3. November
2010

Soweit die Füße tragen

von tboley um 11:04 Uhr

Anscheinend war er nicht gesehen worden. Sicherheitshalber wartete er trotzdem noch etwas hinter den Hagebuttensträucher. Vorwurfsvoll starrten ihm die Reifen an. Hier würde sie niemand finden, was wohl auch beabsichtigt war. Das Auto, zu dem er keine passenden Schlüssel hatte, befand sich dagegen immer noch gut sichtbar auf dem Feldweg. Nicht gut, gar nicht gut. Von hier aus hätte er ohne Probleme noch mal zurück laufen können. Dagegen sprach aber viel zu viel. Nicht nur, dass ihm Füße wehtaten. Zurücklaufen würde auch nichts daran ändern, dass er keine Schlüssel hatte. Weitergehen wäre wohl besser.

Zwar würden sich darüber seine Füße beschweren, aber nur auf diese Weise ließe sich der Abstand zum Auto und zu dem, was dort an der Weide lehnte, vergrössern. Er richtete sich auf. Noch immer kein Auto. Weiter, über die Reifen steigen und auch diese hinter sich lassen. Jeder Schritt wurde zur Qual. Aus der Richtung, der er eingeschlagen hatte, hörte er eine Turmuhr schlagen. Nichtmal eine halbe Stunde war vergangen. Jedenfalls war das die optimistische Sichtweise, wenn man über den Luxus von viel Zeit verfügte. Nach einer Biegung konnte er die Ortschaft sehen, auf die er zusteuerte. Von Weiten sah sie größer als, als sie tatsächlich war. An der rechten Verse konnte er ein Blase spüren, deren Ausmaß zunahm. Das vor ihm liegende Ginderrich würde nicht mehr weiter wachsen.

Am Rand war der Ort bereits aufgescheuert. Die Alten wurden nicht nur älter, sondern verfielen mitsamt ihren Häusern. Die meisten Junge waren weggezogen, hatten sich auf einem Dachboden erhängt oder waren erst gar nicht geboren worden. Im Kontrast dazu stand ein neues Ortseingangsschild. Es grenzte unmittelbar an eine Kuhweide. Der massive Betonsockel ließ darauf schließen, dass mit dem alten Schild vermutlich allerlei Unfug angestellt wurde. Wobei es sicherlich schon gereicht hätte, dass Schild um 90 Grad zu drehen. Nach einem weiteren Bogen führte ihn die Straße direkt in den Ort hinein. Auf der rechten Seite befand sich eine Kirche. Von ihr musste wohl die Glockenschläge stammen, die er gehört hatte. Glockenschläge. Schläge. Der Gedanke daran ließ ihn erschaudern. Ein wohliges Erschaudern. Vor sich selbst erschreckend bemerkte er, dass es ein Gefühl der Zufriedenheit war, an das er sich gerade erinnerte. Ein Glücksgefühl, eine Befreiung. Als ob er etwas zu Ende geführt hatte. Ganz direkt mochte das wohl richtig sein.

Instinktiv steuerte er auf die Kirche zu. Die doppelflügige und mit Schnitzereien versehene Eingangstür war nicht verschlossen. Die Schwerer der sich öffnenden Tür entsprach dem, was Kirchgänge erwarteten von so einer Tür, die sie zur Beichte öffnen mussten. Selber zu beichten, kam ihm allerdings nicht in den Sinn. Dafür aber, dass eine der Vorraussetzungen für die Beichte erfüllt gewesen wäre. Bei der Kirche, die er jetzt betrat, handelte es sich eindeutig um eine katholische Kirche. Der Innenraum der Kirche war beindruckend. Als erstes fiel sein Blick auf den Taufstein und die sich darauf befindenden vier Reliefs mit bilbischen Motiven. Zu sehen war die Erschaffung von Eva, die Geburt von Jesus, seine Taufe und schließlich die Kreuzigung. Anfang und Ende. Eva passte auf den ersten Blick nicht in die Reihe, aber vermutlich war ihre Darstellung der Tatsache geschuldet, dass mit Eva die Sünde in die Welt gekommen war, die Jesus durch seinen Tod am Kreuz für die Menschheit auf sich genommen hatten. Eine Weile dachte er über dies nach, während er weiter den Taufstein betrachtete. Von der Art der Abbildungen und seiner Beschaffenheit stammte er mit ziemlicher Sicherheit aus dem 15. Jahrhundert. Diese Erkenntnis ließ ihn stutzen. Woher wusste er das? Er drehte sich um zum Kircheninnenraum. Das imposante Langhaus ließ auf den Anfang der Gotik als Erbauungszeitraum schließen. Die Seitenportal waren erst später hinzu gekommen. Andächtig schritt er weiter in die Kirche hinein, sich immer wieder selbst fragend, wo her sein Wissen stammte.

Neben einem Opferkasten befand sich einer Ständer mit Broschüren über die Kirche in drei Sprachen. Deutsch, Englisch und Niederländisch. Er griff sich eine der deutschsprachigen Broschüren und faltete sie auseinander.
Sein Gewissen riet ihm, den erbetenen Betrag von einem Euro in den Opferkasten zum Erhalt der Kirche und ihrer Schätze zu werfen. Soweit war schon mal geklärt, dass er noch ein Gewissen hatte. Zwecklos jedoch, wenn man kein Geld dabei hatte, wie er anhand seines fehlenden Portemonais feststellte. Das Blättchen würde er sich demnach erstmal nur ausleihen. Der Inhalt war keine Offenbarung, aber eine Bestätigung dessen, was er bereits zu wissen schien. Interessant war noch der Hinweis auf den Turm, der aus der Romantik stammte. Die Kirche war in der Übergangszeit zweier Epochen gebaut worden, die sich in ihr widerspiegelten. Sorgfältig faltete er die Broschüre wieder zusammen und legte sie zurück zu den anderen. Gegen den Uhrzeigersinn lief er am den Seitenschiff und dem Abbild der von Maria mit Kind, eine Plastik aus dem 14. Jahrhundert, vorbei Richtung Altar. Die Fenster über ihm waren dagegen nicht aus der Zeit. Sie waren sogar noch sehr neu, zumindest für eine Kirche mit diesem Alter. Ihre unterschiedlichen Stiele wiesen darauf hin, dass sie über Jahre Stück für Stück nach dem Krieg am die Stelle ihrer zerstörten Vorgänger gesetzt worden waren. Durch sie hindurch schimmerte das Licht in roten, violetten und blauen Farben. Statt Motive waren auf ihnen nur abstrakte geometrische Formen zu stehen, die einen ans schmerzhafte grenzenden Kontrast zum Rest der Kirche mit ihrer sehr bildlichen Sprache bildeten. Als einziges stellte das Fenster am der Kirche an der Stirnseite eine Ausnahme da. Die aus dem frühen 15. Jahrhundert stammenden Scheiben im münsteraner Stil zeigten die Kreuzigung des Apostels Paulus. Nachdenklich schaute er sich die Szene an. Im Segment links unten war ein Teufel zu sehen, der Paulus spöttisch ansah. Dabei zeigte er mit seinem linken Arm auf Paulus und mit dem rechten deutet er in den Altarraum. Mitten aus seiner Verstörung riss ihn eine Stimme.

“Kann ich ihnen weiterhelfen?”

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Schweigen im Walde zu „Soweit die Füße tragen”
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