Von den Lebenden nehmen

Von den Lebenden nehmen

Per klassischer Post haben Nadine (Alias: DER CHEF) und ich gestern die Rechnung für die Todesanzeige vom Samstag in der Neuen Westfälischen bekommen. Für den nicht ausgefallenen Kästen beläuft sich der Gesamtbetrag auf 209 Euro.

Wenn man dazu in Betracht zieht, dass dafür lediglich fünf Minuten Arbeit angefallen sind, so ist das mehr als ein stolzer Preis. Ich würde jetzt nicht direkt von Straßenraub sprechen, aber es erschreckt schon, wenn ich das ins Verhältnis setzt für, sagen wir mal die Entwicklung von Webseiten. Man munkelt, dass es dafür schon etwas mehr an Wissen bedarf.

Aber ziehen wir mal ausnahmsweise keine Vergleiche, sondern betrachten tatsächlich nur die Anzeige für sich selbst. Dann sind 209 Euro immer noch ein stolzer Preis und erinnert an den Ausspruch ”… nehmen es von den Lebenden”.

Fast kommt es so vor, als seien Traueranzeigen eine moderne Form des Ablasshandels. Das mit dem Tod gute Geschäfte gemacht werden können, gilt nicht nur für den Waffenhandel.

Zum Schluss sei nicht verschwiegen, dass Die Art der Anzeigenabwicklung wenig Rücksicht auf die Gefühle der Hinterbliebenen nimmt. Bis man telefonisch zu einem Ansprechpartner vordringt, wird man sechsmal weiterverbunden. Psychologisch geschult für Trauerfälle scheint das Personal auch nicht zu sein.

2 Replies to “Von den Lebenden nehmen”

  1. Das war schon in höchstem Maße seltsam, wie das gelaufen ist. Eine psychologische Schulung würde ich zwar nicht erwarten, aber ein Mindestmaß an normalmenschlicher Empathie (natürlich neben der Kompetenz, zu wissen, wer im eigenen Betrieb für die Aufnahme von Anzeigen verantwortlich ist, aber das gehört jetzt nicht hierher). Dass diese Empathie wohl doch nicht so normalmenschlich ist, „durften“ wir ja bei einer Reihe weiterer Zwischenfälle erleben. Da bin ich fast froh, dass es von den Lebenden genommen wird, und die Toten nicht mehr sehen müssen, was nach ihrem Abschied passiert.

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über Thomas Boley

Geboren wurde ich im Jahre des Herren 1971 in Wesel am Niederrhein – die Kommentare an dieser Stelle bezüglich des Bürgermeisters bitte verkneifen! Mein Verhältnis zu dieser Stadt würde wohl den Umfang dieser Seite sprengen. Nur soviel sei gesagt: Es ist durchaus durchwachsen, worin es sich aber nicht von meinem Verhältnis zu Bielefeld unterscheidet. Nach dem üblichen Werdegang (Kindergarten, Schule, Abitur, Zivildienst) und den üblichen jugendlichen Irrungen und Wirrungen verschlug es mich zum Studium nach Bielefeld verschlagen. 18 Jahre später ging es dann zurück an den Rhein, in die Domstadt Köln. mehr erfahren