Urschrei im Supermarkt

Nichts verrät mehr über den Seelenzustand der deutschen Nation wie ein Einkauf in einem ganz normalen Supermarkt. Es stellt sich der Eindruck ein, trotz des riesigen Warenangebotes in die Steinzeit zurückversetzt worden zu sein – zumindest wenn die Verhaltensweisen mancher Mitmenschen als Maßstab genommen werden. Fehlende Kulturtechniken im Umgang mit dem Warentrenner lassen sich noch bequem übersehen. Ein regelrechter Verteilungskampf setzt aber bei den Warteschlangen vor der Fleischtheke ein.

Fleisch, ein archaisches, vor Kraft strotzendes Lebensmittel weckt den Jagdinstinkt. Während die Beute bereits hinter der Theke fertig zerlegt bereit liegt, wird anderen Kunden aufgelauert auf das sich keiner einen Vorteil durch Vordrängeln verschafft. Mit der Inbrunst des Höhlenmenschen wird das Revier verteidigt. Nicht Geiz, sondern anderen das letzte Stück Schinkenbraten wegzuschnappen ist geil. Natürliche Selektion im Supermarkt, denn nur die Starken kommen zu ihrer Nahrung, während der Schwächling seinen nahezu leeren Einkaufswagen auf der verzweifelten Suche nach Essbaren immer wieder durch den Lande schiebt.

Im harten Verteilungskampf werden die Methoden auch immer ausgefeilter. Das versehentliche Vertauschen des Einkaufswagens ist dabei noch sehr subtil und vollzieht sich in der Regel in aller Heimlichkeit, ohne daß das Opfer im ersten Moment etwas mitbekommt. Brachialer ist der der vorgetäuschte Überfall. Dem Opfer wird dabei mit einem scheinbar achtlos quer in den Gang gestellten Wagen der Weg versperrt. Durch schlechte amerikanische Filme und Serien vorbelastet, führt dies zur erwünschten Reaktion beim Opfer: Panik, Schweißausbruch und Rückzug. Steigern lässt sich dies noch durch die Variante, daß im Moment des Rückzugs andere von hinten mit ihren Einkaufswagen drängeln und schimpfen und so dem Opfer den Rückweg versperren. Die Demütigung ist dann perfekt, wenn in dem Moment, wo das Opfer versucht, den anderen Wagen vorsichtig aus dem Weg zu schieben, eine Mutter mit Kind auf dem Arm hinter einem Regal hervortaucht und ihren Wagen freundlich lächelnd weiterschiebt als sei nichts gewesen.

Die einzige Möglichkeit, in dieser Situation angemessen zu reagieren ist angesichts eines den Weg versperrenden Wagens sofort auf Ramgeschwindgkeit zu gehen und das Hindernis kraftvoll beiseite zu drängen. Frei Fahrt für frei Einkaufswagen! Eventuell entrüstet auftretenden Mitmenschen wird dann die Keule übergezogen oder, wenn diese nicht zur Hand sein sollte, ein passender Spruch um die Ohren gehauen. Die letzte Nahkampfzone ist und bleibt aber der Kassenbereich. Hier gilt ist, seine verderbliche Nahrung ohne Rücksicht auf Wartende so schnell wie möglich an der einzig wahren Autorität im Supermarkt vorbei zu bekommen: Der Kassiererin. Ihre alles wissende Kasse richtet darüber, ob das Obst und Gemüse richtig abgewogen wurde. Gefürchtet auch der Moment, wenn die Kasse keinen Preis findet und von der Hohenpriesterin quer durch den halben Verkaufsraum gerufen wird: „Erna was kostet (Platzhalter für peinliches Produkt)?”

Die Zufriedenheit, wenn der Kassenbereich endlich endlich hinter einem liegt, lässt sich nur mit dem Hochgefühl aus vergangenen Tagen vergleichen, wo auf der Rückreise aus dem Nachbarland der freundliche Zollbeamte mal wieder um eine Stange Zigaretten beschissen wurde. Fröhlich grunzend wird der Einkaufswagen zum Parkplatz geschoben, doch vor der heimatlichen Wohnhöhle wartet noch der nächste Dschungel.

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