen fixierten ihn. Weglaufen konnte er nicht mehr. Auch nicht, als die Frau vom Fenster verschwand. Er ahnte, was jetzt passieren würde. Die herrschaftliche Tür wurde geöffnet und die Frau macht ging die zwei Stufen herunter, bevor sie sich an ihn wandte.
“Wollen sie die ganze Zeit da draussen in der Kälte stehen? Drinnen gibt es noch genügen Kaffee.”
Warum sie das tat, was sie da gerade tat, wusste Frau Stollman selber nicht so genau. Gleichermaßen eine Mischung aus Mitleid und Neugier, vermutete sie. Angst hatte sie nicht.
Wäre es möglich gewesen, wäre sein Herz vor lauter Angst in den verdammten Gummistiefeln verschwunden. Selbst dafür waren sie aber garantiert zu klein. So laut und heftig, wie es im Moment pochte, musste es noch größer als seine Füße sein.
Ohne seine Antwort abzuwarten, drehte sich Frau Stollmann wieder um.
“Ziehen sich bitte die Stiefel aus, bevor sie hereinkommen”, rief sie ihm über die Schulter gewandt zu.
