Gipfelstürmer

Gipfelstürmer

Nun liegt er also hinter der uns, der G8-Gipfel in Heiligendamm. Weder ist die Welt untergegangen, noch ist sie ein Stück besser geworden. Eine Erkenntnis, die sich auch so langsam bei den Teilnehmern des zurückliegenden evangelischen Kirchentages durchsetzen wird. Unter dem Motto „Lebendiger und kräftiger und schärfer” trafen sich sie Protestanten (nicht Demonstranten) aus Deutschland und teilweise auch der restlichen Welt zum 31. Kirchentag in Köln.

Sein wir ehrlich: Das Motto hört sich ein Wenig so an, also ob da eine Unternehmensberatung ihre Hände mit im Spiel gehabt hätte. Schärfer wollen sie also sein, die Christen. Gehen wir mal davon aus, dass „schärfer” weder was mit Senf zu tun hat noch eine erotische Anspielung sein wird. Was eigentlich schon wieder schade ist. Denn wenn die Kirche in diesem Sinne schärfer wäre, würde zumindest auch attraktiver sein.

Es wird wohl eher gemeint sein, dass die Kirche ihr Profil schärfen will. Das lässt sich am besten durch eine Konzentration auf das Kerngeschäft erreichen. Demnach würde Überflüssiges über Bord fliegen, Ausgaben überprüft und bei Bedarf Kirchen geschlossen (wo wir dann wieder bei einem anderen Thema wären, aber ich lass die Abzweigung mal aus).

Schärfer kann auch bedeuten, dass die evangelische Kirche sich darum bemüht, ihr Augenlicht zu schärfen, um die sich verändern Welt besser zu erkennen. Um sich an veränderte Tatsachen anzupassen, wäre Erkenntnis ja keine schlechte Voraussetzung. Will aber sich die evangelische Kirche anpassen? Oder will sie ein Gegengewicht sein und mit scharfer Zunge der so genannten politischen Notwendigkeit widersprechen? Genau das wäre zu hoffen.

Das kann aber nur von Erfolg sein, wenn sie kräftiger ist, wieder mehr Gewicht hat in den Ohren derer, die mit ihren Entschlüssen das Schicksal der Welt festlegen. Kräftiger aber wird die Kirche nur dann sein, wenn sie auch lebendiger ist.

An dieser Stelle greifen dann die einzelnen Bausteine des Mottos ineinander. Lebendiger wird die Kirche durch mehr Menschen, die zu ihr finden, zu ihr stehen, letztendlich von ihrem Glauben getragen die tragenden Säulen der Kirche bilden. Interessant für Menschen wird die Kirche dann, wenn sie tatsächlich schärfer wird. Schärfer in der gesamtgesellschaftlichen Diskussion, wenn sie sich kräftig einmischt und ihre sich für christliche Werte einsetzt (wobei wir an dieser Stelle mal auslassen, was christliche Werte sind, denn darüber lässt sich an einigen Stellen trefflich streiten).

Was aber hat der G8-Gipfel letztendlich mit dem Kirchentag zu tun? Viel mehr, als auf den ersten und zweiten Blick erkenntlich ist. Während die Teilnehmer des Gipfel anscheinend nur tagen können, wenn sie sich hinter Sicherheitszäunen verstecken, muss die evangelische Kirche ihre Zäune einreissen, um erfolgreich zu sein. So ein Kirchentag ist genau so ein Öffnung, die nötig ist. Leider ist es aber so, dass der euphorische Welle, die aus so einem Kirchentag schwappt, im Alltag schnell wieder verebbt. Nur ein kräftiger Herzschlag reicht nicht aus, um lebendig zu sein.

3 Replies to “Gipfelstürmer”

  1. btw: wer heute mal gehörig abkotzen will:
    abonniert den CDU-Newsletter; der Beitrag zu G8 ist der ÜBER-Hammer!

    Wer sich endgültig den Rest geben will:
    SPD-Newsletter auch noch abonnieren!

    BOAH! – Ich war schon immer schwer unpolitisch, aber nun (ab heute also) bin ich George-Carlinist!

    JBJ

  2. Lebendig und kräftig und schärfer – dieser Fetzen aus dem Hebräerbrief (Hebr 4.12) lässt und ließ sich schon gut vermachen. Aber wer sich mit dem vierten Kapitel des Hebräerbriefes mal näher beschäftigt wird merken, dass da nicht nur eine Werbefloskel steht, sondern eine wahnsinnig wichtige Message.

    Ich war ja in Köln – die Euphorie spüre ich ganz deutlich. Ganz unabhängig, ob der Kirchentag jetzt Nachwirkungen in Kirche oder Politik haben wird, kann ich für mich den Kirchentag als Riesenerfolg bezeichnen.

    Im Mottosong singen die Wise Guys vollkommen zu Recht „… und spüren, dass Du nicht alleine bist“. Genau das habe ich – gespürt, dass mein Engagement keine Einzelkämpferei ist, als die sie mir oft erscheint. Gespürt, dass da noch mehr ist als die Landeskirchlichen Organisationen und die EKD. Gespürt, dass über 100.000 Leute genau ein Draht verbindet – und dass es im Grunde völlig egal ist, ob und wie man organisiert ist.

    Globalisierung, G8, Weltwirtschaft und Bekämpfung der Armut waren große politische Themen auf dem Kirchentag. Ich habe hier eine Menge dazugelernt – nicht von den Politikern, sondern im Dialog mit anderen Teilnehmenden, der durch die Podiumsdiskussionen erst angeregt wurde. Ich würde die politische Wirkung des Kirchentages nicht überschätzen. Es werden viele Menschen eine ganze Menge für sich mitnehmen, auch wenn das vielleicht nicht öffentlich sichtbar ist.

    Eine kleine Geschichte will ich an dieser Stelle auch noch loswerden:

    Völlig überfüllte U-Bahnstation, bestimmt über 2000 Menschen warten auf die Bahn. Aus der letzten Ecke ein leises Summen. Einige Menschen beginnen zu singen. Immer mehr Menschen beginnen zu singen. Eine komplette U-Bahnstation singt.
    Der Zug fährt ein. Die Türen gehen auf. Menschen steigen ein – singen, Menschen steigen aus – singen. Die komplette Bahn singt mit der kompletten Station. Türen zu. Der Zug fährt singend weiter.

    Geil.

  3. Für mich ich natürlich so ein Kirchentag keine unbekannte Größe. Aber ich musste einfach erleben, wie dieses Event-Gefühl später im Alltag einfach verpuffte – ungefähr so, wei bei einem Rock-Konzert, aus dem man auch wie elektrisiert rauskommt und meint, man wäre mit allen anderen Fans verbunden.

    Und um das Motto mal als vollständiges Zitat wieder etwas in den Zusammenhang zu setzen: „Das Wort Gottes ist lebendiger und kräftiger und schärfer als jedes zweischneidige Schwert.“ (Hebräer 4,12). Darüber könnte man jetzt auch noch mal nachdenken, besonders über die Zweischneidigkeit.

Kommentar verfassen

über Thomas Boley

Geboren wurde ich im Jahre des Herren 1971 in Wesel am Niederrhein – die Kommentare an dieser Stelle bezüglich des Bürgermeisters bitte verkneifen! Mein Verhältnis zu dieser Stadt würde wohl den Umfang dieser Seite sprengen. Nur soviel sei gesagt: Es ist durchaus durchwachsen, worin es sich aber nicht von meinem Verhältnis zu Bielefeld unterscheidet. Nach dem üblichen Werdegang (Kindergarten, Schule, Abitur, Zivildienst) und den üblichen jugendlichen Irrungen und Wirrungen verschlug es mich zum Studium nach Bielefeld verschlagen. 18 Jahre später ging es dann zurück an den Rhein, in die Domstadt Köln. mehr erfahren