Mitfahrgelegenheit

Mitfahrgelegenheit

Gegen eine Spende von 6.000 Euro in den Klingelbeutel kann man eine Autofahrt mit Bischöfin Käßmanm bekommen. Für einen Aufpreis von 4.000 Euro ist sogar ein Sicherheitsgurt dabei, falls die derzeitige Vorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland wieder mal bei Rot über die Ampel fährt wie am vergangenen Samstag. Bei ernsthaften Interesse hilft der ehemalige Generalsekretär der CDU in NRW, Hendrik Wüst, gerne weiter.

„War die denn besoffen, so eine rote Ampel übersieht man dich nicht einfach”, wird sich vielleicht so mancher besorgter Bürger fragen. Die traurige Warheit ist in diesem Fall: ja, Frau Käßmann war betrunken. Und das nicht zu knapp. Sie wurde mit 1,5 Promille Alkohol im Blut erwischt. Das entspricht in etwa einem Liter Rotwein – ab 1,1 Promille gilt man bereits als absolut fahruntüchtigt.

Gehen wir mal nicht davon aus, dass Käßman sich Mut angetrunken hat, um Guido Westerwelle beim Überqueren der Straße zu überfahren. Mit so einer Aktion hätte sie sicherlich ein Zeichen gegen den Sozialabbau gesetzt, auch wenn das wohl nicht dem Gebot der Nächstenliebe entsprochen hätte.

Die Katholische Kirche wäre in einem solchen Fall aber sicherlich erfreut gewesen, denn mit so einer Schlagzeile wären die Missbrauchsfälle der Katholiken erstmal kein Thema mehr in den Medien gewesen. Vor allem aber würde es den einen oder anderen katholischen Würdenträger sicher gefallen, wenn eine Bischöfin einen schwulen Außenminister überfährt.

Betrachten wir aber Sache aber mal ganz nüchtern. Es wird ja gerade versucht, die „Verfehlung” runterzuspielen – dabei handelt es sich hier um eine ernsthafte Straftat und nicht um wiederholtes Falschparken vor der Kirche.

Wer da ohne Schuld ist, der werfe den ersten Stein.

Solches bekommt man zu lesen als Antwort auf Rücktrittsforderungen an die Adresse der Bischöfin.

Liebe Leute, darum geht es nicht. In ihrer Funktion sollte Frau Käßmann Vorbild sein. Zudem wirkt es so, als sollte mit dem Argument die Bedeutung einer Straftat, bei der nur durch Zufall niemand verletzt oder getötet wurde, verharmlost werden.

Ein Polizist, der „versehentlich” Zigaretten im Supermarkt mitnimmt ohne zu bezahlen – würde man da auch dieses Bibelzitat hervorholen. Die Bibel ersetzt in Deutschland nicht das Strafgesetzbuch.

Käßmann wollte Vorbild sein. Ob sie das noch weiter sein kann, darf durchaus bezweifelt werden. Wer im Rampenlicht der Öffentlichkeit steht, hat sich anders zu benehmen als Herr Meier aus der Nachbarwohnung oder Lieschen Müller.

7 Replies to “Mitfahrgelegenheit”

  1. „Wer im Rampenlicht der Öffentlichkeit steht, hat sich anders zu benehmen als Herr Meier aus der Nachbarwohnung oder Lieschen Müller“ – seh ich nicht so. Sind alles nur Menschen – wie du und ich. Die alle Fehler machen und wie alle für ihre Fehler zur Rechenschaft gezogen werden müssen. Da will ich keine Ausnahmen – für niemanden und in keinerlei Richtung, auch nicht beim Verhaltenscodex.

  2. @Meerblickzimmer: Menschen sie sie alle, ja. Aber wer in einer Führungsposition steht, der bekommt auch wesentlich mehr Geld als Lieschen Müller – wegen der hohen Verantwortung, die er tatsächlich oder vermeintlich trägt. Wer dann verantwortungslos handelt, muss entsprechend auch mit den Konsequenzen rechnen.

    Anders: Was würdest du denn mit einem Bussfahrer machen, der nach Feierabend mit seinem Wagen erwischt wird, wie er bei Rot über die Ampel fährt und der 1.53 Promille im Blut hat? Darf der dann auch noch weiter Bus fahren oder ist es da was anderes?

  3. @tboley: Der Vergleich mit dem Bussfahrer klappt nicht. Da er ziemlich sicher den Führerschein abgeben muss kann er natürlich nicht mehr fahren, da ihm die Grundlage zur Berufsausübung fehlt. Aber: wenn er den wieder zurück hat sollte er wieder in den Jobb dürfen? Warum auch nicht? Er hat die Strafe für ein Vergehen bekommen. Arbeitgeber sollten hier nicht zum Gericht werden.

    Oder willst du gern das jeder der mal was illegales gedownloaded hat Lebenslang Internetverbot kriegt und wenn die Leute auch noch in nem IT-Unternehmen arbeiten, ihren Jobb verlieren?

    Im übrigen finde ich, das „mehr Geld“ & „mehr Verantwortung“ Menschen nicht zu Maschinen machen sollte und Fehler nicht gemacht werden dürfen. Aber da will ich mal kein neues Thema aufmachen (Moral, Unternehmenskultur …) – das wird zu lang.

  4. Am Ende kommt raus, dass sich ganz normales Leitungswasser bei Berührung durch die quasi-heilige Frau Käßmann in allerfeinsten Chateau Lafite-Rothschild verwandelt hat, ohne dass sie es wusste.

    Und alle schreibenden und kommentierenden Ketzer hier werden für ihre Ungläubigen Bemerkungen mit der Bulle belegt, oder es fallen ihnen die Hände ab, einfach so. Das habt ihr dann davon!

  5. Das Gesetz ist ohne Ausnahme für alle gleich und jeder Bürger hat sich daran zu halten. Egal ob es Frau Käßmann oder Lieschen Müller von nebenan ist. Fakt ist aber, dass bei Personen, die ein öffentliches Amt bekleiden, höhere Maßstäbe für ihr Verhalten gelten. Gerade weil sie eine gesellschaftliche Vorbildfunktion haben. Spätestens in der Höhe der Strafe wird hier dann differenziert.

    Ein bißchen Gesetz für Lieschen Müller und mehr Gesetz für Frau Käßmann kann so nicht gelten. In einem muss ich Dir aber recht geben, eine Straftat (Trunkenheit am Steuer, Gefährlicher Eingriff in den Straßenverkehr) mit einem Bibelzitat zu verhamlosen, ist das bescheuertste was es gibt.

  6. Ich finde es sehr schade, dass die Käßmann, eine Frau, die sogar in der Kirche etwas bewegen wollte und das Zeugs dazu hatte, wahrscheinlich verschlissen wurde.

    Wenn sie authentisch ist und bleibt, steht eine eigentlich viel wichtigere neue Aufgabe an:
    Eine Chance, den Hut vor ihr zu ziehen.

    Ich hoffe, sie schafft den schweren Schritt der erwünschten Gradlinigkeit! … und macht noch etwas mehr draus;-)
    Das wäre z.B., dass benannt würde, dass dieser von ihr zitierte schwere Fehler mitnichten ein Einzelfall war. Ebenso, dass eine wirklich wache Haltung als Verantwortungsträgerin
    auch nicht mit Chauffeur tagtäglich machbar gewesen wäre.
    Was vielleicht die Folge haben sollte, dass ebenso andere Verantwortungsträger (die zu allererst) ab und zu mal zusätzlich getestet werden.
    Nicht erst im Strassenverkehr bei ‚Erwischen‘ (da fällt doch die ein oder andere Anzeige zu Gunsten des Gemeinwohls gerne mal weg), sondern bei der Ausübung der hochdotierten Ämter.
    Und da ist die Ex-Bischöfin gaaanz bestimmt nicht alleine.

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über Thomas Boley

Geboren wurde ich im Jahre des Herren 1971 in Wesel am Niederrhein – die Kommentare an dieser Stelle bezüglich des Bürgermeisters bitte verkneifen! Mein Verhältnis zu dieser Stadt würde wohl den Umfang dieser Seite sprengen. Nur soviel sei gesagt: Es ist durchaus durchwachsen, worin es sich aber nicht von meinem Verhältnis zu Bielefeld unterscheidet. Nach dem üblichen Werdegang (Kindergarten, Schule, Abitur, Zivildienst) und den üblichen jugendlichen Irrungen und Wirrungen verschlug es mich zum Studium nach Bielefeld verschlagen. 18 Jahre später ging es dann zurück an den Rhein, in die Domstadt Köln. mehr erfahren