Abrechnungen

Manche Zeitungsartikel schlagen nicht ein wie eine Bombe, sondern wirken wie ein Gift, das sich erst langsam bemerkbar macht. Erst mit der Zeit stellt man fest, dass etwas grundsätzlich nicht stimmt.

In der heutigen Ausgabe der Neuen Westfälischen gibt es einen Artikel von Tilman Jens mit der Überschrift „Das Tribunal der Opfer”. Beim Frühstück heute Morgen habe ich es gelesen, zur Kenntnis genommen und Beiseite gelegt, um mich mit anderer Lektüre zu beschäftigen.

Erst beim Zähneputzen wurde mir klar, dass ich den Text von Jens nicht einfach unwidersprochen stehen lassen kann. So wie ich die benutzte Zahnpasta ausspuckte so wollte ich mich auch von dem unsäglichen Text trennen.

Fassen wir kurz zusammen, worum es in dem Text geht. Zum 100. Jubiläum der Odenwaldschule findet auch eine Podiumsdiskussion, die die Missbrauchsfälle und -vorwürfe zum Gehenstand hat, statt. Zu dieser Veranstaltung war Jens zunächst geladen. Nach einem Artikel von ihm im Spiegel wurde er gebeten, an dieser Veranstaltung nicht mehr teilzunehmen, da, wie er angibt, ein Betoffener Probleme mit seiner Haltung zu den Vorfällen hat.

Ich kenne seinen Spiegel-Artikel nicht und ich verspüre auch wenig Lust, auch diesen noch zu lesen. Das liegt vor allem daran, dass mir der Eindruck, den Jens mir mit seinem Artikeln in der NW vermittelt, schon mehr als ausreicht.

„Tribunal der Opfer”. Tillmann Jens ist entäuscht über den Umgang der Schule mit dem „Missbrauchsskandal”. Ihm gehen die Anschuldigungen zu weit, er wittert den Geist von McCarthy in der Aufdeckung und Aufarbeitung.

Zunächst einmal sei gesagt, dass es kein Missbrauchsskandal gibt, sondern ernstzunehmende Fälle von sexuellem Missbrauch an der Odenwaldschule. Lehrer haben sich an den ihnen anvertrauten Kindern vergangen. Da ist wenig Raum für Verharmlosung. Jens rückt die notwendige Aufklärung gefährlich nah an „kollektive Rache” heran.

„ein bis vor kurzem eher unbekannter Bildhauer”. Jens unterstellt ihm, er würde versuchen, die Schule zu erpressen. Dabei scheut sich Jens nicht, in aller Form den ehemaligen Schüler zu diskreditieren. Andersherum könnte man auch fragen, warum sich Jens gerade die NW für seinen Artikel ausgesucht hat. Ob andere Zeitungen wohl abgelehnt haben und er deshalb eine Lokalzeitung gewählt hat?

Die NW hat sich mit dem Artikel sicher keinen Gefallen getan, wer indirekt fordert, man müsse auf einen der Täter zugehen, denn schließlich sei er schwerkrank und kein Monster, ist ungeheuerlich. Ebenso ist der Satz

Gerechtere, weisere Menschen sind sie allein durch ihr Opfersein nicht.

völlig fehl am Platz.

Das Fazit von Jens, dass die Odenwaldschule „zuallerst nicht Knabenpuff, sondern eine ganz wundervolle Schule” war, versucht jede Kritik zu ersticken. Es ist bewusst überzogen und lässt keinen Raum für Diskussion. Wenn Jens vor allem provozieren will, so ist ihm das zumindest herzlich gut gelungen.

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