Kater ohne Frühstück

Das Aufwachen war fürchterlich. Schon wieder schallte es aus seiner Manteltasche “Großer Gott wir loben Dich”. Tellmann stöhnte und öffnete langsam seine verklebten Augen. Keine gute Idee. Das Tageslicht trieb ihm Nadelspitzen direkt in den Kopf hinein. Statt nach loben war ihm eher zum fluchen zu mute. Er schloss die Augen wieder. Wieder dieses Telefon.

Das Ding hatte seine Schwester für ihn ausgesucht. Sie war es auch gewesen, die das mit dem Klingelton gemacht. In technischen Dingen kannte sie sich besser aus als er, obwohl sie ein Jahr älter war. Den Klingelton hielt sie für passend. Tellmann selber hielt es eher für peinlich, wenn ein Anruf mit “Großer Gott wir loben dich” angekündigt wurde, verstand aber einfach zu wenig von dem Gerät, als das er in der Lage gewesen wäre, einen anderen Ton auszusuchen.

Lage war das Stichwort, bei dem er sich seiner seiner misslichen Situation wieder bewusst wurde. Gott loben konnte er tatsächlich dafür, dass er über Nacht nicht erfroren war. Der Unterstand, in dem er lag, bot zwar Schutz vor Regen und zumindest von drei Seiten auch vor Wind, nicht aber vor der Kälte. Im Spätherbst war das besonders dann ein Problem, wenn der Körper nicht nur mit der Wärmeproduktion sondern auch mit dem Abbau von Alkohol beschäftigt war. Im Fall von Tellmann war es auch nicht nur ein Glas gewesen, sondern einige. Dabei sprach er sonst selten dem Alkohol zu. Es gab Wochen, da war der Messwein das Einzige, was über seine Lippen ging. Gestern Abend wäre es aber unhöflich gewesen, abzulehnen. Dabei hätte die Sitzung vom Stiftungsrat eine ziemlich nüchterne Sache werden sollen. Schließlich war das Hauptthema die mehr als desolate Finanzlage der Stiftung gewesen, die bereits die bischöfliche Finanzkammer alarmiert hatte. Diesmal würden sie die Finanzaufsicht über die Stiftung ernst nehmen. Weiteres durchwurschteln war damit ausgeschlossen. Sein Problem war das eigentlich ursprünglich nicht, denn er hatte seinen Sitzung nur von seinem Vorgänger in der Pfarrstelle übernommen. Der hatte sich rechtzeitig vom Höchsten abberufen lassen.

Zuständig war der Stiftungsrat für das Kloster der Zisterzienserinnen aus dem 13. Jahrhundert, die St. Mariä Himmelfahrt Kirche und das Seniorenheim zur Abendsonne. Als Wallfahrtsort war St. Mariä Himmelfahrt nicht schlecht aufgestellt. Mit den Einnahmen durch die Pilgerer ließen sich mehr als nur die laufenden Kosten für Unterhalt und Renovierung der Kirche bezahlen. Das das Geld hinten und vorne nicht reichte, lag an den beiden anderen Liegenschaften. Im Kloster hatte es in den letzten Monaten immer wieder Ankäufe von angeblich für dem Orden bedeutsamen Relequien gegeben. Auch in der nächsten Woche war eine weitere Anschaffung geplant. Ein Sensationsfund direkt aus der Nähe, bei dem es Schwester Agnes viel Überredungskunst gekostet hatte, damit das Stück nicht dem Museum im Xanten zugeschlagen worden war. Leider bestand die Überredungskunst auch darin, mehr Geld zu bieten. Geld, über das das Kloster nicht verfügte, womit erneut die Stiftung aushelfen musste.
Der prestigeträchtige Neubau eines Seniorenbades im Heim hatte den Eta auch bei weitem überstiegen. Tellmann bezweifelt nach wie vor, dass dieser Anbau überhaupt nötig gewesen wäre. Bei seinen Besuchen in der Abendsonne nach der Einweihung des Bades hatte er dort noch keinen der Senioren gesehen. Dafür machte das Pflegepersonal intensiven Gebrauch von der Möglichkeit. Vor diesem Hintergrund erklärte sich auch die Anschaffung eines Solariums im Kostenplan. Von den Verrunzelten würde sich da keiner drunter legen. Das eigentliche Problem des Seniorenheims aber war die Rückläufige Zahl seiner Dauergäste und deren kurze Verweildauer. Während letzteres den alten Wienemann, der auch in Stiftungsrat saß, naturgemäß freute, missfiel ihm aber das ausbleiben künftiger Kundschaft.
Wiennemann. Er war es, der Schuld daran trug, dass es Tellmann jetzt so schlecht ging. Wienemann Senior hatte Anfang der Woche seine siebzigsten Geburtstag gehabt. Um nicht vorzeitig sein eigener Kunde zu werden, würde er künftig kürzer treten. Unter die Erde würde er die Leute noch bringen.

“Besser die als ich”, hatte er nach der zehnten Runde Malteser gesagt. Alle anderen Aktivitäten aber würde sein Sohn übernehmen. Für den Stiftungsrat wäre das auf jeden Fall ein Gewinn, denn der junge Wienemann konnte nicht nur gut mit Geld, sondern auch mit Menschen umgehen, die noch nicht verstorben waren oder dies in absehbarer Zeit vorhatten. Er war ein guter Vermittler und konnte selbst harte Einsparungsmaßnahmen gut vermitteln, wie Tellmann wusste. Bevor er bei seinem Vater ins Geschäft eingestiegen war, hatte er Betriebswirtschaft und Soziologie studiert. Nach zwei Jahren in Amsterdam, wo er für eine kirchliche Einrichtung tätig gewesen war, zog es ihn der Liebe wegen zurück in die Heimat.

Gestern Abend jedenfalls hatte der Senior seinen Ausstand im Stiftungsrat gegeben. Wie viele Falschen Malteser er mitgebracht hatte, daran konnte sich Tellmann nicht mehr erinnern. Deutlich mehr waren es auf jeden Fall, als er vertragen hatte.

Was nach dem offiziellen Teil alles passiert war, wusste er nicht mehr. Irgendwann wohl am Ende des Abends war er nach Hause aufgebrochen. Unvernünftigerweise mit seinem Auto. Unterwegs hatte er noch zwei Anhalter mitgenommen und war dann auf dem Weg zurück nach Ginderrich falsch abgebogen. Nach dem er versucht hatte, den Schafen auf dem Geldweg, die er trotz der Dunkelheit sehr gut sah, auszuweichen, drängten einer der Anhalter darauf, auszusteigen. Tellmann erinnerte sich daran, dass er den Wagen gebremst und zum stehen gebracht hatte. Danach wurden beide Hintertüren aufgestossen und heftig zugeschlagen. Das fast simultane Knallen der Türen führte zu einer partiellen Ernüchterung, die Tellmann zumindest erkennen liess, dass es keine besonders gute Idee war, weiter zu fahren. Für diese Einsicht war er seinem Herren dankbar, der aber nicht daran gedacht hatte, für passende Licht und Wetterverhältnisse zu sorgen, um die bevorstehende Wanderung zu erleichtern. Als Tellmann ausgestiegen war, konnte er die Anhalter nicht mehr sehen. Sie schienen auf merkwürdige Weise von der Dunkelheit schnell verschluckt worden zu sein. Soweit er sich erinnerte, hatte er das Auto verriegelt, ohne dabei den Schlüssel abzubrechen und hatte sich dann auf den Weg gemacht. Ohne eine sehr ausgeprägten Orientierungssinn wäre das Unterfangen, nach Hause zu laufen, unter normalen Umständen trotzdem leicht zu bewältigen gewesen. Mit so viel Alkohol im Blut war es jedoch eine ähnliche Herausforderung wie die Besteigung des Mount Everest oder eine Marsch durch die Arktis. Von den zwei Möglichkeiten, die ihm der Feldweg anbot, wählte Tellmann in der vergangenen Nacht zielsicher die Falsche. So brachte ihn der Weg nicht wieder zurück auf die Straße, sondern weiter ins Naturschutzgebiet. Am Rand des keinen Birkenwalds war er dann soweit, dass er seinen Fehler erkannte. Zu müde, um zurück zu laufen wählte er die ihm einzig sinnvoll erscheinen Möglichkeit und quartierte sich selbst im Unterstand ein. Wenn der Heiland in einer Krippe geboren war, so dachte er, würde er selber es auch eine Nacht in diese Unterstand aushalten. Schließlich brauchte er einfach nur die Augen zu zu machen.

Genau diese Augen wollte Tellmann jetzt immer noch nicht aufmachen. Helfen würde ihm das freilich wenig. Besser wäre, vor dem nächsten Klingen aufzustehen. Wer weiss, was der überaus engagierte Küster sonst noch alles anstellen würde. Das seine Schwester an diesem Wochende nicht da war, hatte in diesem Fall seine Vorteile. Mit etwas Glück würde er auch Küster dazu überreden können, Stillschweigen zu bewaren. Den Preis für das Schweigen kannte er bereits. Küster würde von ihm verlangen, sich als Nikolaus für die Kinder im Kindergarten und auch für die Senioren in der Abendsonne zu verkleiden. Tellmann hatte sich bisher dagegen erfolgreich gesträubt, obwohl er zwei wichtige Voraussetzungen ganz ohne Verkleidung erfüllte. Weißer Vollbart und dichtes, ebenso weißes Haar. Blieb die Frage, womit er sich mehr zum Narren machte. Mit seiner aktuellen Lage oder mit seinem Auftritt als Nikolaus.

Während Tellmann aufstand, sich ein Birkenblatt aus dem Haar zog und schon mal das “Hoh, hoh, hoh” übte, klingelte es wieder. Küster war wirklich hartnäckig. Tellmann zog das Handy hervor und starrte es an. Auf seinen bösen Blick hin verstummte es. Die Anzeige der bekannten Anrufe in Abwesenheit erlosch und es wurde kurz darauf die Uhrzeit eingeblendet. Wenn die Uhr richtig ging, war es jetzt zwanzig nach acht. Mit einem seufzen machte sich Tellmann auf dem Weg zu seinem Wagen, den er schon von weitem sehen konnte, denn er stand immer noch auf dem Feldweg.

“Danke Herr, dass du trotz meiner Verfehlungen noch ein Auge auf mich hast”, murmelte Tellmann und holte schon mal den Autoschlüssel aus seiner Hosentasche. Die frische Luft tat zwar gut, dennoch blieb der Kater. Der erste Termin um neun Uhr würde ihm keine Zeit zum Frühstücken lassen. Er konnte froh sein, wenn er es rechtzeitig nach Ginderrich schaffte und sich frisch machen vorher frisch machen konnte. Für den Termin würde Zivilkleidung reichen. Im Pfarrhaus gab es dank seiner fürsorglichen Schwester mit Sicherheit noch einen sauberen Talarkragen und ein gebügeltes Collarhemd. So, dass die Spuren, die die vergangene Nacht bei ihm hinterlassen hatte, nicht weiter ins Gewicht fallen würde.Zumindest nicht bis Montag, denn dann müsste er seiner Schwester den Zustand von Hose und Mantel erklären. Tellmann verscheuchte den Gedanke an seine Schwester und konzentrierte sich wieder auf das unmittelbar vor ihm liegende, als ihn das Schicksal ereignet. Diesmal musste er den Anruf entgegen nehmen.

Ein lautes Husten peinigte seine Ohr. Aus der noch immer belegten Stimme von Küster konnte er die Vorwürfe deutlich heraushören.

“Herr Pfarrer, wo stecken sie denn? Um neun Uhr trifft sich der Kirchenvorstand und das sie dem angehören, brauch ich sich nicht zu betonen.”
Küster war gut zwanzig Jahre jüngerals Tellmann. Dennoch fühlte sich Tellmann manchmal wie ein Schuljunge, wenn Küster mit ihm sprach. Der war mit einem Feuer bei der Sache, dass so nie in Tellmann gebrannt hatte. Im fiel ein, dass er eigentlich sein Vorgesetzter war.

“Bin unterwegs”, sagte Tellmann und beendete den Anruf. Das fühlte sich großartig an. Allerdings nur bis zum dem Moment, bis sich Tellmann an seine letzte Nacht erinnerte und an Nikolaus dachte. Wer den Knecht Rutbrecht spielen würde, wusste er schon ganz genau.

In dem Moment, als er den Schlüssel in die Autotür stecken wollte, drehte er sich noch mal um. Unten auf der Wiese hatte jemadn an eine Kopfweide angelehnt übernachte. Das war definitiv unbequemer als im Unterstand. Sicher würde der vom anspringenden Wagen geweckt werden. Tellmann setzte sich ins Auto und startete den Motor. Mit Bedacht wendete er den Wagen, da er es unbedingt vermeiden wollte, rückwärts aus dem Feldweg zu fahren. Unten an der Kopfweide regte sich nichts. Der scheint einen festen Schlaf zu haben, dachte Tellmann, während er richtig Gas gab um endlich auf die Straße zu kommen. Die vergangene Nacht, der Unterstand und die Person an der Weide verschwanden aus dem Rückspiegel.

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