Langsame Ermüdung

Die Besetzung der Paul-Gerhard-Kirche beschäftigt mich nach wie vor – auch wenn ich befürchte, dass sich bei meinen Leserinnen und Lesern langsam so was wie eine Ermüdung einstellt. Verdenken kann ich das keinem, zumal ich mich argumentativ immer wieder im Kreis bewege. Nach wie vor bin ich der Meinung, dass die Besetzung der Kirche notwendig war. Gerade die Reaktionen auf die Besetzung seitens der Amtskirche zeigen, wie wo die Missstände wirklich sind. Eine Kirche, die sich nur noch damit zu helfen weiß, Kritiker mit dem Vorwurf des Antisemitismus mundtot zu machen, kann sich wohl kaum noch als christlich bezeichnen.

Balsam für meine Seele ist es daher, dass sich auch der sparrenblog immer wieder mit dem Thema beschäftigt. Dabei ist sein Artikel alles andere als öde. Überhaupt: Das jemand auf die Idee kommen kann, mit diesem Attribut eine sachliche und politisch notwendige Diskussion damit einfach zu abzuwatschen, erscheint mir das Ergebnis eines sehr merkwürdigen Demokratieverständnisses zu sein. Aber es ist halt einfacher, Radau zu machen, als sich sich inhaltlich mit einem Thema auseinanderzusetzen. Difficult is Easy, aber Demokratie und Diskussionskultur sind wohl im Bereich des Unmöglichen – gerade dann, wenn man sich nicht mal die Mühe macht, Texte vollständig zu lesen, wie im Kommentar zum Artikel des sparrenblogs gestanden wurde:

und wenn ich später noch „rischtisch“ bock hab, dann les ich mir sogar die anderen absätze dieses beitrags durch.

In seinem Artikel beschreibt Mischa sehr eindrücklich, wie es um die Meinungsfreiheit steht. Sein Vorwurf, dass unter anderem der Pfarrer Alfred Menzel Verleumdung und Volksverhetzung betreibt, kann ich mich nur anschließen. Allerdings hat sich meine Solidarität mit den Besetzern bisher nicht verändert. Dafür stecke ich einfach zu sehr mittendrin. Nicht nur, weil die Kirche direkt vor meiner Haustür liegt und ich Teil der Gemeinde bin, sondern auch, weil ich die Besetzter nach Kräften unterstütze. So wird zum Beispiel deren Blog von mir betreut. Aus dieser Nähe ergibt sich zwangsläufig eine andere Sicht der Dinge. In den gesamten bisherigen Gesprächen konnte ich für meinen Teil nichts erkennen, was den Vorwurf des Antisemitismus begründen würde.

Ich kann daher nur jedem raten, die Mitglieder der Bürgerinitiative zum Erhalt der Paul-Gerhard-Kirche einfach mal persönlich zu fragen (anzutreffen sind sie täglich in der von ihnen besetzten Kirche) – schnell wird nämlich deutlich, dass der Vorwurf des Antisemitismus haltlos ist.

Sehr wohl aber sehe ich, mit welchen Gesten der „christlichen Nächstenliebe” versucht wird, seitens der Verkaufsbefürworter die Besetzer zum Durchhalten zu motivieren. Das Dixie-Klo vor der Kirche ist für mich auf meinem täglichen Weg zu Arbeit eine ständige Mahnung daran, wie schlecht es hierzulande um die Diskussionskultur bestellt ist. Statt einfach die sanitären Einrichtungen in der Kirche offen zu lassen und über den Streit hinweg so was wie Menschlichkeit zu zeigen, wurden diese unmittelbar zu Beginn der Kirchenbesetzung verschlossen. Wie soll denn eine Einigung, ein Gespräch möglich sein, wenn man seinem Gegner selbst den Zugang zur Toilette versperrt? Ungleich höher müssen dann doch die anderen Hürden sein.

Es gibt aber noch subtiler Methoden der Zermürbung. So wir der Schaukasten vor der Kirche von der Neustädter Gemeinde dazu genutzt, Propaganda auf untersten Niveau zu verbreiten. Dabei wird vor persönlichen Angriffen auf den Vorsitzenden der Bürgerinitiative, Hermann Geller, nicht zurück geschreckt. Nett fand ich auch den mehrfachen Hausmeistereinsatz in den frühen Morgenstunden. So ein Laubgebläse kann sehr, sehr laut sein. Meines Wissens nach dürfen solche Geräte nicht vor sieben Uhr morgens verwendet werden. Damit um kurz nach sechs um die Kirche zu laufen, ist schon etwas befremdlich.

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