Der Samstag fing zunächst ruhig an, bis morgens dann an unerwarteter Anruf die ruhe durchbrach. Das hat dann allerdings dazu geführt, dass ich mich mit den Möglichkeiten, die unsere Telefonanlage bietet, näher auseinander gesetzt habe. Am Nachmittag wurde das wieder ruhig und auch unsere Vermieterin war wieder aus dem Haus – wobei sie mit uns nichts abzuklären hatte. Auch das Einladungsschreiben von der Personalstelle zu einem Profiling hat mich nur für etwa zwei Stunden geärgert – von wegen Informationsveranstaltung.
Der Abend war dann im Rahmen einer Geburtstagsfeier sehr unterhaltsam und kurzweilig, was ich auch immer daran merke, wie selten ich auf die Uhr schaue. Wieder mal wurde mir klar, wie wichtig nette Menschen im Leben sind und wie unwichtig der Rest doch eigentlich ist.
Heute hatte ich meinen ersten Kontakt mit dem Planeten “Agentur für Arbeit” (AfA) – früher auch bekannt als “Arbeitsamt”. Meine Reise in das Sonnensystem “Behörden”, um mich bei der AfA als arbeitssuchend zu melden, verlief problemloser, als ich dachte. Auch der Aufenthalt auf AfA war verhältnismäßig kurz. Es hat gerade mal zweieinhalb Stunden gedauert, bis meine Daten erfasst waren. Wahrscheinlich war AfA um die Uhrzeit ( 08:00 MEZ, Erde) noch nicht so stark besucht.
Jedenfalls war es schon ein komisches Gefühl. Aber hinterher ging es mir richtig gut. Ich fühlte mich (und fühle mich immer noch) irgendwie befreit. Kann sein, dass es daran liegt, dass ich mir den heutigen Tag einfach frei genommen habe und behauptet habe, es gäbe dafür Sonderurlaub (tatsächlich muss der Arbeitgeber einem frei geben, damit man zur AfA kann, um sich dort zu melden). Es kann aber auch sein, dass man mir auf einmal eine Last von den Schulter genommen hat, die dort schon seit vier Jahren ruht und mich kontinuierlich niedergedrückt hat.
Zusammen mit Nadine habe ich mich heute bei unserer Beraterin der Sparkasse über eine zusätzliche Rentenversicherung und eine Lebensversicherung informieren lassen. Ich muss dabei gestehen, dass ich diese Thema viel zu lange ignoriert habe und mir darüber – ähnlich wie beim Bausparen – absolut keine Gedanken gemacht habe. Mittlerweile komme ich aber in ein Alter, wo ich die Halbzeit erreicht habe. Ich muss nur noch meine aktuelles Alter in Lebensjahren arbeiten. Bei der nicht vorhanden Aussicht auf die Rente macht es schon Sinn, sich mit dem auseinander zusetzten, was einem nach seinem Berufsleben erwartet – auch wenn mir das momentan nach der Kündigung etwas komisch vorkommt. Gleichzeitig trage ich auch Verantwortung für Nadine. Falls mir etwas passieren sollte, kann ich sie nicht ohne finanzielle Absicherung zurücklassen. Daher werden wir dann wohl in den nächsten Wochen bei einem zweiten Termin mit unserer Beraterin eine Lebensversicherung abschließen, um damit dann auch durch die Kapitalausschüttung am Ende der Laufzeit Geld für die Zeit nach der Erwerbstätigkeit zu haben.
Betriebsbedingte Kündigungen teilen die Belegschaft anscheinend – zumindest hab ich das jetzt so erfahren müssen – in zwei Lager. In die, die bleiben dürfen und in die, die gehen müssen (manchmal dürfen sie auch gehen, aber das ist eine ganz andere Sache). Kollegen, mit denen man sich früher gut verstanden hat, werden plötzlich ganz komisch und ändern ihr Verhalten. Man bekommt dann schnell das Gefühl, dass man ihnen nicht so recht mehr trauen kann.
Da denkt man, man sitzt mit allen Kollegen, die auch entlassen wurden im gleichen Boot, bis man dann feststellt, dass das nur die halbe Wahrheit ist. Zwar sitzen alle im gleichen Boot, aber nicht in der selben Klasse. Während ich eine Kündigungsfrist von nur einem Monat haben, haben andere drei und in einem Fall sogar sechs Monate – bei gleicher Beschäftigungsdauer und gleichem Lebensalter. In einer anderen Abteilung wurde sogar Kollegen gekündigt, eine Abfindung gezahlt und den Person gleich wieder ein Honorarvertrag angeboten. Das geht wirklich über meinen Verstand hinaus. Aber bei der Filzgewerkschaft, die dort ihre Finger mit im Spiel hat, wundert mich eigentlich nichts mehr.
Tatsächlich liegt Dortmund westlich von Bielefeld. Al sich heute nach einer Woche Urlaub wieder im Büro war, gab es für mich persönlich keine Neuigkeiten. Vielen Kollegen war allerdings schon mündlich gekündigt worden in einem Personalgespräch letzte Woche. Bei mir hatte man keine Ersatztermin angesetzt und es war auch kein Personalverantwortlicher im Haus. Nun, ich hab dann erstmal ganz normal Unterricht gemacht und an nichts böses gedacht. Nachmittags habe ich dann von Nadine eine E-Mail bekommen. Zwei Mitarbeiter meiner Firma sind über 100 Kilometer nach Bielfeld gefahren, um persönlich ein Schreiben zu zustellen, welches Nadine quittieren musste. Sie sagte mir, dass das Ganze ähnlich wie in Kriegsfilme gewesen sein, wo der Sohn oder der Mann an der Front gefallen ist und zwei Soldaten dann den Bescheid an die Angehörigen überbringen. In diesem Fall war es die Kündigung zum 30. November 2004.
Die Kündigung selber hat mich nicht erschüttert, schließlich habe ich ja damit gerechnet. Was mich aber umgehauen hat, ist die kaltherzige Art der Kündigung. Vor allem aber auch das Unverständiss, warum man so vorgegangen ist. Man hätte mir die Kündigung auch im Büro gegen Unterschrift aushändigen können.
Die nächsten Wochen werden auf jeden Fall noch spannend, da in der Kündigung nichts von der Auffanggesellschaft stand – es wurde nur sehr allgemein auf den Sozialplan verwiesen.
Mulmig war schon ein ein wenig zumute, als die Idee aufkam, sich mit den Mitgliedern meiner Gilde im realen Leben zu treffen. Viele kannte ich ja nur vom chatten. Deswegen fand ich den Vorschlag auch ganz gut, sich auf der Spielemesse in Essen zu treffen – so bestand dann wenigsten die Chance, schnell in der Menschenmenge zu verschwinden, wenn sich herausstellen sollte, dass mir die Gildenmitglieder völlig unsympathisch sind. Glücklicherweise war das gestern ja eher umgekehrt und es war ein wirklich toller Tag in essen. Zwar ein Wenig anstrengen, mit acht Leuten über die Messe zu laufen, aber trotzdem gut. Selbst das (fast) planlose rumlaufen in der Fußgängerzone hat noch recht schnell in ein Restaurant geführt. Der Chinese war zwar etwas durchwachsen in Bezug auf die Qualität und Geschwindigkeit der Bedienung, dafür hatten wir aber einen runden Tisch für acht Personen, an dem man sich prima unterhalten konnte.
Der Abschied morgen im Spiel wird mir daher nicht sehr leicht fallen, weil mir meine Gildenmitglieder schon irgendwie ans Herz gewachsen sind. Aber weiterspielen wäre keine Lösung, da mich das Spiel nicht mehr reizt und ich mich immer wieder über den nicht vorhandenen Support von Sony ärgere.
Dieses Jahr war ich nach einer Auszeit von drei Jahren wieder auf der Spielemesse in Essen. Schwerpunkt war aber nicht die Messe oder das bunte Rahmenprogramm, sondern das Treffen auf der Messe mit Gildenmitgliedern des Reisenden Lotus.
Nach dem Nadine und ich gestern sehr spät erst zu Hause war – wir hätten doch die Variante mit der Übernachtung wählen sollen – hier erstmal nur die wichtigste Erkenntnis. Es hat riesigen Spaß gemacht, die Menschen hinter den Pseudonymen zu treffen und mit ihnen Abwechselung nicht durch dunkle Dungeons sonder durch volle Messegänge zu stapfen.
“Der einzige Vorsatz, an dem ich mich halte, ist mein Bauchvorsatz”. Ganz so schlimm ist es bei mir nicht, aber es ärger mich schon, dass aus meinem Vorsatz, im Urlaub meine Unterrichtsvorbereitung zu machen, nichts geworden ist. Irgendwo zwischen heute und nirgendwo ist wohl meine Motivation auf der Strecke geblieben. Im ganzen Urlaub habe ich auch mehr gefaulenzt, als irgendetwas “anständiges” zu tun – dafür habe ich ja dann noch Zeit, wenn ich nicht mehr nach Dortmund muss.
Da lebt man schon über zehn Jahre in Bielefeld und denkt, man hat sich an alles gewöhnt. Bis man dann mit ostwestfälischen Handwerkern telefoniert. Plötzlich tut sich ein Abgrund auf. Eine unüberwindbare Kluft zwischen Rheinländern und Ostwestfalen. Normalerweise habe ich nie Probleme mit meiner rheinischen Natur in Bezug auf andere Menschen. Mit einer lockeren Grundhaltung kann man schnell ein Gespräch in ganz entspannte Bahnen lenken. Wenn aber der Wortwitz wie auf eine Betonmauer prallt, dann ist man erstmal fassungslos – bis einem klar wird: Mensch, das kann nicht funktionieren, das ist ja ein Ostwestfale. Gut das ich in meinen Schulungen nie Ostwestfalen hatte …