Zuggeschichten II

Ob ich bereits einen ersten Teil der Zuggeschichten geschrieben habe, kann ich derzeit nicht evaluieren, da mir im Zug beim schreiben der Internetzugang fehlt. Ist ja auch eigentlich egal, ob es einen ersten Teil gegeben hat. Über die Qualität des zweiten Teils würde das eh nichts aussagen und aus Hollywood wissen wir ja, dass es auch nicht zwingend einer inhaltlichen oder logischen Verknüpfung des Nachfolgers mit dem Vorgängers bedarf.

Wo waren wir noch mal stehen geblieben? Ach ja, bei den Titelgebenden Zuggeschichten. Wie also vielleicht (oder vielleicht auch nicht) bereits erwähnt, lässt sich unterwegs im Zug allerhand erleben. Wir lassen an dieser Stelle mal die Frage unberücksichtigt, ob ein Pendler, der täglich mit dem Zug fährt, überhaupt eine Autobiographie schreiben kann, wenden uns von flachen Witzen zu den waren Begebenheiten, die sich so oder so ähnlich in dieser Woche zugetragen haben.

Eines der mir täglichen bereits in Bielefeld auf der Fahrt zum Bahnhof über den Weg laufenden Gesichter ist Freitag, den ich nicht deshalb so nenne, weil er eine dunkle Hautfarbe hat (denn dann hätte die Bezeichnung einen leicht rassistischen Einschlag), sondern weil er fast immer eine grüne Tasche aus LKW-Plane trägt, auf der das Logo Freitag prangt. Ich vermute mal, dass wird der Hersteller sein – wobei mir bis dato noch nicht bekannt war, dass sich Wochentage rechtlich schützen lassen, denn das Logo hat noch ein kleines eingekreistes r als Zusatz.

Zurück zu Freitag. Freitag stempelt jeden Tag, also nicht nur freitags, sein Stadtbahnticket ab. Demnach ist er also nicht im Besitz einer Monats- oder Jahreskarte so wie meine Wenigkeit. Mir kommt das ja etwas merkwürdig vor, da ich mir nicht vorstellen kann, dass sich so etwas rechnet. Jeden Morgen, wenn ich Freitag sehe (und er sieht schon so ein kleines Bisschen wie ein Freitag aus), frage ich mich daher immer, ob der Typ nicht rechnen kann oder einfach zu dumm ist, sich eine Dauerkarte zu kaufen.

Ja ich weiß, ich bin etwas ungerecht. Anscheinend aber auch etwas voreilig, denn das Thema hat mich ja, um ehrlich zu sein, nicht in Ruhe gelassen. Ein empirische Beobachtung des Fahrverhaltens von Freitag brachte zum Vorschein, dass er, zumindest morgens, wenn ich ihn sehe, immer nur Kurzstrecke fährt. Im Tarifaushang der Bielefelder Verkehrsbetriebe (mobil) stand nichts von einer Wochen-, Monats- oder Jahreskarte für diesen Tarif. Erst für eine normale Strecke gibt es Dauerkarten. Rein rechnerisch liegt Freitag, wenn er denn ausschließlich Kurzstrecke fährt, mit seinen Vierer-Tickets unter dem Preis einer Monatskarte für die normale Strecke. Dieser Preisvorteil schwindet aber dann, wenn er auch nur eine normale Fahrt zwischendurch hat. Erstrecht wird er nicht vorhanden sein, wenn er im Zielgebiet, welches mir nicht bekannt ist, auch noch mal öffentliche Verkehrsmittel benutzt. Hinzu kommt, dass er immer dafür sorgen muss, ausreichend Tickes oder Kleingeld dabei zu haben.

Letztendlich kann natürlich jeder selber entscheiden, mit welcher Karte er unterwegs ist und ob er nicht sogar schwarz fahren will. Darüber wundern muss aber auch erlaubt sein.

An dieser Stelle überlasen wir Freitag seiner traurigen morgendlichen stempelei, wenden uns dafür aber einer anderen Mitreisenden zu: Eine kurze Geschichte einer missglückten Geburtstagsüberraschung. Der Mann von Frau S. (die dem einen oder der anderen eventuell noch aus einem anderen Zusammenhang bekannt sein könnte) hatte diese Woche Geburtstag. Die Gelegenheit für Frau S., ihm einen seiner sehnlichsten Wünsche zu erfüllen – einen anständigen Grill für die Sommerzeit, so fern sie auch momentan erscheinen mag.

Nach dem sie ihre Absicht im Verwandtenkreis kund getan hatte, meldeten sich immer mehr bei ihr, die sich an dem Grill beteiligen wollten (Kenner wissen, dass sich ohne Probleme drei- bis vierstellige Beträge für einen Grill ausgeben lassen). An sich also nicht das Schlechteste, wenn mehrere Leute Geld zusammenwerfen für ein Geschenk. Auch die Schwiegereltern von Frau S. wollten sich schließlich am Geschenk beteiligen. Sie waren es auch, die sich dazu bereit erklärten, den Grill vom Händler abzuholen. Vor Ort stellten sie dann wohl aber fest, dass der Grill für zu groß für ihr kleines Auto war und zudem auch noch ordentlich schwer. Ohne Hilfe hätten sie ihn nicht transportieren können. Pfiffig, wie die Schwiegereltern waren, riefen sie ihren Sohn an, damit er den Grill abholt. Das Wort Überraschung konnte damit dann aus dem Geburtstagsgeschenk gestrichen werden.

Das absolute Highlight diese Woche war aber ein Reisender mit Notebook gewesen, der sich beim Zugbegleiter (die heißen tatsächlich so) darüber beschwerte, dass es im ICE zuwenig Steckdosen gäbe. Nach minutenlangem rumlamentieren und Beschwerden über den schlechten Service der Bahn nötigte er den armen Zugbegleiter dazu, ihm Züge bis zu seinem Ziel herauszusuchen, die auf jeden Fall über ausreichend Steckdosen verfügen würden. Da ich ja nur ein MacBook Pro besitze, weiß ich natürlich nicht, ob auf für so einfach PC Notebooks Zweitakkus käuflich erwerbbar sind. Wenn dem nämlich nicht so wäre, ließe sich der Mann gerade noch so verstehen.

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