Erna

Erna

Erna, das Schaf, stand auf der Weide und kaute genüsslich Gras, während sich vor ihr der Außenminister seine Turnschuhe zuband. Es war noch früh am Morgen, daher joggte er nur in Begleitung seines Lebensgefährten, den er mit auf eine Dienstreise genommen hatte.

Der eigentliche Zweck der Dienstreise war natürlich nicht außenpolitischer Natur. Es ging allein darum, für die Verwandtschaft neue Aufträge zu vermitteln. Kritiker, die ihm spätrömische Dekadenz vorwarfen, wurde innerhalb von 24 Stunden als Feinde der Demokratie gebrandmarkt und mit einem Sack über den Kopf außer Landes gebracht. Gute Beziehungen zu den USA und insbesondere zur CIA zahlten sich halt aus.

Von allem dem wusste Erna nichts. Das Gras schmeckte wie immer und ihr einfacher Verstand war nicht in der Lage, irgendwas zustand zu bringen, was auch nur annähernd in den Verdacht der Majestätsbeleidigung gekommen wäre. Das Schicksal aber meinte es nicht gut mit Erna. Gerade als der Außenminister los wollte, rutschte der Außenminister aus und viel mitten in die Hinterlassenschaften von Erna. Ein sehr deftiges Wort aus seinem Mund ließ den Mann an seiner Seite zusammenzucken. Mit großen Augen starrte Erna in an. Hasserfüllt wurde der Blick erwidert.

Zwei Stunden später war die Gefahr beseitig und Erna hing zum ausbluten in einem kühlen Raum. Der Außenminister hing über ein Rezeptbuch mit griechischen Gerichten. Auch wenn die Helenen nicht mit Geld umgehen konnten, so verstanden sie sich doch auf die Zubereitung von Schafsfleisch.

One Reply to “Erna”

  1. Hätte Erna auf ihr Bauchgefühl reagiert, hätte sie das gute Gras in Portionen geteilt und für später eingefroren.
    Das ständige Vollfressen hatte ihren einst gegebenen hellen Verstand aber mittlerweile träge gemacht und das Fliehen damit unmöglich.
    Ernas Verwandte werden sicher noch Jahre darüber berichten, wie sie ihre Schlächter vorher aber so richtig in die Sch. laufen ließ. Aber wohl auch, daß es weder ihr noch sonst jemanden half.
    Sie hatte einfach nicht mehr weit genug denken können.

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über Thomas Boley

Geboren wurde ich im Jahre des Herren 1971 in Wesel am Niederrhein – die Kommentare an dieser Stelle bezüglich des Bürgermeisters bitte verkneifen! Mein Verhältnis zu dieser Stadt würde wohl den Umfang dieser Seite sprengen. Nur soviel sei gesagt: Es ist durchaus durchwachsen, worin es sich aber nicht von meinem Verhältnis zu Bielefeld unterscheidet. Nach dem üblichen Werdegang (Kindergarten, Schule, Abitur, Zivildienst) und den üblichen jugendlichen Irrungen und Wirrungen verschlug es mich zum Studium nach Bielefeld verschlagen. 18 Jahre später ging es dann zurück an den Rhein, in die Domstadt Köln. mehr erfahren