Privates wird Öffentlich

Sicher gibt es schon genügend Blogs, in denen das klare Jein unseres Verfassungsgerichtes zur Online-Überwachung und den berüchtigten Bundestrojanern heiß diskutiert wird – zumindest sollte es diskutiert werden. Meine ursprüngliche Absicht, dazu auch ein paar Takte zu verlieren, habe ich aber gestern über den Haufen geworfen, nach dem ich ein Essay von Jonathan Franzen (im Buch Anleitung zum Alleinsein) gelesen haben. Darin macht er sich Gedanken über Privatsphäre und Öffentlichkeit.

Auf den Punkt gebracht stellt er fest, dass es noch nie soviel Privatsphäre wie heute gibt. Es müsste also nicht das Verschwinden der Privatsphäre beklagt werden. Vielmehr ist aber so, dass immer mehr privates in den öffentlichen Raum eindringt wodurch der öffentliche Raum verletzt wird. Wir sollten darauf eigentlich genauso reagieren, wie wenn jemand versucht, in unsere Schlafzimmer zu schauen oder unseren Computer auszuspähen.

Was aber ist damit gemeint, dass das Private in die Öffentlichkeit dringt? Gemeint sind zum Beispiel die vielen Gespräche, die andere Menschen im öffentlichen Raum mit ihren Mobiltelefonen führen. Ich für meinen Teil will nicht wirklich wissen, ob Karin im dritten Monat schwanger ist. Auch das laute Hören von Musik mittels Kopfhörer verletzt den öffentlichen Raum dahingehend, dass andere nicht unbedingt die Musik mithören möchten. Von den diversen Talkshows, wo Menschen einen Seelenstrip hinlegen, reden wir erst gar nicht.

Es gab mal ein ganz klare Trennung von dem, was öffentlich ist und dem, was privat ist. Diese Trennlinie hat sich nicht nur verschoben, sie ist kaum mehr zu sehen. Interessiert es uns wirklich, ob ein Politiker wie Horst Seehofer eine Geliebte hat? Eigentlich ist es doch wohl ehr sein Privatleben, was in die Öffentlichkeit gezerrt wird. Im gleichen Maße aber, wie seine Privatsphäre verletzte wurde, wurde auch die öffentliche Ruhe gestört.

Über Herrn Seehofer wurde sich kräftig aufgeregt – über diejenigen, die sein Privatleben ins Licht der Öffentlichkeit gezerrt haben, kaum.

Dabei ist das nur ein Beispiel. Tatsächlich findet eine Verletzung des öffentlichen Raumes ständig statt. Wir werden dabei immer schmerzunempfindlicher.

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