Seine immer noch sehr rüstige Mutter stand an der Tür und hielt ihm die Thermoskanne hin. Wiedermal hatte er seinen Kaffee wohl vergessen. Obwohl Stollmann bereits Anfang 50 Jahr, störte ihn das nicht, dass sich seine Mutter so um ihn kümmerte. Warum auch, er kannte es nicht anders. Sie war die Frau die einzige Frau in seinem bisherigen Leben. Wobei er selber von ihr nie als Frau gesprochen hätte. Sie war schließlich seine Mutter und andere Dinge interessierten ihn nicht. Genau genommen hatten ihn diese anderen Dinge noch nie interessiert, so dass er auch keinen Mangel empfand. Sie kam auf ihn zu und reichte im die Kanne. Stollmann lächelte seine Mutter an.
“Ach, Mamma.”
Sie lächelte zurück und dachte daran, dass ihr das Schicksal zwei so unterschiedliche Söhne beschert hatte. Der eine war respektierter Bürgermeister von Xanten und um den anderen würde sich auch noch für den Rest ihres Lebens kümmern müssen. Von der Gehirnquetschung als Vierjähriger in Folge eines Sturzes von einem Pony, hatte er sich nie richtig erholt. Ihr älter Sohn Sohn war seit dem immer etwas zurückgeblieben. Sie gab sich selber die Schuld daran. Statt zu warten hätten sie sofort einen Arzt holen sollen. Der kleine Anton war es nach fast einer Stunde aus seiner Bewustlosigkeit erwacht. Zwar hatten sie ihn sofort von der Wiese in sein Bett gebracht, und auf ihn aufgepasst, mehr aber auch nicht. Als leidenschaftliche Reiterin war sie davon überzeugt gewesen, dass das reichen würde. Schließlich hatte sie auch zahlreiche Stürze ohne Arzt überstanden. Erst nach dem Anton sich auch noch zwei Tagen immer noch etwas merkwürdig benommen hatte, waren sie mit ihm ins Krankenhaus gefahren. Sehr viel tun konnte man dort nicht mehr für ihn. Welche Auswirkungen der Sturz auf Anton hatte, wurde erst mit der Zeit deutlich. Hauptsächlich betroffen waren soziale Fertigkeiten und das Einfühlungsvermögen. Seine Lernfähigkeit war nur leicht beeinträchtigt, so dass er in der Schule später trotzdem mithalten konnte. Es hatte zwar nur zu einem sehr mittelprächtigen Abschluss gereicht, aber immerhin war das schon mehr, als sie erwartet hat nach der Diagnose der Ärzte.
In Bezug auf andere Menschen jedoch hatte Anton Stollmann seit seinem Sturz den Anschluss komplett verloren. Freunde, so wie andere Kinder, hatte er nicht. Die die mit ihm spielten, taten dass nur, weil sie bei ihm zu Hause reiten wollten.
Ihr Sohn nahm die Thermoskanne entgegen und nickte leicht mit dem Kopf. Das war seine Art, sich zu bedanken. Er stieg in seinen Wagen und fuhr los, zur Arbeit. Obwohl sie fröstelte, schaute sie ihm noch her, bis das Auto nicht mehr zu sehen war. Ohne die Hilfe ihres jüngeren Sohnes hätte es keine Arbeit gegeben, zu der Anton jetzt unterwegs gewesen wäre. Auch wenn sie immer noch ihre Zweifel hatte, ob es wirklich so gut gewesen war, Anton ausgerechnet zur Polizei zu schicken. Sicher, hier in der Gegend passiert selten was, aber trotzdem hatte sie Angst um ihn. Besonders die Sache mit der Dienstwaffe hatte ihr keine Ruhe gelassen. Auch wenn seine Kollegen auf der Wache es nicht wussten, hatte sie dafür sorgen lassen, dass es für Antons Waffe keine scharfe Munition gab. Sie ging wieder ins Haus und schloss die Tür hinter sich. Zeit für einen richtigen Kaffee.
Gemütlich wie immer fuhr Stollmann durch Ginderich auf den Weg nach Xanten. Um diese Zeit war der Ort in einem Zustand zwischen Ruhe und Unruhe. Die Schulkinder waren bereits in der Schule, die gleich, in die er damals gegangen war. Er hatte viele Lehrerinnen kommen und gehen sehen, die Veränderungen in den Klassenräumen bemerkt, weil er zweimal im Jahr an die Schule kam, wenn das Thema Verkehrserziehung auf dem Unterrichtsplan stand. Warum er das immer machen musste, obwohl er auf der Wache nicht der einzige Polizist war, hatte Stollmann bisher noch nicht verstanden. Seine Gedanken sprangen wieder zurück. “Schule hat begonnen” mahnte ein verblassender Banner, der über die Straße gespannt. Abgesehen von der Bäckerei, aus der schon um sieben Uhr der verlockende Duft frischer Brötchen zu vernehmen war, waren die Geschäfte noch geschlossen. Erst um neun Uhr würde Ginderrich wieder langsam pulsieren, bis eine halbe Stunde später ein Geschäft nach dem anderen aufmachen würde, soweit zumindest, wie es noch nicht für immer geschlossen blieb. Für Stollmann war das nicht von Bedeutung. Alles was er brauchte, bekam er entweder geschenkt oder von seiner Mutter. Aber gelbe Gummistiefel, so wie die, die ihm gerade entgegen kamen, hätte er schon gerne gehabt. Er würde zu Hause davon erzählen. Vielleicht gab es sie zu Weihnachten. Dann musste er nicht immer neidisch auf die Reiterstiefel der Mädchen und Frauen zu Hause auf dem Hof schauen.
Stollmann bog rechts ab und fuhr am Friedhof vorbei auf die Kirche zu. Selbst als er diese hinter sich gelassen hatte, dachte er immer noch an die gelben Gummstiefel. Das änderte sich erst als er hinter Ginderich fast mit einem Auto kollidiert wäre, dass viel zu schnell aus dem Feldweg auf der linken Seite herausgeschossen war. Den Fahrer zu verfolgen und anzuhalten, wäre naheliegend gewesen. Für Stollmann sprachen aber zwei Sachen dagegen. Erstens war er noch nicht im Dienst und zweitens kannte er die Person am Steuer. Der Pfarrer würde schon einen Grund haben, wenn er so schnell unterwegs war. Stollmann hielt an, weil er sich am Kopf kratzen musste. Das der Pfarrer grade sämtliche Verkehrsregeln missachtet hatte, ging in Ordnung. Es waren schließlich keine Schulkinder in der Nähe. Aber was hatte er um diese Zeit im Naturschutzgebiet gemacht? Die Frage ging Stollmann nicht mehr aus dem Kopf. Das Brummen des Motors im Leerlauf half im beim nachdenken. Stollmann brummte leise mit. Es wäre wohl besser, er würde mal ebene nachsehen. Genügend Zeit bis zum Dienstantritt hatte er noch. Er gab wieder Gas und bog links ab. Diesmal war er nicht aufmerksam genug gewesen. Fast hätte er Bauer Lindebeck umgefahren, der gerade sein Fahrrad am Weidenzaun abstellte. Zwar machte sein Führerschein gerade drei Monate Pause, aber dennoch hatte der Bauer ordentlich zu tun. Bei dem was Lindebeck hinten im Anhänger hatte konnte man davon ausgehen, dass er Stacheldraht am Zaun austauschen wollte. Merkwürdig. Lindebeck wollte zwar wieder Kühe, aber nach dem, was vorgefallen war, wäre das nicht sehr wahrscheinlich. Dabei hatte er nur eine Pilzpfanne gemacht. Die Pilze hatten es allerdings in sich, den sie stammten aus der Kellerzucht seines Sohnes, der die Pilzkultur im Ausland bestellt hatte. Nachdem Lindebeck die Pilze alle aufgegessen hatte, war er nacht mit seinem Traktor über die Wiese gefahren. Spiralförmig hatte er seine Bahn gezogen, biss am Ende schließlich alle Kühe überfahren waren. Von dem Massaker würde man in Ginderich noch Jahr erzählen. Mit dem Stacheldraht, den er heute dabei hatte, würde er wohl die Lücken im Zaun schließen, die sein Trecker hinterlassen hatte.
Stollmann fand das mit den Kühen gar nicht so schlimm. Schließlich hatte das ganze Dorf bergeweise Fleisch umsonst bekommen. Ein Stück von Emma befand sich sogar auf dem Brot in seiner Dose. Lindebeck winkte fröhlich. Auch das gefiel Stollmann. Vor der Sache mit den Kühen war der Bauer nie so gut gelaunt gewesen. Ein bisschen erinnerte der Lindebeck ihn jetzt an sich selber. Deutlich vorsichtiger fuhr Stollmann weiter auf dem Feldweg bis zu der Ansammlung von Birken am Unterstand. Hier war nichts auffälliges. Dementsprechend hätte er wieder zurück auf die Straße fahren können. Besser wäre es aber, dachte Stollmann, doch noch mal eben auszusteigen. Im Unterstand sag es so aus, als ob dort jemand übernachtet hatte. Niemande würde ihm das zutrauen, aber Stollmann konnte denken, wer das gewesen sein könnte. Lindebeck hatte ihn an der Nase herumführen wollen und war nicht mit dem Fahrrad vom Hof zur Weide gefahren. Was das wohl jetzt wieder sollte. Zum Auto zurück gehend sah er Lindebeck auf der Wiese aufgeregt winken. Lindebeck glaubte wohl, er wäre auf seinen Streich reingefallen. Stollmann versuchte das Winken zu ignorieren und ging weiter.
“Stollmann, hallo, hier, hier drüben, schnell!”
Der gab nicht auf. Stollmann kletterte über den Zaun und ging runter zu Lindebeck. Erst jetzt sah er, warum Lindebeck so aufgeregt war. Unter der Weide lehnte jemand, der sich im Gegensatz zu Lindebeck gar nicht bewegt. Bemüht offiziell wandte Stollmann sich an Lindebeck.
“Guten Morgen Herr Lindebeck, schon so früh auf den Beinen? Wollen sie mich nicht ihrem Bekannten vorstellen?”
An der Reaktion von Lindebeck erkannte Stollmann, dass er irgendwas falsches gesagt hatte. Dabei war es doch noch morgens.
“Stollmann, der Mann hier ist tot!” Ergänzend fügte Lindebeck hinzu “Und ich kenne ihn überhaupt nicht.”
“Tatsächlich? Das wird sich noch zeigen”. Stollmann schaute sich die Person an der Weide näher an. Tatsächlich schien sie nicht aus der Gegend stammen, so dass es möglicherweise doch kein Bekannter von Lindebeck war.
Stollmann nahm seinen ganzen Mut zusammen und sprach den Fremden direkt an. “Geht es ihnen nicht gut?”.
“Mensch Stollmann, der Kerl ist tot”.
“Das wissen wird noch nicht Herr Lindebeck.” Der Angesprochen bekam einen hochroten Kopf.
“Du bist auch so was von blind Stollmann”, platze es aus ihm heraus.
Wie immer überhörte der so angesprochenen, das er geduzt wurde. Schließlich passierte das laufend. Um sich davon zu überzeugen, ob Lindebeck recht hatte, ging Stollmann näher an den Fremden heran, der noch immer keine Anstalt machte, sich zu bewegen. Erst jetzt fiel Stollmann auf, dass etwas mit dem Gesicht nicht stimmte. Was war jetzt zu tun? Ungefähr konnte er sich noch erinnern. Als erstes durchsuchen. Bestimmt, dass war es. In der Jackentasche fand er einen Personalausweis, der nur leichte Gebrauchsspuren aufwies. Einigermaßen sicher ließ sich daraus schließen, dass sein Besitzer nachlässig mit dem Dokument umgegangen war. Beim weiteren durchsuchen viel Stollmann nur ein in der Kleidung hängender penetranter Rauchgeruch auf. Der Mann war sicher Fischer und hatte vor seinem Dahinscheiden Alle geräuchert. Wobei, nach Fisch roch er eigentlich nicht. Stollmann schnupperte noch mal konzentriert. Es roch weniger nach Fisch als nach Leiche vermischt mit Nikotin. Der Mann war genauso eindeutig kein Fischer wie er auch nicht mehr lebte. Jetzt war der Zeitpunkt gekommen, wo es besser wäre, den Kollegen auf der Wache bescheid zu sagen. In Bezug auf Lindebeck war sich Stollmann aber noch nicht sicher, was er mit ihm tun sollte. Vernehmen? Verhaften?
“Herr Lindebeck, sie fahren jetzt am besten nach Hause. Ist doch viel zu kalt, um am Zaun zu arbeiten.”
Von Lindemann kam kein Widerspruch. Mit einem nicken verschwand er wortlos in Richtung Fahrrad.

sagte Astrid:
“Ich will Kühe” und musste gerade mehrmals schmunzeln, sehr schön ;)
sagte tboley:
Danke :-) Musste erstmal selber nachschauen, was sich hinter dem Titel des Beitrags verbirgt. Ich werde das Gefühl nicht los, dass ich mich irgendwann mal an den Roman begeben sollte um ihn in eine vorzeigbare Fassung zu bringen.