Nur ein Schatten

Wilde Gedanken spuken im Kopf. Während der Tag zu ende ging, verdunkelten sich seine Gedanken. Durch das Opfer würde er sein Leben verlängern. Noch war er unsicher, ob er die Schuld auf sich nehmen und seine Hände mit Blut beflecken könnte. Das Stahlseil lag noch immer auf dem Tisch, wo er es achtlos hingelegt hatte, als er zur Tür reingekommen war. In ihrer Unschuld schlief sie nebenan im Bett, frei von jeglicher Vorahnung. Schweiß bildete sich unter den Latexhandschuhen, die er trug. Zwei Schritte bis zur Spüle. Mit heißem Wasser wurden die Spuren von Lippenstift getilgt. Sorgfältig spülte er das Weinglas aus, trocknete es ab und stellte es zurück in den Schrank. Das benutzte Handtuch würde trocken. Auch seine Tränen würden dies mit der Zeit tun, aber die Narben an seiner Seele würden bleiben. Sie würden bleiben, ihn an sein Vergehen erinnern und sich stetig vermehren. Seinen Hunger konnte er nur für kurze Zeit stillen. Ein eingetauschtes Leben war schnell verbraucht. Die Kurse standen schlecht in letzter Zeit. Von draußen war die Straße zu hören. Fahles Licht schien durchs Küchenfenster, welches seine besten Tage hinter sich hatte. Schmutz und die Schlieren der Zeit hatten ihre Spuren hinterlassen, aber es war nicht blind. Das Licht in der Küche erlosch. Seine Händen ertasteten das Seil auf dem Tisch, liebkosten die kühle, todbringenden Kälte des Materials. Der Spiegel im Flur zeigt den Schatten einer gehetzten Gestalt, die nervös und unentschlossen um sich blickte. Doch die Hände waren sich ihrer sicher und fanden das Ziel. Ein erlöschendes Stöhnen erfüllte die Stille der Wohnung. Langsam füllte der Schatten sich wieder mit Leben.

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