Der Merkel ihre Wundertüte

Der Merkel ihre Wundertüte

Beim zweiten Mal kann eigentlich schon von einer Wiederholungstat gesprochen werden. Rückschlüsse auf den Charakter der Bundeskanzlerin können daraus jedoch erstmal nicht gezogen werden. Aber zur Sache. Vergangenen Samstag wurde, wie angedroht, der zweite Videopodcast von Angela Merkel dem gemeinen Volk vor die Füße geworfen. Wer sich, ausgehend von der Theorie, daß mit der Übung auch Sachen besser werden, eine vor Esprit sprühende Rede erhofft hatte, wurde leider enttäuscht.

Politik macht mde

Frau Merkel wirkte streckenweise so verschlafen, als ob sich Medikamente genommen hätte. Zumindest taugt der Videocast so als Aufklärungsmaterial für das Bundesgesundheitsministerium (Vertragspartner können den fehlenden Link an dieser Stelle bitte selber einfügen), um vor den Folgen des Kiffens zu warnen. Wer als Jugendlicher dieses Video sieht, wird sich keine Tüte mehr basteln – höchstens zu der unter dem Flugzeugsitz greifen.

Kommen wir aber zu dem Inhalt (ja es gab einen) ihrer abgelesenen Ansprache an das was folgt. In der schriftlichen Zusammenfassung der Rede, die sich für die Analyse von Frau Merkels Aussagen besser eignet als wiederholtes Ansehen (in Guantanamo wäre die Vorführung ein erneuter Verstoß gegen die Menschenrechte) fällt etwas sofort positiv auf:

„Herzlichen Dank für die große Resonanz auf meinen ersten Video-Podcast! Mehrere hunderttausend Mal wurde der Podcast in der letzten Woche abgerufen. Ebenso herzlichen Dank für die vielen eMails, die ich daraufhin bekommen habe. Auch wenn ich nicht alle Anfragen selbst beantworten kann: Ihre Meinung zählt – darauf können Sie sich verlassen.”

Nicht etwa, daß sie sich artig für die Rückmeldungen bedankt, daß liegt an der Erziehung und an der für Politiker typischen antrainierten Heuchelei, nein, die Rechtschreibung sollte auffallen. Auch wenn wie hier beschrieben wird, eine ganz andere Schreibweise richtig ist, so sieht das Wort eMail in dieser Form wesentlich moderner und Wärmer aus – schade, daß diese Wärme nicht im Podcast rüber kommt.

Nach der Einleitung geht es dann direkt ans Eingemachte. Frau Merkel erklärt uns die neue Elterngeldregelung, die ab 2007 gelten soll. Selbst die ohne Arbeit (hat eigentlich schon jemand der kinderlosen Frau Merkel gesagt, wie viel Arbeit Kinder machen?) erhalten 300 Euro monatlich für die Kinderbetreuung in den ersten zwölf Monaten. Das Geld wir nicht von den Almosen abgezogen. Was fehlt, ist ein Hinweis darauf, wie das Balg nach Ablauf dieser Zeit durchgefüttert werden soll (oder ist das Elterngeld so eine Art Karnickelprämie, die es zusätzlich gibt?).

Verlängern lässt sie die Auszahlungszeit nach Aussage von Frau Merkel wie folgt:

„Wenn sich Mutter und Vater die Betreuung ihres Kindes teilen und der Partner mindestens zwei Monate zu Hause bleibt, erhalten sie 14 statt 12 Monate Elterngeld.”

Liebe Frau Bundeskanzlerin, wenn sich in Deutschland Mutter und Vater die Betreuung ihres Kindes teilen, bedeutet das in der Regel eins: sie haben sich scheiden lassen. Aber das nur mal am Rande.

Ihr nachfolgender Satz sagt viel über die Regierungsarbeit über die große Koalition:

„Wir beschreiten damit sehr bewusst einen ganz neuen Weg.”

Wer ist wir? Vermutlich nur die Bundesregierung. Dort hat wohl keiner daran gedacht, daß es zur Aufgabe von Politikern gehört, die Bürger auf diesen Weg mitzunehmen (nur wenn er gradewegs auf den sichern Abgrund führt, können sie ihn besser alleine gehen). Eine Politik von oben herab, wie sie zur Zeit in Berlin gemacht wird, funktioniert nicht. Eigentlich sollte gerade Frau Merkel das genau wissen, wenn sie ihre Vergangenheit noch nicht allzusehr verdrängt hat.

Wie sehr unsere Bundeskanzlerin missverstanden wird, zeigt auch dieser Satz:

„Und ich wünsche mir noch etwas: Dass mehr und mehr Unternehmen ihren Mitarbeitern die Chance geben, eine Zeit lang zu Hause zu bleiben und ihre Kinder zu betreuen – ohne einen Karriereknick befürchten zu müssen.”

Der durchschnittliche Unternehmer hört nämlich nur die ersten Worte und verinnerlicht folgendes:

„Ich wünsche mir, daß mehr und mehr Unternehmen ihren Mitarbeitern die Chance geben, eine Zeit lang zu Hause zu bleiben.”

Angesichts der Arbeitslosenzahlen kann wohl gesagt werden, daß dieser Wunsch fleißig erfüllt wird.

Was dann noch folgt im Videocast, sind ermüdende Appelle und Beschwörungsformeln. Damit wird Angela Merkel weder Paare dazu ermutigen, sich für ein Kind zu entscheiden, noch Unternehmern einen Anreiz bieten, Betriebskindergärten zur Verfügung zu stellen. Denn auch wenn diese Aussage

„ Wer Kinder erzieht, entwickelt Organisationstalent, Improvisationskünste und Kreativität – und ist damit ein Gewinn für das Unternehmen.”

richtig ist, bedeutet es noch lange nicht, daß deshalb Unternehmer im Sinne des Gemeinwohls handeln werden. In der Vergangenheit jedenfalls hat der überwiegende Teil der Firmen immer wieder nur auf den kurzfristigen Profit geachtet.

Trotz allem warte ich für meinen Teil jetzt schon auf die nächste Ausgabe. Mal sehen, ob Frau Merkel uns dann die Notwendigkeit der Mehrwertsteuererhöhung darlegt oder ob ihr das Eisen dann doch zu heiß ist. Interessant wäre es allemal, in knapp vier Minuten ein komplexes Thema wie dieses so erklärt zu bekommen, daß es nicht nur jeder versteht, sonder auch noch zustimmend nickt und nächstes Jahre an der Kasse nicht mit den Zähnen knirscht.

9 Replies to “Der Merkel ihre Wundertüte”

  1. Danke! Ich hatte gestern erst noch überlegt, ob sich es überhaupt noch lohnt, darüber zu schreiben. Aber da das Echo auf Merkels zweiten Podcast so gering war und vor allem pro Folge 6.500 Euro in den Sand gesetzt wird (wenn man das mal so sagen darf) bot es sich dann doch als Thema an.

  2. „pro Folge 6.500 Euro in den Sand gesetzt wird“… hoolla. Bestätigte Info?

    Naja, immerhin sind ist das Geld diesmal für eine gescheite Produktion ausgegeben worden, für hübsche Bildchen im Hintergrund usw. Technisch gefällt mir das Ding jetzt sogar einigermaßen. Im Gegensatz zum Ersten. Und nur technisch gesehen.

    Ich denke, sie hat sich merkbar Mühe gegeben, das ganze frischer und motivierter zu machen. Auf die Wundertüte habe ich nicht geachtet, aber das Ding auch nur einmal gesehen. Das reicht.

    Mal vom Inhalt abgesehen, ist Frau Merkel bzw. ihre Berater sicher lernfähig, was Videos machen angelangt.

    Ich bin am überlegen, ein kleines „Merkel Videopodcast-Blog“ aufzumachen, wo verschiedene Leute jeweils das aktuelle Podcast aus ihrer Sicht beurteilen. Hätte da jemand Interesse sich – zumindest aus inhaltlicher Sicht – zu beteiligen? Ich weiß selber nicht, was ich davon halten soll. Aber so könnte für Frau merkel .eine. Anlaufstelle entstehen, wo sie sich das öffentliche Feedback abgreifen kann.

  3. Ja, das mit den 6.500 pro Folge ist bestätigt. Ging auch durch die große Presse und zahlrreiche Blogs. Btw.: Aktuell gibt es sogar eine Ausschreibung für die Produktion weiterer Folgen.

    Ob Frau Merkel lernfähig ist, weiß ich nicht. Anpassungsfähig wird sie wohl sein. Das mit dem zentralen Punkt, wo sich alle Kritiken finden wäre eine Überlegung wert. Blog plus Feedplugin, das dann die Headlines einließt und darüber weiterleitet, könnte ich mir vorstellen.

    Ah, noch was baex: Ich kann bei dir auf der Seite nicht kommentieren. Meine Kommentare frisst irgendwie immer das System :-(

  4. :O Hast du gerechnet? Ist bei mir unter dem Button… Ansonsten wüsste ich nichts was dich fressen könnte… Schau aber mal danach, danke für den Hinweis.

  5. Jepp, bei mir macht er das selbe, wenn ich nicht angemeldet bin… Heut mittag wird mir nicht langweilig… Mist, was könnte denn das sein?…

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über Thomas Boley

Geboren wurde ich im Jahre des Herren 1971 in Wesel am Niederrhein – die Kommentare an dieser Stelle bezüglich des Bürgermeisters bitte verkneifen! Mein Verhältnis zu dieser Stadt würde wohl den Umfang dieser Seite sprengen. Nur soviel sei gesagt: Es ist durchaus durchwachsen, worin es sich aber nicht von meinem Verhältnis zu Bielefeld unterscheidet. Nach dem üblichen Werdegang (Kindergarten, Schule, Abitur, Zivildienst) und den üblichen jugendlichen Irrungen und Wirrungen verschlug es mich zum Studium nach Bielefeld verschlagen. 18 Jahre später ging es dann zurück an den Rhein, in die Domstadt Köln. mehr erfahren