Trotz Tauwetter entgleist

Es soll ja Menschen geben, denen unserer Sozialstaat missfällt. Die sich in eigener Selbstüberschätzung und mit unglaublicher Verachtung dazu hinreißen lassen, zu behaupten, die Erhöhung von Hartz IV sei „ein Anschub für die Tabak- und Spirituosenindustrie gewesen”.

Für diesen Ausspruch hat der Vorsitzenden der Jungen Union (das ist der Nachwuchsverband der CDU, also die grüne Wiese für kleine Gernegroß) Philip Mißfelder sogar aus den eigenen Reihen Prügel bezogen. Schnell rutsch einem da das „zurecht” raus. Leider übersehen wird dabei der wahre Kern der Aussage. Natürlich verachtet Mißfelder die Arbeitslosen. Was er aber auch zum Ausdruck bringt, ist nicht von der Hand zu weisen. Der Konsum von Alkohol und Nikotin unter Arbeitslosen könnte tatsächlich höher als im Bevölkerungsdurchschnitt sein.

Die Frage ist dann nur, woran dies, wenn es denn so wäre, liegt. Andersherum formuliert: Was bleibt denen, die ganz unten in der Gesellschaft angekommen sind, noch vom Leben? Lässt man sie noch teilhaben, oder werden sie systematisch ausgegrenzt? Mit 351 Euro im Monat ist zwar das Überleben gesichert, mehr aber eben nicht. Wer täglich mit ansehen muss, wie es sich andere gut gehen lassen, wie die Werbung eine geile Konsumwelt verspricht, die von der eigenen Wirklichkeit so weit entfernt ist wie der Mond von der Erde – was fühlt so jemand?

Wäre es nicht nachvollziehbar, wenn so jemand zu den einzigen legalen Drogen greift, auf die er billig zugreifen kann? Dem Arbeitslosen sollte man daher keinen Vorwurf machen. Eher schon der Industrie, die davon profitiert und vor allem dem Menschen, die die Hartz IV Sätze zu verantworten haben. Es wäre sicher interessant von Herrn Mißfelder zu hören, welche Pläne er hat, um Arbeitslose wieder in die Gesellschaft zu integrieren.

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