Sozialromantik

Sozialromantik

Bekanntlich führen alle Leistungen des Sozialstaates direkt in den Sozialismus – zumindest meint FDP-Parteichef und noch Außenminister Guido Westerwelle dies. Kürzlich bezeichnete er auch die Steuervorteile für Hotels auf Kosten der Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer als spätrömische Dekadenz. Stop. Halt. Das ist nicht ganz richtig, für Westerwelle ist es spätrömische Dekadenz, wenn der Staat Leistungsempfängern ein menschenwürdiges Leben ermöglicht.

Wie leicht kann man sich doch vertun, wenn man etwas bewandert ist in der Geschichte, denn eigentlich meint der Begriff „spätrömische Dekadenz” ja die zügellosen Ausschweifungen der Eliten und die Ausplünderung des einfachen Volkes. Der jeder Sozialromantik unverdächtige Westerwelle beweist somit, dass seine schulischen Leistungen nicht nur in Englisch eher bescheiden waren, sondern auch, dass Geschichte nicht zu seinen Lieblingsfächern gehörte.

Sicher, die Umfragewerte der FDP gehen derzeit in den Keller. Aber ist es wirklich nötig, sich mit Polemik auf Kosten der Ärmsten wieder in Erinnerung zu rufen? Es kann gut sein, das der FDP-Parteivorsitzende diesmal einen Schritt zu weit gegangen ist. Natürlich ist er aufgefallen und hat ein riesiges Presseecho erzeugt. Dieses negative Echo fällt aber wieder auf ihn zurück und wird ihm mit Sicherheit nicht zum Vorteil gereichen.

5 Replies to “Sozialromantik”

  1. Mal ehrlich. Was hat er denn gesagt, der brilliante Rhetoriker?:

    -Wer anstrengungslosen Wohlstand verspreche, lade zu spätrömischer Dekadenz ein.
    Statt über die Frage höherer staatliche Leistungen zu diskutieren sollten die Leistungen des Steuerzahlers in den Mittelpunkt gerückt werden.
    Leistung sei ja beinahe eine Form von Körperverletzung.
    Wenn wir die Leistung der Mittelschicht länger ignorieren, ist die Gefahr groß, dass unser Land scheitert.-
    Tja, wer verspricht denn den anstrengungslosen ‚Wohlstand‘, ohne auf die Wahrung
    des Grundgesetzes zu achten (Recht auf Arbeit)? Sind das wohl die Abzocker, wie unsere ‚Gewählten‘? Bei Korruption etc. bleibt doch keine andere Wahl, die Menschen solange für dumm zu verkaufen, wie sie es eben noch mitmachen…: Das ist spätrömische Dekandenz;-)), oder?

    Klar ist eine derzeitige Leistung eine Art Körperverletzung, dabei ist nicht nur die Höhe der Leistung zu sehen, sondern nicht unwesentlich die Schikanen, denen man ausgesetzt wird!
    Arm‘ Guido ist doch nicht ein so brillianter Rhetoriker. Zumindest nicht geschickt, weil wohl zu jung, zu unerfahren und zu ehrlich. Recht hat er in dem Dilemma, das die Wirtschaft angekurbelt werden muss – nach dem Mist, welcher uns erst in den Ruin getrieben hat und kein Mensch vor hat, dort anzusetzen…

    Sorgen machen mir die Reaktionen der anderen.

    Angie, nicht weniger wortgewandt, distanziert sich mit den Worten: Es sei ‚weniger‘ ihr
    Duktus… na ja: Weniger heisst wohl, eigentlich schon, aber schwammiger ausgedrückt?

    Alle hauen drauf und mehr kommt nicht rum.

  2. @Frollein: Es geht nicht um anstrengungslosen Wohlstand. Bisher habe ich auch keine Scharen von Hartz IV Empfänger bei Media Markt gesehen, die Stapelweise 40″ Flachbildfernseher aus dem Laden geschleppt haben. Natürlich gibt es zwei Blickwinkel: die des Leistungsempfängers und die des Leistungserbringers (Steuerzahler). Statt plumper Polemik gilt es, nach vorne zu blicken und zu schauen, wie unser Land lebenswert und zukunftsfähig gestaltet werden kann. Dazu gehört auch die Einsicht, dass niemals mehr genügen Arbeit für alle da sein wird. Eine Arbeitslosigkeit von 3 Millionen wird selbst dann vorhanden sein, wenn man mit aller Kaltschnäuzigkeit Sozialleistungen kürzt.

    Es ist daher an der Zeit, über ein Systemwechsel nachzudenken. Je länger ich mich mit dem bedingungslosen Grundeinkommen beschäftige, um so interessanter kommt mir diese Idee vor. Auch für mich als Arbeitnehmer hätte es Vorteile. Steuerliche Vorteile wäre zwar abgeschafft würden aber durch das Grundeinkommen ausgeglichen – weniger Bürokratie, mehr Menschlichkeit.

  3. Hallo Tboley,

    Genau! Um die plumpe Polemik geht’s mir im wesentlichen. Westerwelle wird zerrissen, das macht Presse. Die Menschen werden ‚beschäftigt … gehalten‘ und immer mehr zielgerichtet für dumm verkauft.
    Wie blöde sind wir eigentlich? Zumindest im Innern sollte doch jeder spüren, dass Hick-Hack (sei es das in der Politik, wovon ich glaube, das es reine Show ist oder das, was gerade zwischen Arbeitnehmern und Arbeitslosen angezettelt wird) keine wirkliche Lösung bringt.
    Es funktioniert aber … noch.

    Der Blick nach vorne: Der ist nicht gewollt und wird durch öffentliche Medien ebenso gehandthabt.

    Bedingungsloses Grundeinkommen… ich meine, das gibt’s schon irgendwo (Australien??).
    Aaaber, das müsste finanziert werden.
    An Ideen fehlt es aber gaanz bestimmt nicht;-)))
    Ich denke, es fehlt immer mehr an Mut und Kraft, sich gegen die Ausbeuter wehren zu können. Um den Zustand beizubehalten, wird alles seitens derer getan, die ein eigennütziges Interesse daran haben.
    Guck dir mal die Banken und den ganzen anderen Mist von wegen Korruption an.

  4. @Frollein: Ich denke, dass sich die Finanzierung möglich ist – es werden eben an anderer Stelle sämtliche Vergünstigungen gestrichen. Wie träge Systeme sind, weiß ich aus leidlicher Erfahrung im Bildungsbereich…

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über Thomas Boley

Geboren wurde ich im Jahre des Herren 1971 in Wesel am Niederrhein – die Kommentare an dieser Stelle bezüglich des Bürgermeisters bitte verkneifen! Mein Verhältnis zu dieser Stadt würde wohl den Umfang dieser Seite sprengen. Nur soviel sei gesagt: Es ist durchaus durchwachsen, worin es sich aber nicht von meinem Verhältnis zu Bielefeld unterscheidet. Nach dem üblichen Werdegang (Kindergarten, Schule, Abitur, Zivildienst) und den üblichen jugendlichen Irrungen und Wirrungen verschlug es mich zum Studium nach Bielefeld verschlagen. 18 Jahre später ging es dann zurück an den Rhein, in die Domstadt Köln. mehr erfahren