Ethik in der Nussschale

Ethik in der Nussschale

Schade, sehr schade, wenn sich anerkannte Wissenschaftler mit einem sehr guten Standing und beachtlichen Büchern mit nur einer Aussage selbst disqualifizieren. Wenn sie mit einem Zitat zeigen, dass sie von ihrem Fachgebiet zwar viel verstehen, ihnen aber Demokratie, Meinungsbildung und Ethik fremd sind.

Das Stephen Hawking jetzt behauptet hat, reaktionäre Kräfte in Europa würden die Stammzellenforschung verhindern, ist befremdlich. Die Wahrheit ist auch Lichtjahre von dem Bild entfernt, welches Hawking heraufbeschwört mit seiner Aussage.

Unabhängig davon, welchen persönlich Standpunkt jemand in der in Europa geführten Diskussion vertritt, wird er nicht bestreiten können, dass es eine Vielzahl von Argument gibt, die für bzw. gegen Stammzellenforschung sprechen. Es wird auch niemand bestreiten wollen, dass diese Argumente zur Zeit sorgsam abgewogen werden und es ganz danach aussieht, dass ein tragfähiger Kompromiss gefunden wird, der beide Seiten berücksichtigt.

Das ist nicht reaktionär, sondern eine Frage von gesellschaftlicher Verantwortung, der in Europa dazu führt, das bedingungsloser Fortschrittsglaube gebremst wird, wenn er ethischen Grundsätzen zu wieder läuft, unabwägbare Risiken mit sich bringt oder der Gesellschaft keinen Nutzen verspricht. Wie das in Amerika aussieht, steht auf einem ganz anderen Blatt.

Das Hawking auf Grund seiner Erkrankung ein persönliches Interesse an der Stammzellenforschung hat ist nachvollziehbar. Dennoch sollte er in der Lage sein, einen Entscheidungsprozeß in seiner Komplexität zu erfassen und etwas differenzierte darüber zu urteilen.

6 Replies to “Ethik in der Nussschale”

  1. Um Hawkings Standpunkt ganz zu verstehen, muß man eine frühere Aussage von Ihm dazu nehmen, damit das ganze Bild erscheint.

    Hawking vertritt schon seit langem die Ansicht, das die Evolution, die lange Zeit die einzige Form von Datenübermittlung und verarbeitung war, mit der Entwicklung des Menschen bzw. anderer ähnlich komplexer Wesen, von deren Existenz wir aber noch nichts wissen, an ihre Grenzen gestoßen ist. Zumindest was unseren Planeten betrifft, sind wir die einzige Spezies, Informationen speichert, verarbeitet und an die nächste Generation weitergibt. Die biologische Evolution kann als Motor der weiterentwicklung des Menschen nicht mehr mit der Geschwindigkeit mithalten, die der Mensch sich seiner eigenen Weiterentwicklung zu eigen gemacht hat. Deshalb kann der Mensch sich, um dieses Tempo beizubehalten und sich zu entwickeln, nur selber die treibende Kraft in der Weiterentwicklung sein. Diesen positivistischen Grundansatz trennt er übrigens sehr strikt von ethischen Ansätzen, wie er in seinem Buch „Das Universum in der Nußschale“ gegen Ende darlegt.

    Ich denke, die Sache ist zu facettenreich, um auf eine Aussage begrenzt zu werden. Allerdings wird die Ethikdiskussion, so finde ich, in Europa sehr einseitig geführt. Das liegt sicherlich auch an der großen Verankerung des katholizismus in Europa und dessen ethischen Prinzipien. Auch wenn ich mit den Ergebnissen der Beratungen bisher dacore gehe, so würde ich mir doch eine offenere Diskussion wünschen.

  2. Hawking hat den Satz „Europa sollte nicht dem reaktionären Beispiel von Präsident Bush folgen“ in Bezug auf die komplette Streichung der Förderungsgelder für Stammzellenforschung in der EU gesagt. Und damit hat er denke ich vollkommen recht. Das man nicht jede ethische Grenze überspringen muss ist richtig, aber die Forschung überhaupt nicht zu unterstützen ist nun wirklich reaktionär.

  3. Unglücklicherweise findet sich nirgens das, was er wirklich gesagt hat, sondern nur aus dem Zusammenhang gerissen Zitat. Zwar realtiviert das von LeSven angeführte Zitat die von mir zitierte Aussage – diese findet sich aber auch im englischen Original wieder: „Stephen Hawking, the world’s best-known living scientist, has attacked „reactionary“ forces in Europe and America which are trying to ban research into stem cells from human embryos.“

    Ich bin auch nach wie vor nicht der Meinung, dass die Ethik Diskussion in Europa zu einseitig geführt wird. Generell sollte auch Forschung niemals im rechtsfreien Raum stattfinden, sondern immer der gesellschaftlichen Kontrolle unterworfen sein.

  4. Das ist richtig Thomas und auch ich bin da eindeutig Deiner Meinung, nur ist das Meinungsbild und Diskussion hierzulande meine Meinung nach sehr einseitig negativ geprägt. Eine objektive Betrachtung findet meines Erachtens nicht statt.

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über Thomas Boley

Geboren wurde ich im Jahre des Herren 1971 in Wesel am Niederrhein – die Kommentare an dieser Stelle bezüglich des Bürgermeisters bitte verkneifen! Mein Verhältnis zu dieser Stadt würde wohl den Umfang dieser Seite sprengen. Nur soviel sei gesagt: Es ist durchaus durchwachsen, worin es sich aber nicht von meinem Verhältnis zu Bielefeld unterscheidet. Nach dem üblichen Werdegang (Kindergarten, Schule, Abitur, Zivildienst) und den üblichen jugendlichen Irrungen und Wirrungen verschlug es mich zum Studium nach Bielefeld verschlagen. 18 Jahre später ging es dann zurück an den Rhein, in die Domstadt Köln. mehr erfahren