Tschernobyl

Vor 20 Jahren explodierte in Tschernobyl (Ukraine) der Reaktor des Atomkraftwerkes. Die Katastrophe von damals hat bei vielen Menschen Spuren hinterlassen – sichtbare und unsichtbare. Das Vertrauen in die Aussage von Politikern und Wissenschaftlern, Atomkraft sei eine sichere Sache, wurde spätestens nach dem Unfall gründlich erschüttert.

Nach so langer Zeit sind viele Fragen nach wie vor nicht geklärt. Bei vielen Bundesbürgern stehen aber nicht diese Fragen in diesen Tagen im Raum, sondern ihre persönliche Bilanz, nicht ihre Erinnerungen an das, was geschehen ist, denn ist in fast allen Medien präsent, sondern an das, was sie selber erlebt, gefühlt, gedacht haben vor 20 Jahren.

Ich selber steckte dort mitten in der Pubertät. Ähnlich wie radioaktive Strahlung kann das ziemlich belastend sein. Soweit ich mich heute zurück erinnern kann, war Tschernobyl in der Schule kein Thema. Am westlichen Rand der alten Bundesrepublik aufgewachsen, vermittelte die geographische Lage vielleicht so etwas wie ein trügerisches Sicherheitsgefühl.

Die Bedrohungen durch Rheinhochwasser waren wesentlich näher und vor allem greif- und sichtbarer. Radioaktive Strahlung dagegen unsichtbar. Ein lautloser Killer.

Sicher, zu Hause wurde auf Pilze (soweit sie denn aus dem Wald stammten) verzichtet. Ob das ebenso mit Milch gemacht wurde – ich denke nicht.

Wenn ich alte Texte von mir rauskrame, stelle ich zwar streckenweise auch eine Angst fest, die sich durch die Texte zieht, aber es ist weniger die Angst vor einem Atomunfall als vor einem Atomkrieg.

Gerade in der Zeit unmittelbar nach Tschernobyl gibt es in meinen Erinnerungen ziemliche Lücken. Soweit ich das noch weiß, habe ich mich an keiner Aktion, Demonstration oder sonst was beteiligt – genauso wenig wie meine Mitschüler.

Ein Jahr später sah das anders aus. Das politische Wesen in mir war erwacht und versuchte sich auszudrücken. Vielleicht doch eine Folge von Tschernobyl?
Für die Schülerzeitung schrieb ich einen Text über die Folgen der Strahlenkrankheit – zwei Jahre nach Tschernobyl.

Vielleicht war es bei mir wie bei meinen Mitschülern und Freunden ein kollektive Lähmung, die uns damals nicht handeln ließ. Vielleicht aber auch nur mangelnde Reife oder schlicht die Tatsache, daß wir noch zu jung waren.
Der Strahlenwolke wäre letzteres aber ziemlich egal gewesen.

Vier Jahre nach Tschernobyl jedenfalls war diese Lähmung überwunden. In einer heftigen Pendelbewegung zum anderen Extremen wurde gegen den Golfkrieg demonstriert. „Kein Blut für Öl” Das hat sie viel stärker in meine Erinnerung gebrannt als die verstrahlte Milch nach Tschernobyl.

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