Neue Sterbeplätze

Neue Sterbeplätze

Baustellen kann ich in etwa genauso wenig abgewinnen wie Altenheimen. Besonders arg ist es, wenn beides zusammen kommt, wie aktuell vor unserer Haustür, wo das Rote Kreuz für sein Altenheim neue Sterbeplätze baut. Es scheint so, dass auch beim Roten Kreuz vor allem der Rubel rollen muss.

Wenn ich das schreibe, dann nicht aus purer Böswilligkeit, sondern weil mir bestimmte Ereignisse zu denken geben. Ich kann mich noch gut an die Zeit kurz nach unserem Unzug in die neue Wohnung erinnern. Wochenlang lag an einer Seite des Grundstückes, auf dem das Altenheim steht, ein einsamer Pantoffel im Dreck. Damals ging mir ein Satz durch den Kopf: „Auf der Flucht erschossen.”

Sicher, es gibt durchaus eine Notwendigkeit für Altenheime, die ich nicht bestreiten will. Es wäre aber im allgemeinen sehr zu begrüßen, wenn Menschen am Lebensabend diesen auch in Würde verbringen könnten. Meine Erfahrungen waren aber immer die, dass alten Menschen die Würde genauso wie der letzte Rest Lebensfreude genommen wird.

Ich war ein Garten.

Der Anbau an das bestehenden Altenheim vor der Haustür ist das beste Beispiel dafür. Da, wo jetzt der Bagger wütet, konnten vorher die Omas und Opas (eher weniger, da früher tot) viele schöne Tage im Garten verbringen. Der ist jetzt weg und damit auch ein Stück Lebensqualität. Und wofür? Dafür, dass das Grundstück voll ausgenutzt wird, um auf der Fläche noch mehr „Patienten” (von Kunden spricht in dem Zusammenhang ja keiner mehr) unterzubringen. Menschen, die wehrlos sind, lassen sich halt gut melken.

Die letzten zwei Tage aber werde ich nicht wegen des Baustellenlärms noch lange in Erinnerung behalten, sondern wegen der Schreie einer Oma im Endstadium. Stundelang waren sie durch das offene Fenster des Zimmers zu hören gewesen, in dass sie anscheinend abgeschoben wurde. Die alte Frau litt unter Schmerzen, wie am stöhnen und lallen erkennbar war. Es war offensichtlich, dass es dem Ende entgegen ging.

Ein ehemaliger Nachbar hatte zum Thema Altenheime eine ganz eigene Meinung. Bevor er in eins gehen würde, ließe er sich lieber von seinem Sohn nach Holland fahre, pflegte er zu sagen.

2 Replies to “Neue Sterbeplätze”

  1. Das trifft so ähnlich auf mich zu. Eher geb ich mir eine gezielte Kugel, als den Service der Körperaufbewahrungsanstalten in Anspruch zu nehmen.

    So ist das eben in Zeiten, in denen Menschen nur noch Kostenfaktoren sind. Wir haben selber eine Tante im Altenheim und die Inkompetenz und der Zeitmangel der Pfleger sind teilweise atemberaubend. Regelmäßig 4-6mal pro Jahr kommt die gute ins Krankenhaus, weil sie dehydriert und völlig entkräftet ist. Eine benachbarte Mitbewohnerin ist z.B. eine Nachteule und liebt es lange auf zu sein und zu lesen, was macht das Personal? Gibt ihr Schlafmittel, die arme Frau ist inzwischen so verzweifelt, das ich denke, sie ist bald reif für die Klapse, weil das Pflegepersonal ihre Bedürfnisse nicht interessieren.

    Bei den Kosten, die für so eine Unterbringung aufgebracht werden müssen, und den Zuständen in den Heimen, tendiere ich für unsere Eltern eher zu der älteren Polnischen Dame, die Zuhause die Oma pflegt. Die nimmt sich Zeit, kassiert nicht die ganze Rente ein und nimmt die Bedürfnisse der Alten wenigstens wahr und respektiert deren WÜRDE!

    Doch die Menschenwürde ist ja im Selbstbedienerstaat schon lange sehr antastbar.

    Leider…hoffentlich kann ich da für meine Kids ein Vorbild sein.

  2. Erschreckend ist für mich auch, dass selbst gutes Personal nicht an der Situation in Altenheim ändern kann, wenn hinter den Pflegekräften jemand mit der Stoppuhr steht und vorschriebt, wie viel Zeit für die Betreunung von Oma Müller aufgewendet werden darf.

Kommentar verfassen

über Thomas Boley

Geboren wurde ich im Jahre des Herren 1971 in Wesel am Niederrhein – die Kommentare an dieser Stelle bezüglich des Bürgermeisters bitte verkneifen! Mein Verhältnis zu dieser Stadt würde wohl den Umfang dieser Seite sprengen. Nur soviel sei gesagt: Es ist durchaus durchwachsen, worin es sich aber nicht von meinem Verhältnis zu Bielefeld unterscheidet. Nach dem üblichen Werdegang (Kindergarten, Schule, Abitur, Zivildienst) und den üblichen jugendlichen Irrungen und Wirrungen verschlug es mich zum Studium nach Bielefeld verschlagen. 18 Jahre später ging es dann zurück an den Rhein, in die Domstadt Köln. mehr erfahren