Doppelt gezahlt

Doppelt gezahlt

Für die Freilassung der beiden deutschen Geisel im Irak sollen angeblich zwei Osthoff (also 10 Millionen Dollar) gezahlt worden sein. Im Gegensatz zur Archäologin machen die beiden Ingenieure aber eine gute Figur. Sie lassen sich massengeschmackstauglich als Entführungsmärtyrer verwerten.

Es ist immer wieder erstaunlich, wie viel unbewussten Zynismus Menschen aufbringen können. Da werden 99 Tagen lang in Leipzig Kerzen entzündet und Mahnwachen veranstaltet für den Gegenwert von zwei Menschenleben.

In der gleichen Zeit sterben in der so genannten Dritten Welt tausende von Menschen an den Folgen von Krieg und Unterernährung.

Ich kann mir nicht vorstellen, daß Jesus mit der Nächstenliebe gemeint hat, daß wir nur die lieben sollen, die uns nahe stehen. Nicht ohne Grund lässt Friedrich Nietzsche seinen Zarathustra sagen:

„ Eure Nächstenliebe ist eure schlechte Liebe zu euch selber. Die Ferneren sind es, welche eure Liebe zum Nächsten bezahlen.”

Der Nächstenliebe stellt er die Fernstenliebe gegenüber. Nicht, daß das Mitleid und Solidarität mit den Entführten nicht angebracht wären – aber es wäre schön, zumindest einen Augenblick darüber nachzudenken, ob Nietzsche nicht recht hat. Viel zu häufig vergessen wir, wer unserer Liebe bedarf.

2 Replies to “Doppelt gezahlt”

  1. Es ist halt wieder ein schönes Beispiel für Medienwirksamkeit. Mein Gott, wie langweilig wäre es doch, täglich darauf hinzuweisen, wieviele Leute in der dritten Welt wieder mal an Hungersnot, Seuchen, etc. krepiert sind – das liest doch keiner, und ausserdem sehen die doch eh alle gleich aus, und sowieso, ich will Action!

    Das für mich immer noch prominenteste Beispiel ist Prinzessin Diana vs. Mutter Theresa. Letztere ist ein paar Tage nach der ersten gestorben, aber was klingt besser: ’ne geile Verfolgungsjagd, bei der sich das Auto noch um ’nen Pfeiler biegt oder ein stiller Tod einer Frau, die ihr ganzes Leben anderen Menschen gewidmet hat? Richtig…

    Ich hoffe die Ironie in dem Kommentar ist erkennbar.

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über Thomas Boley

Geboren wurde ich im Jahre des Herren 1971 in Wesel am Niederrhein – die Kommentare an dieser Stelle bezüglich des Bürgermeisters bitte verkneifen! Mein Verhältnis zu dieser Stadt würde wohl den Umfang dieser Seite sprengen. Nur soviel sei gesagt: Es ist durchaus durchwachsen, worin es sich aber nicht von meinem Verhältnis zu Bielefeld unterscheidet. Nach dem üblichen Werdegang (Kindergarten, Schule, Abitur, Zivildienst) und den üblichen jugendlichen Irrungen und Wirrungen verschlug es mich zum Studium nach Bielefeld verschlagen. 18 Jahre später ging es dann zurück an den Rhein, in die Domstadt Köln. mehr erfahren