Zoo CE

Nach dem ich jetzt nun ein paar Tage schon mit dem ICE gefahren bin, erkenne ich so langsam bestimmte Muster. Auch bei in Bezug auf die Haltepunkte der einzelnen Wagons hat schon ein Lerneffekt eingesetzt. Damit ich morgens und abends auch ohne Reservierung nicht stehen muss, habe ich mir die Stellen in Bielefeld und Essen eingeprägt, an denen ich idealerweise zu stehe habe – in den meisten Fällen komme ich dadurch zu einem der begehrten Sitzplätze.

Der harte Wind der Konkurrenz weht mir vor allem seitens anderer Pendler entgegen, die natürlich auch die Regeln kennen- Urlauber oder andere Eintagsreisende haben entweder eine Reservierung oder halten sich direkt in Treppennähe auf. Verunsichert durch die Rituale des Bahnfahrens suchen sie meisten Kontakt zu anderen. Klug ist, wer solche Pulks meidet, denn sie stehen dem eigenen Sitzplatz im Weg.

Ganz im Vertrauen kann ich ja hier schreiben, wie die Sitzplatzreservierung bei der Deutschen Bahn AG erfolgt: immer von der Zugmitte aus. Daher bieten sich auf dem Bahnsteig Wartepositionen an, die möglichst weit von der Mitte des Zuges entfernt sind. Neulinge sollte unbedingt vorher den Zulaufplan konsultieren, um nicht im Abseits zu stehen.

Noch etwas unsicher bin ich, ob ich den zu den Privilegierten gehöre, die die so genannten bahn.comfort Plätze in Anspruch nehmen dürfen. Das sind Plätze im Zug, die für Bahnkunden mit einem bestimmten Jahresumsatz (nicht Jahreseinkommen) freigehalten werden. Momentan besitze ich als Nachweis ja nur eine vorläufige Monatskarte, bevor ich dann hoffentlich bald die Jahres-Streckenkarte bekomme. Wobei sich an dieser Stelle nach wie vor für mich die Frage stellt, ob ich nicht doch besser die Bahncard 100 genommen hätte. Die Lässigkeit, mit denen so mancher Mitreisender diese zückt, ist einfach beeindruckend. Aberiuch schweife ab.

Der rollende Bundesinnenminister warnt nicht zu Unrecht vor Schläfern. Sicherlich bekäme er ganz große Augen, wenn er mit einem ICE nach Berlin fahren würde. So ein Zug ist voll mit Schläfern. Im Gegensatz aber zu ihren Artgenossen, die die innere Sicherheit mit Bomben gefährden, blockieren die Schläfer im ICE nur mehr Sitzplätze als ihnen zusteht. Neu zugestiegene werden mit dem schlechten Gewissen, Unschuldige auf Grund eines Sitzplatzes zu belästigen, terrorisiert.

In der Waffenkammer der Bahn lauern aber noch weitere Grausamkeiten – nicht nur Zugverspätungen, mit denen die Nächstenliebe auf eine harte Probe gestellt wird, sondern auch eine der gefährlichsten Spezies, die auf diesem Planeten beheimatet sind. Frauen, mit oder ohne Businesskostüm, die immer mindestens zu zweit sind, sich laut unterhalten und auch noch ausgiebig Frühstücken. Bisher hat noch keine der Damen ihren Joghurt über meine Tastatur verteilt, was aber wohl nur eine Frage der Zeit ist. Nicht selten habe ich den Eindruck, statt im ICE in einem fahrenden Zoo zu sitzen. Wobei das nur ein wenig übertrieben, dafür aber stark subjektiv und zum Teil wohl auch ungerecht ist.

Irgendwann endet alles, so also auch eine Zugfahrt. Während das Einsteigen vor allem ein Kampf um Sitzplätze ist, drängt es beim Aussteigen die Mitfahrer aus dem Zug, als ob es auf dem Bahnsteig irgendwas gratis gibt (nur ich weiß mal wieder nichts davon). Pech hat meistens der, der direkt am Ausgang steht, der er wird zum Türaffen. Verzweifelt wie ein Primat drückt er auf den grünen Knopf zum öffnen der Tür, die sich zunächst nicht öffnet, weil der Knopf zu früh gedrückt wurde. Von links und rechts ertönt dann ein ungeduldiges Murren derer, die ganz dringend schon ausgestiegen sein wollten.

Kommentar verfassen