Fernsehduell Merkel vs. Schröder

Hier das Duell von Gerhard Schröder und seiner Herausforderin um das Kanzleramt, Angela Merkel – teilweise aufgeschrieben, wie immer hämisch kommentiert und manchmal mit kritischen Anmerkungen als Sättigungsbeilage. Eine kleine Zusammenfassung nach 90 Minuten Dauerfeuer. Ein Duell, das gnadenlos ohne Werbeunterbrechung und die Möglichkeit, sich mal eben auf´s Klo zu verdrücken, daherkam.

Bereits im Vorfeld der erste Unmut, ausgelöst durch Peter Hahne vom ZDF. Mit seiner Moderation, wenn man das überhaupt so nennen kann, erinnerte er mehr an einen Song Contest oder an Silvesterfeiern im Fernsehen. Besonders durch seine tollen Zeitansagen wie „Noch 10 Sekunden , es wird spannend” im Vorfeld des TV-Duells hat er sich selbst für seriösen Journalismus disqualifiziert.

Noch ein Sicherheitshinweis: Für die nachfolgenden Inhalte sind die politischen Verwirrungsträger verantwortlich. Sie hören teilweise im Originalton die Matadoren Angela Merkel und Gerhard Schröder, sekundiert von einem vierköpfigen Moderatorenteam bestehend aus Peter Kloeppel und Maybrit Illner (auf der Sympathieseite) und Sabine Christiansen sowie Thomas Kausch (auf der anderen Seite).

Kaltstart des Duells, dann die Frage an Frau Merkel, warum man ihr in der Krise trauen sollte. Darauf Merkel: „… meine Truppen und ich… ”
Mensch, vorher sprach Schröder noch vom Irak-Krieg und Deutschlands Zurückhaltung. Jetzt marschiert Merkel schon mit ihren Truppen zur Regierungsverantwortung. Starker Anfang.

Dann heiße Diskussion um die Ökosteuer, ihren Anteil an den aktuellen Benzinpreisen. Merkel stellt die Ökosteuer in Frage, bekommt von Schröder aber vorgeworfen, dass sie das Geld daraus aber dringend benötigen würde. Leider bleibt ein Punkt unberücksichtigt.
Das Problem bei der Ökosteuer ist, daß dadurch das sie in die Rentenkasse geht, gar keine Ökosteuer, sondern eine Rentensteuer auf Treibstoff ist.

Merkel spricht wie schon so häufig von der „Vorfahrt für Arbeit”. Wenn also die Umwelt über die Straße möchte, sollte sie sich in Acht nehmen, dass sie nicht unter die Räder kommt.

Zu den Sparmaßnahmen einer Regierung Merkel meint Schröder: „Steine statt Brot mit einer Regierung Merkel.” Wenigstens hat man dann was in der Hand, mit dem man ordentlich seinen Protest zum Ausdruck bringen kann.

Zwischenstand: Schröder punktet durch exakte und anschauliche Darstellung und seine ruhige Vortragsart. Merkel kann man deutlich schwer zuhören – ein Eindruck, der sich auch im weiteren Verlauf nicht ändern wird.

Die Diskussion steuert auf Steuermodelle zu und auf die Ideen von Paul Kirchhoff (Schröder: „Der Professor aus Heidelberg…”)

Schröder sinngemäß: 25% Steuersatz für alle durch Streichung von Nachtarbeiterzuschlägen, Feiertagszuschlägen etc. Trifft genau eben die Einkommensschwachen, die damit die Hauptlast tragen. Schröder zerlegt das Modell Kirchhoff und skizziert eine ungerechte Neuverteilung der Lasten. Daraufhin wirft Merkel ein, dass bisher die Leistungsträger im Ausland versteuern. Bugschuß von Schröder mit dem Einwand

„Leistungsträger wie Facharbeiter und andere Arbeitnehmer versteuern in Deutschland.”

Weiter geht es bei Schröder mit der Zerlegung von Kirchoffs Modell, allgemein von Frau Merkel auch als Vision bezeichnet.

„Wieso ist etwas, was negativ in die Lebenswirklichkeit der Menschen eingreift, eine Vision? Ich habe immer gedacht, dass eine Vision etwas positives ist. ”

Frau Merkel spricht sich dafür aus, dass jeder nach seiner Leistung besteuert werden soll. Würde ja bedeuten, dass die, die viel Leisten, mehr zahlen – bedeutet aber nicht, dass die, die viel leisten, viel Lohn bekommen.

In Bezug auf die Arbeitsmarktreform wird Schröder dann persönlich:

„Ist mir schwer gefallen. Ich weiss das es hart ist. Glauben sie mir, ich weiss wo ich herkomme.”

Nach wie vor hat Schröder die rethorische Lufthoheit.

Weiter geht es mit den Plänen zur Erhöhung der Mehrwertsteuer. Danach gefragt entgegnet Schröder, dass er die Mehrwertsteuer nicht erhöhen wird. Kann er auch sagen, da er trotz allem nach dem 18. September nicht mehr in der Regierungsverantwortung ist. Für den anderen Fall hat er sich damit festgelegt und es bleibt zu hoffen, dass ihm eine lange Nase wächst, wenn er sich dann daran nicht halten würde.

Weiterhin bleibt es äußerst schwer, Merkel zu zuhören. Daher gibt es hier auch einen größeren Anteil an Schröder Zitaten.

Frontalangriff von Kogel auf Merkel:

„Kennen sie einen Unternehmer, der bei 1% weniger Lohnnebenkosten mehr Arbeitnehmer einstellt?”

Wird von Merkel nur ausweichend beantwortet. Schade eigentlich. Wobei, was hätte sie sagen sollen? Etwa die Wahrheit? „Klar, ich kenne viele Unternehmer, die meinen Wahlkampf finanzieren, die freuen sich jetzt schon einen Ast ab.”

An Merkels Skizze ihres Regierungsprogramms wird von Schröder heftig Kritik geübt:

„Sie müssen erstmal beweisen, dass ihr Konzept erfolgreich ist. Während der Regierung Kohl war es das nicht”.

Wieder ein gelungener Seitenhieb auf Merkels Vergangenheit in der Regierung Kohl.

Dann die volle Salve von Schröder. In Bezug auf Mehrwertsteuererhöhung und die Abführung des Mehrbetrages von den Ländern an den Bund zu Merkel:

„Viel Spaß mit Herrn Stoiber, wenn es um Geld geht.”

Trifft nicht ganz, Herr Schröder, denn damit unterstellen sie ja auch indirekt, dass Frau Merkel die Wahl gewinnt.

Schon besser ist dann die Anmerkung von Schröder zu Hartz IV:

„[…]Arbeitsmarktreformen, die wir im übrigen gemeinsam beschlossen haben, auch wenn sie das nicht mehr wahrhaben will, macht nichts, werd ich auch allein mit fertig”.

Und dann wieder einen Volltreffer von Schröder in Bezug auf das Regierungsprogramm von Merkel und den Vorwurf, in den sieben Jahren Regierungszeit nichts erreicht zu haben:

„Was spricht denn dafür, das die, die es in den 90er Jahren nicht geschafft habe, es jetzt schaffen?”

Dazu Merkel:

„Die Arbeitslosenzahlen sind höher als unter der Regierung Kohl.”

Sorry Frau Merkel, aber sie vergessen, dass im Januar diesen Jahres Arbeitslosengeld und Sozialhilfe zusammengefasst wurde, was sich auch in den Zahlen ausdrückt. Der Vergleich hinkt nicht nur, er kann gar nicht gehen.

Schröder merkt an, dass in den letzten Monaten die Arbeitslosenzahlen gesunken seien. Dazu meint Merkel:

„Das die Arbeistlosenzahlen im Sommer abnehmen, ist normal, im Winter nehmen sie wieder zu.”

Ist eigentlich unbestreitbar, aber selbst daraus kann ein Herr Schröder einen prima Strick drehen, in dem er kongenial kontert:

„Ich dacht, sie sind angetreten, zu verhindern, dass die Arbeitslosenzahlen im Winter wieder steigen.”

Nächste Runde mit dem Themenkoplex Forschung und Umwelt. Merkel will die Innovation stärker fördern und Atomkraftwerke solange laufen lassen, wie sie sicher sind. Dabei lässt sie aus, was sie genau mit “sicher” meint.

Auch für Gentechnik als Innovationsmotor spricht sich Merkel aus und fordert ein anderes Haftungsrecht. Daraufhin bringt Schöder eine sehr schöne Erklärung, was das konkret bedeuten würde. Für den Fall, das ein Produzent Bioanbau betreibt und ein anderer Gensaatgut verwendet, muss ausgeschlossen werden, dass der, der Bioprodukte anbaut, diese mit durch die Genpflanzen kontaminiert werden. Auch führt er an, dass nur wenige Menschen genveränderte Nahrung essen wollen. Für den Fall einer Verunreinigung der biologisch angebauten Nahrung stellt sich die Frage der Haftung. Seiner Meinung nach sollte wie bisher der Verursacher dafür haften und nicht der Staat.

Ein weißer Schimmel von Merkel:

„ …sind wir abschließend zum Schluß gekommen…”

Schröder spricht sich in Bezug auf das Renteneintrittsalter dafür aus stärker zu differenzieren zwischen gesetzlichen Rentenalter und tatsächlichen Rentenalter. Es sollte dafür gesorgt werden, dass sich das tatsächliche Renteneintrittsalter dem gesetzlichen annähert, statt über eine Verschiebung der Grenzen nach oben nachzudenken.

Dann wieder ein Angriff von ihm:

„Kirchhoff vergleicht Rentenversicherung mit KFZ-Versicherung. Menschen sind keine Sachen”.

Eindeutig, dass Schröder besser im Angriff ist als Merkel. Dafür ist ihre Verteidigungsposition manchmal besser. Aus der Defensive heraus zu gewinnen dürfte deutlich schwerer sein.

Dann der Angriff von Kloeppel über die private Flanke: Doris würde sich einmischen (er bezieht sich auf ein Zeitungsinterview), wirft Merkel quasi ihre Kinderlosigkeit vor. Anscheinend vertritt Herr Kloeppel, die Meinung, daß der Lebenspartner einer Kandidatin oder eines Kandidaten für ein politisches Amt sich vor allem dadurch auszeichnet, daß er die Klappe hält.

Schröder sinngemäß: „Ich bin stolz auf meine Frau, die ich deshalb liebe.” (weil sie eine eigene Meinung hat und sich einmischt). Gut geblockt.

Christiansen versucht zum Thema Außenpolitik überzuleiten, in dem sie die schrecklichen Bilder aus den USA heraufbeschwört. Frau Merkel geht auf die Frage nicht ein und nimmt zur Flutkatastrophe in den USA keine Stellung. Zu recht, denn das Thema gehört nicht in die Runde ist als Wahlkampfthema ungeeignet – außer vielleicht für die US-Amerikaner selber, aber das ist ein ganz anderes Thema.

Kausch wird konkreter und schneidet das Thema EU-Beitritt der Türkei an. Merkel lehnt eine Vollmitgliedschaft ab und beharrt auf einer priviligierten Partnerschaft.

Schröder dazu:

„Sie verstehen nicht, welche geostrategische Bedeutung die Einbindung der Türkei hat.”

Da hat er Recht der Herr Schröder. Die Türkei gehört in die EU.

Thema Energiepolitik und die aktuell steigenden Benzinpreise. Die Kandidaten werden in die Mangel genommen und müssen Stellung beziehen.

Merkel sinngemäß: „Breiter, sehr ökonomisch ausgereichtete Energiepolitik.” Moment, hat sie jetzt wirklich ökonomisch statt ökologisch gesagt?

Schröder sinngemäß: „Wir müssen weg vom Öl.”

Böser Patzer aller Moderatoren war die Frage nach einer großen Koalition. Eine solche Frage ist völlig unsinnig, da die Antwort jedem klar sein sollte. Keiner der beiden Kandidaten würde sagen, “Na klar, kein Problem, bin ich dabei.”

Angesprochen auf das Cohen-Bendit Zitat „Ohne Rot-Grün wäre eine Frau als Kanzerlerin und ein Homosexueller als Außenminister nicht denkbar gewesen” kontert Merkel gut mit der Aussage, dass sie ein politisches Produkt der Einheit sei, worauf sie sehr stolz ist, und ansonsten ein Produkt ihrer Eltern, worauf sie auch sehr stolz sei.

Abschlusswort Schröder mit „ich bitte um ihr Vetrauen… ” – wirkt sehr pastoral, aber ansprechend.

In ihrem Abschlußwort wirft Merkel die Frage auf, ob etwas besser geworden ist in den letzten sieben Jahren und spricht die Zweifler an, die eine Wahl haben mit der CDU.

Händedruck der beiden Rivalen, der Vorhang fällt, niemand klatscht, erschöpftes Zurückfallen in den heimischen Fernsehsessel.

Fazit: Klarer Sieg nach Punkten für Schröder. Würde der Bundeskanzler oder die Bundeskanzlerin direkt vom Volk gewählt, stünde der Wahlausgang schon fest. Immerhin war Merkel nicht schlechter, als im Vorfeld befürchtet wurde. Ihre Vorstellung reicht sicher, um sich damit auf eine Assistenzstelle im Umweltministerium zu bewerben. Vielleicht würde sie dann noch was von einem Umweltminister Trittin lernen, denn in Sachen Umweltpolitik hat sie noch große Lücken – aber nicht nur dort.

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