Tag der Merkel

Die Dauerwerbesendung aus dem Bundeskanzleramt (Gelbe Seiten – lieber jemand fragen, der was davon versteht) geht gnadenlos weiter. Passend zum heutigen Tag gab es letzte Samstag was besinnliches von Angela Merkel zum Tag der Deutschen Einheit.

Eins vorweg, für die Ungeduldigen: Revolutionäres darf natürlich niemand von unserer Bundeskanzlerin erwarten. Aber etwas persönlicher hätte der Videocast schon ausfallen können. Gerade ihre eigene Biographie hätte doch die Chance geboten, die Bürger dieses Landes auf einer ganz anderen Ebene anzusprechen. Schade, dass dann das daraus geworden ist:

Am Dienstag begehen wir den 3. Oktober, den Tag der Deutschen Einheit. Umfragen sagen uns, dass zur Zeit nur ein Drittel der Menschen sagt, dies ist ein Tag, an dem sie gerne feiern möchten. Zwei Drittel empfinden das nicht.

Ein merkwürdiger Anfang. Hört sich an wie eine PowerPoint-Präsentation mit den neusten Bilanzzahlen. Ein Drittel der Menschen – nehmen wir mal an, dass die Bundeskanzlerin ein Drittel der Menschen in Deutschland meint. Das nur so wenig (oder viel, je nach Lesart) feiern möchten, wirft die Frage auf, in welcher Form denn gefeiert wird und was da wohl angebracht wäre. Fest steht nur, dass sich niemand sinnlos betrinken und dann Autos anpinkeln oder nachts mitten auf der Strasse laufen sollte.

Meiner persönlichen Lesart zu Folge ist der 3. Oktober auch kein Feiertag, sondern wohl eher ein Gedenktag, der besinnlich verbracht werden sollte. Es wäre interessant, ob das die zwei Drittel ebenso empfinden. Darüber aber spricht die Bundeskanzlerin nicht.

Ich bekenne mich zu denen, die sagen, der 3. Oktober ist ein Feiertag.

Das hat was religiöses. Ich bekenne mich zu Jesus Christus und zur Deutschen Einheit. Oder bekennt sie sich zu den Glatzköpfen, die mit durchnässte Hose Heil rufen und durch die Strassen ziehen? Ist das feiern der Einheit? Wohl kaum! Wie bereits gesagt, die Definition des 3. Oktobers als Feiertag ist falsch. Als Gedenktag würde er sich besser machen. Zumal gerade wir Portestanten ja einen Gedenktag weniger im Kalender haben, der zur Finanzierung der Einheit gestrichen wurde: Buß- und Bettag.

Büßen und Beten sollten im Übrigen heute auch die, die damals blühende Landschaften versprochen haben – Zyniker merken jetzt an, dass auch Unkraut blühen kann.

Ich erinnere mich gerne an die Zeit der friedlichen Revolution, an die Demonstrationen und Versammlungen vor und in den Kirchen, ich erinnere mich an den Tag des Mauerfalls, ich erinnere mich an die Phase der ersten frei gewählten Regierung in der DDR und ich erinnere mich an die Nacht vom 2. zum 3. Oktober 1990.

Nett. Ich erinnere mich auch an so vieles. Die Frage ist doch wohl, wo waren sie Frau Merkel? Haben sie mitdemonstriert? Waren sie bei einer Versammlung in einer Kirche dabei? Was haben sie in der Nacht zum 3. Oktober 1990 gemacht? Was ich gemacht habe, daran kann ich mich noch gut erinnern.

Das alles hat für viele Menschen das Leben völlig verändert – für die allermeisten zum Guten. Und wir haben heute die Erkenntnis: Dies war nicht nur eine Wende für Deutschland, dies war das Ende des Kalten Krieges und Europa ist zusammengewachsen.

Das die Deutsche Einheit für viele Menschen das Leben verändert hat, ist unbestritten. Bei einigen hat sich die Lebenssituation auch deutlich verbessert. Es sollten aber nicht vergessen werden, wie viele Menschen jetzt auf der Verliererseite stehen.

Wohl niemand möchte die Mauer ernsthaft wieder aufbauen und ebenso wird niemand bezweifeln, dass die Vereinigung der beiden deutschen Staaten auf Dauer ein Gewinn ist. Allerdings ist der Vorwurf, dass die Vereinigung zu schnell vollzogen wurde, durchaus berechtigt. Genau genommen war es keine Vereinigung, sondern eine Okkupation. Ich mag mich täuschen, aber das Gefühl, betrogen worden zu sein, dürfte bei nicht wenige Menschen aus Ostdeutschland vorhanden sein.

Natürlich weiß ich, dass für viele sich Träume nicht erfüllt haben.

Auf der eine Seite stehen die Träume. Auf der anderen Seite steht die Existenz, das schlichte Bedürfnis, eine feste Arbeit zu haben und seine Datscha nicht an einen „Wessi” zu verlieren, weil seine Familie früher mal Eigentümer des Grundstücks war.

Im Osten glänzte nicht alles, was mit goldener Farbe angemalt war. Es sollte aber nicht vergessen werden, dass es im damaligen Westdeutschland unter Helmut Kohl einige gesellschaftliche Probleme gab. Probleme, die nicht gelöst worden und für die wir jetzt die Rechnung zahlen müssen.

Die Arbeitslosigkeit in den neuen Bundesländern ist nach wie vor doppelt so hoch wie in den alten Bundesländern. Viele junge Menschen in den neuen Bundesländern finden keine Ausbildungsplätze, so wie sie es sich wünschen.

Das ist unbestritten richtig.

Aber wir können auch auf vieles zurückblicken, was wir geschafft haben. Die Umwelt ist sauber geworden, Innenstädte, kulturelle Güter konnten gesichert und gerettet werden, wiederaufgebaut werden.

Die Bundeskanzlerin vergisst an dieser Stelle zu erwähnen, welchen Preis das hatte und hat. So geht es vielen Kommunen in Nordrhein-Westfalen erheblich schlechter als Städten in Ostdeutschland. Trotzdem müssen sie weiterhin Transferleistungen erbringen. Mittel, die sie nur durch weitere Verschuldung aufbringen können. Innenstädte verslummen, die Arbeitslosigkeit wächst, bedingt auch durch den Strukturwandel in NRW.

Wir haben völlig neue innovative Arbeitsplätze schaffen können. Die Menschen können reisen und sich entfalten, wie sie es früher nie gekonnt haben.

Richtig. ABM-Maßnahmen und Ein-Euro-Jobs gab es zu DDR-Zeiten nicht. Das ist wirklich innovativ und neu. Sicher, die neue Reisefreiheit ist was feines. Vielen fehlt aber das Geld für den Urlaub.

Und noch eins kommt hinzu: Der 3. Oktober 1990 hat uns gelehrt, dass Veränderungen etwas Positives sein können.

Allgemeinplätze sind doch immer wieder ein beliebtes Ausflugsziel.

Wir wissen heute, dass die Veränderung der friedlichen Revolution Deutschland wieder zusammengeführt hat. Ein Deutschland, das nur glücklich werden kann, wenn es den Aufbau in den neuen Bundesländern ernst nimmt – in Ost und in West.

Merkwürdig, an dieser Stelle fehlt im Videocast das Geräusch von Geld. Wie solidarisch ist eigentlich der Solidaritätszuschlag überhaupt?

Diese Aufgabe ist nicht nur eine Aufgabe der Menschen in den neuen Ländern. Sie ist eine Aufgabe für alle Deutschen, und wenn wir diese Aufgabe beherzt anpacken, wenn wir von unseren gemeinsamen Erfahrungen in Ost und West lernen, dann werden wir unseren Beitrag dazu leisten, dass sich Deutschland weiter gut entwickeln kann und ein verlässlicher Partner in Europa und in der Welt ist.

Bla, bla bla. Immer schön die Probleme unter den Teppich kehren. Jemand gemeines würde jetzt sagen, dass die Deutsche Einheit Schuld daran ist, dass wir jetzt mit so einer Bundeskanzlerin gestraft sind. Das würde nun aber wirklich zu weit gehen.

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